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wider mich ohnedem Verfolgten, das Schwerdt der Rache noch mehr aufzureitzen; dieses Schreiben soll ihnen ein wenig das Gewissen schärfen, soll ihnen das Elend schildern, das ich bisher erduldete, und das sie noch zu vermehren suchen. Gehen sie in sich, schenken sie dem unglücklichen Otto eine reuende Träne, so bin ich befriedigt, aber auf dem höchsten Gipfel der Glückseligkeit werde ich erhoben sein, wenn Alf von Dülmen mir auch meine dritte Bitte gewährt. O Adolf! Adolf! ich beschwöre dich bei unserer Freundschaft, bei den Geheimnissen des furchtbaren Gerichts, welches mich verfolgt, bei meiner und deiner Unschuld, in der wir beide leiden, beschwöre ich dich, spähe den wahren Mörder Kayser Philipps aus, spähe ihn aus, den Teufel, der auf meine Rechnung die schwarze Tat beging, und mich dadurch in den Abgrund des Elends stürzte, schleppe ihn vor meine verblendeten Richter, dass er gestraft und ich gerechtfertiget werde! – O könnte dies doch vor unserer Reise nach Palästina ausgerichtet werden, die Anerkennung meiner Unschuld sollte dieselbe nicht hindern; mein treuloses Vaterland habe ich in jedem Fall, auf bestimmte Zeit, verschworen; aber welch ein Triumph würde es für mich sein, nicht als ein Flüchtling, nein, als ein freiwilliger Diener des Kreuzes, die heiligen Orte zu begrüssen! O Adolf! ist dir Leben und Ruhe deines Otto noch teuer, so gelobe mir alle meine Bitten, gelobe mir besonders die letzte zu erfüllen."

So endete der unglückliche Pfalzgraf seine geschichte; sie hatte meine Seele bereits in allen ihren Tiefen erschüttert, aber der Schluss überwog alles Schreckliche, das ich gehört hatte; es fehlte wenig, dass ich bei der fürchterlichen Forderung, die er an mich richtete, sinnlos zu seinen Füssen stürzte. Ach, dieser Mörder, dieser Teufel, über welchen er Fluch und Rache herabrief, wider den er meine eigene Faust bewafnen wollte, war ich selbst! Das grauenvolle Bekenntniss schwebte auf meiner Zunge, aber ich vermochte es nicht auszusprechen. Ich riss mich von ihm los, um im Freien meiner Verzweiflung Luft zu machen; mein Leben hieng an einem Haar, mehr als einmal stand ich im Begrif, es auf eine gewaltsame Art zu enden, nur sorge um ihn, den ich ins Verderben gestürzt hatte, nur sorge um den, der, ohne es zu wissen, nach meinem Blute dürstete, bewog mich, die Tat zu verschieben; was hätte aus Otto werden sollen, hätte ich jetzt schon meine Schande und mein Verbrechen in die ewige Nacht begraben, und ihn allein in der Gewalt seiner heimlichen und öffentlichen Verfolger gelassen?

Am Abend kehrte ich in unsere Höle zurück, Otto, rief ich, indem ich seine Rechte mit meiner Rechten ergrif, und die Linke ans Schwerdt legte, deine Forderungen sollen erfüllt werden; auch die letzte, die schwerste unter allen, soll mich nicht schrecken; Kayser Philipps Mörder soll sterben, sterben durch diese Hand, doch nicht eher, bis du in voller Sicherheit bist. Verliert sich einst der unglückliche Alf von Dülmen, du weisst nicht wie, von deiner Seite, so denke an die Rache, die du ihm auftrugst, und beruhige dich!

Wittelsbach sah mich mit starren Augen an, er konnte nicht begreifen, warum ich ihm die Gewährung seiner Bitte, die, wie er meinte, weder viel Bedenkzeit, noch solche Umstände erforderte, auf so ausserordentliche Art kund tat. Er fing an zu grübeln, und da er schon in wenig Stunden auf die Vermutung kam, ich müsse denjenigen kennen, an dem er gerächt zu sein wünschte, müsse ihm irgend mit besonderer Liebe zugetan sein, so fing ich an, mich vor seinem weitern Forschen zu fürchten; er brauchte ja nur noch wenig Schritte zu tun, so war das grauenvolle geheimnis meinem Herzen entrissen, und ich stand als der gehasste, mit seinem Fluch belegte Verbrecher, vor seinen Augen; dieses zu vermeiden, trat ich noch in der nehmlichen Nacht meine Regenspurgische Reise an, in der hoffnung, dass wenn diese geendet wäre, uns die Anstalten zu unserer Wallfahrt nach Palästina genugsam beschäftigen würden, um keine Zeit zu Untersuchungen über gefährliche Dinge übrig zu lassen.

Sie sollten ihm ewig verborgen bleiben, dies war mein Wunsch, auch meinen Tod, den ich ihm gelobt hatte, sollte er nie erfahren, ich wollte sorge tragen, mein unglückliches Leben weit genug von ihm zu enden, damit seine Tage, vom Kummer ungetrübt, mein Andenken ihm heilig bliebe, und er den ganzen Umfang meines kläglichen Verhängnisses nicht eher entdeckte, als in einer Welt, wo andre Urteile, andre Empfindungen über Menschenhandlungen und Menschenschicksale statt haben werden, als in der gegenwärtigen möglich ist.

Nicht, als glaubte ich, die Ewigkeit könne die Tat, die ich beging, und die, zu welcher ich mich damals entschloss, entschuldigen; nein, nur dieses hofte ich, dass kein Gram, kein Mitleid dort die Freuden der Seeligen so trüben könne, als Ottos irdisches Leben getrübt worden wäre, hätte er die Lage des elenden Alf von Dülmen diesseit des Grabes erfahren.

Ich zwang mich, meinen Gefühlen beim Abschied nicht freien Lauf zu lassen, und mich durch das Uebermaass derselben vielleicht abermahl verdächtig zu machen. Ich verwies den zagenden Otto auf die hoffnung des Wiedersehens, von welchem ich selbst überzeugt war, und verabredete mit ihm einen Briefwechsel, in einer holen Weide am Ufer der Donau. Die Vertraute unserer geheimen Korrespondenz war halben weges, zwischen