1791_Naubert_079_116.txt

nein! ach nein! schrie sie, ihr seid ein Ritter, was werdet ihr vermögen? nur Wundärzte! Wundärzte! sonst ist er verloren; meine Hofstaat ist nicht weit, dort unten im Tal, unter den Zelten! Ihr seid zu Pferde! eilet! eilet!

In diesem Augenblick zeigte mir der helle Mondschein, dass ich mit Beatrix sprach. Ich erschrack, ich weis selbst nicht warum, doch wollte ich, ohne zu antworten, mein Pferd herumwerfen und ihr Verlangen erfüllen, als die Andere, die ich im Augenblick für meine Schwester erkannte, herbeistürzte und schrie: zu spät! zu spät! der unglückliche Wittelsbach ist nicht mehr!

Wittelsbach? wiederholte ich, indem ich vom Pferde sprang und zu dem Verwundeten eilte. Die Frauen folgten mir, und warfen sich, so wie ich, an Ottos Seite nieder, der auf den Ton von meiner stimme, die Augen noch einmal aufschlug, und schwächlich meine Hand drückte! Ich sterbe, Adolf! lallte er. Und durch wen? schrie ich, durch Kalatin, stammelte er, und schloss die Augen.

Wird nun Kayser Philipps Tochter bald befriedigt sein? rief ich, indem ich mich von dem Sterbenden zu der weinenden Beatrix wandre. Kalatin, der Führer Eures Brautzugs, vollbrachte doch wohl diesen Mord, auf Eurem Befehl.

Schone, schone ihrer, Adolf! schrie Alverde, die mich erkannte, und ihre arme um meinen Hals schlang.

hinweg Schlange! hinweg Brudermörderinn! rief ich, indem ich sie von mit schleuderte, mich wieder auf mein Ross schwang und davon sprengte, um Wittelsbachs Mörder aufzusuchen.

Ich ereilte ihn nicht weit von der Mordstelle, im Tal, er kannte mich so schnell, als ich ihn, er sagte Worte zu mir, die ich so wenig verstand, als er die meinigen. Wir zogen, ich drängte ihn. Er floh, ich war hinter ihm an. Mein Schwerdt verletzte ihn nicht, ich wollte ihn auf dem Leichnam meines Freundes schlachten.

Jetzt waren wir wieder im Angesicht der Frauen; Beatrix stürzte sich zwischen uns. Ganz von Wut verblendet, hätte ich mich nicht gescheut, selbst sie zu verwunden, wenn nicht Kalatin seinen Schild vorgeworfen hätte; er blutete schon aus einer tödtlichen Wunde, die ich ihm in die Seite versetzt hatte. Ich fasste den Zügel seines Pferdes, den er sinken liess; dortin! schrie ich; dein Leben auf dem Unschuldigen auszubluten, den du schlachtetest.

Ich fällte ihn gezwungen, stammelte er; er fiel im Namen der Rächer, die mir das Schwerdt wider ihn gaben!

Stoff zu neuer Verzweiflung lag für mich in diesen Worten. Ich liess ab von dem sterbenden Kalatin, um mich von neuem auf Ottos Leichnam zu werfen, ob noch ein Leben in ihm wäre; er war bereits erkaltet. Voll Entsetzen fuhr ich auf. Gestorben? murmelte ich, indem ich über ihm hing, für mich gestorben? und der, an den ich die Rache zu nehmen schwur, Philipps Mörder, nun auch Kalatins Mörder und der Deinige, lebt noch?

Beatrix, welche dicht neben mir war, musste etwas von den schwarzen Gedanken, über denen ich brütete, erraten. Sie umschlang mich fest und beschwur mich, meiner zu schonen; ich aber entriss mich ihren Armen, erreichte mit einem Sprunge das hohe Ufer, und stürzte mich hinab, in die Fluten der Donau, wo ich das Ende meines Elends zu finden hofte. Ich fand es nicht, nur eine neue Epoche, ach eine lange endlose Epoche! Meine Leiden sollten beginnen

Wahnsinn, die Frucht von einem Gedräng an die Verzweiflung gränzender Gefühle, hatte mich in den Abgrund gestürzt, in welchem ich zu vergehen hofte. Noch erinnere ich mich, dass die Empfindung von der Kälte des Stroms, der mich davon führte, mich wie lindernde Kühlung nach der Hitze deuchtete, dass der Gedanke von der Annäherung des Todes, sich lieblich mit der Vorstellung von endloser Rube nach langer Ermattung verband; nun aber auch weder Gedanke noch Empfindung mehr, sondern ein gänzliches Stillstehn aller Kräfte, ein gänzliches Nichtsein, dessen ewige Dauer für einen Elenden, wie mich, Wohltat gewesen sein würde.

Ach, ich sollte wieder aus demselben erweckt, zu neuen Qualen erweckt werden; eine Hand hatte mich gerettet, welcher ich nicht dankte, da ich zu verblendet war, um den Wert zu erkennen, welchen auch das elendeste Leben hat; auch möchte, wenn Absicht den Gehalt der Tat bestimmt, meine Lebensrettung wohl wenig Dank verdienen.

Den Leuten des Bischofs von Sutri dankte ich meine Erhaltung. Ich war nur darum mit äusserster Lebensgefahr meiner Retter, den Fluten des wütenden Stroms entrissen worden, wurde nur darum mit der übertriebensten Sorgfalt gepflegt, damit durch meinen Tod nicht Geheimnisse verloren gingen, welche man bei mir vermutete, und die man der sorgfältigsten Erhaltung wert hielt.

Ich habe schon im Anfang meiner geschichte gesagt, dass mein Mund und meine Feder, durch fürchterliche Eide gebunden, sich nie deutlich über gewisse Vorgänge meines Lebens erklären werden; es sind hauptsächlich diejenigen, auf welche ich nun stosse.

Sobald ich vermochte das zu überlegen, was um mich her vorging, so musste mir schon mein Schicksal ahnden. Ich sah mich fast in den nehmlichen Händen, in welchen ich mich schon einmal befunden hatte, da ich Gefangener des Bischofs von *** war, aus dessen Händen mich der Erzbischof von Maynz errettete.

Von den Mutmassungen kam es endlich zur Gewissheit;