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die nehmlichen Anmutungen, die nehmlichen fragen wurden an mich getan, welche vordem an mich ergingen; die nehmlichen Mittel wurden gebraucht, Dinge aus mir heraus zu schmeicheln und zu foltern, die man zum teil schon recht gut wusste, und von mir nur noch besser erfahren wollte.

Es war in allen so ganz das nehmliche Spiel, dass mein ohnedem genug zerrütteter Verstand oft ganz irre wurde, jene und diese Epoche für ein Ganzes, und das dazwischen liegende für Traum hielt, ach ein langer schrecklicher Traum! Wollte Gott, ich hätte ihn nie geträumt; schuldloser als jetzt könnte ich dann der so lang, so sehnlich erwarteten Nacht der Ruhe entgegen sehen! – –

Meine Feinde wurden endlich müde, mich zu fragen, nicht mich zu quälen. –

Ademar, ich habe dir die Zahl der Jahre genannt, in welchen ich unter ihrer Folter lag. Zwanzigmal dem tod nahe, musste ich dennoch leben, leben zu meiner, vielleicht auch zu ihrer Qual; indessen ihnen immer einer nach dem andern abtrat, vom Menschenwürger schnell oder langsam dahin gerafft, bis ich endlich lauter neue Gesichter um mich sah; einen Kreis von Menschen, die meine Richter sein wollten, die zu gesetzten zeiten mich vernahmen und entliessen, mir drohten und schmeichelten, ohne genau zu wissen, warum, bloss weil sie es von ihren Vorgängern so gesehen, bloss weil sie von ihnen gehört hatten, ich sei eine wichtige person, von welcher sich grosse Dinge erforschen liessen.

Was dieses für grosse Dinge sein sollten, mochte wohl endlich keiner mehr ganz genau wissen, und es kam dahin, dass ich ernstlich und unter harter Bedrohung gefragt wurde: warum ich auf diesem Schloss gefangen säss; die seltsamste unbeantwortlichste Frage unter allen, die ich noch von meinen Peinigern gehört hatte; es war die nehmliche, die ich in dem ersten Vierteil meiner elenden Gefangenschaft tausendmahl an meine damaligen Richter tat, ohne Befriedigung zu finden. Die einige passende Antwort, die mir mein Gewissen gab, und die ich von denen, welche ich jenesmal fragte, mit Recht erwarten konnte, erhielt ich nicht; es war offenbar, dass ich hier nicht so lange Jahre die Fesseln getragen hatte, weil Kayserblut an meinen Händen haftete, sondern aus andern Ursachen, die mir unbekannt waren, und die ich also, da man jetzt mich fragte, nicht angeben konnte.

Man hielt jetzt, da man diese Frage an mich richtete, meine vorgeschützte Unwissenheit für hartnäckigen Starrsinn, gab Befehl für mich, zu neuen Foltern, und wandte mir den rücken, um vielleicht bei irgend einem frohen Gelag den Verdruss über meine Verstokkung zu vertrinken.

Beim nächsten Verhör erzählte ich, zu meiner Rechtfertigung, so viel von meiner geschichte, als davon erzählbar war, und verschlimmerte damit meine Lage noch mehr. Gott weiss, aus welchem Umstand in derselben man mich für einen Anhänger der waldensischen Lehren hielt, Leute, welche damals unter der grausamsten Verfolgung schmachteten.

Unter diesem Namen duldete ich noch einige Jahre

fort; keine Befriedigung, die ich meinen Henkern gab, konnte mir helfen; denn die sorge von geheimnissvollen verborgenen Bewandnissen, die es mit mir habe, erwachte von neuem, und machte meine Ketten unauflöslich. Ich ward unschuldiger Weise in alle rätselhafte begebenheiten der Oberwelt verflochten gehalten, über alle unerklärliche Dinge verlangte man von mir Aufschluss, und stiess mich, wenn ich ihn nicht geben konnte, noch einige Stufen tiefer ins Elend hinab.

Niemand wusste endlich mehr, was er aus mir ma

chen sollte, und dieses vermehrte die Wichtigkeit meiner person; es ward nach zwanzig Jahren, die ich nun schon in diesem Kerker geschmachtet hatte, Sitte, den Hüter dieses Schlosses, den man seit meinem Hiersein zehnmal verändert hatte, meinetwegen allemal beim Antritt seines Amtes besonders zu verpflichten. Man wollte mich schlechterdings nicht missen, ungeachtet man nicht wusste, was man mit mir anfangen sollte; wollte mir keine Linderung meines Elends gestatten, obgleich niemand mein Verbrechen kannte; war entschlossen, mich ehr zu tödten, als mir die Freiheit zu gönnen, die doch niemand schaden konnte.

O Freiheit! Freiheit! unschätzbarstes aller Güter,

was hätte ich auch jetzt mit dir anfangen sollen, nachdem ich dich nun so lange Jahre vermisst hatte? Als ein Bettler, als ein kranker, mutloser, von Gram und Gewissensbissen abgezehrter Greis, hätte ich eine Welt betreten, die mir nun ganz fremd worden war, wo niemand mich mehr kannte. O Freiheit! selbst dich zu wünschen, hatte ich längstens aufgehört.

Ich brachte die letzte Epoche meiner Einkerkerung, bis mein Schutzengel Ademar mir erschien, in einer fast tierischen Unempfindlichkeit zu. Alle meine Gefühle, alle meine Seelenkräfte waren abgestumpft; wahnsinnig war ich nicht; zu irgend einer Ueberspannung gebrach es meinem verstand an Kraft; nein, ich befand mich in einer Art von schwerem Schlummer, aus welchem mich nichts als ein gewaltsamer Schlag erretten konnte.

Du weisst den Vorgang, Ademar, der dieses bewürkte. Ich lebte nun dreissig Jahre in dieser Höle. Du hattest dein Amt elf Monate, als Hüter dieses Schlosses, über mich verwaltet, ohne deinen Gefangenen nur einmal zu sehen. Man hatte dir meinetwegen, weil es Herkommens war, so fürchterliche Eide aufgelegt, dir von mir so grauenvolle Vorstellungen gemacht, dass dir diese Vernachlässigung nicht zuzurechnen ist; ungeachtet derselben ermangelte ich doch nicht, in meiner Tiefe zu fühlen, so gut ich damals etwas zu fühlen vermochte, dass über mir ein milderes Wesen regiere, als