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und musste mich also allein gegen eine Anzahl verteidigen, die ich nicht nenne, weil das Unwahrscheinliche, das in der Angabe liegen würde, mich erröten macht; es mochten ihrer indessen viel oder wenig sein, die Otten von Wittelsbach als einen Kaysermörder gefangen nehmen wollten, genug die Unschuld siegte, und ich entkam, zwar am linken Arm und an der rechten Schulter schwerlich verwundet, aber doch noch fähig, mich den nachkommenden Verfolgern zu entziehen, die den ganzen Tag bis tief in die Nacht vor dem Orte, wo ich mich verbarg, truppweis vorüber zogen, Fluch und Verderben, über Wittelsbach den Kaysermörder ausriefen! und ihm die schimpflichste Behandlung drohten, wenn er in ihre hände fallen sollte.

Zehenmahl war ich im Begriffe mich meinen Fängern zu ergeben, ich war unschuldig, und Flucht und Verbergung schien mir ein gehässiges Licht über meine Ehre zu verbreiten; der Tod war es nicht was ich scheute, aber mich den Misshandlungen unwürdiger Trossbuben auszusetzen, davor bebte mein Herz; ich wollte eine bessere gelegenheit abwarten, meine Freiheit in die hände der Gerechtigkeit zu übergeben, denn zu fragen, was sie auf mich zu sprechen habe, und sie durch den Beweis meiner Unschuld zu beschämen.

Es war etwas in mir, das mir sagte, dies sei heute bei Tage nicht der Weg sich zu rechtfertigen; die Worte eines freien Mannes seien von mehrer Nachdruck, als die eines Gefangenen, und Flucht würde hier, wo jedermann von einer ganz unerweisslichen Sache völlig überzeugt war, für mich das beste sein. Allein das Wort Flucht, war und blieb mir verhasst, ich wollte wenigstens mein Unglück und den wahren Grund desselben noch erst genauer wissen, ehe ich demselben auswiche.

Es war Nacht, meine Verfolger mussten sich in eine andere Gegend gelenkt haben, der Weg war sicher, und nachdem ich mir meine Wunden elend genug verbunden, und mich mit einem Trunk aus einer nahen Quelle gelabt hatte, wagte ich mich hervor, und eilte gerade auf die Residenz zu, deren Tore ich, ungeachtet der späten Nachtzeit noch alle offen, und die Strassen mit Menschen gefüllt antraf. Es war eine allgemeine Verwirrung, alles schrie über Philipp und seinen Mörder. Das vielzüngige Geschrei das sonst bei jeder Kleinigkeit so widersprechend ist, kam hier völlig darin überein, den Namen Wittelsbach und Kaysermörder zusammen zu setzen; ich war kühn genug, indem ich mich dicht in meinen Mantel hüllte, nach Umständen zu fragen, und man berichtete mir solche, welche mein Blut erstarren, und mich fast zweifeln machten, ob ich auch schuldig oder unschuldig sei. – Gott weiss, ob Mensch oder Teufel sich meiner Gestalt bediente, jene Tat zu vollführen, die mir ewig ein Rätsel bleiben wird, und die auch dadurch mit Wahrscheinlichkeit auf mich fiel, weil man mich wirklich, vom Kayser beleidigt glaubte, und weil ich im Unwillen, manches verdächtige wider ihn redete und schrieb.

In meiner Verhüllung schlich ich mich in die Hallen des kayserlichen Pallasts, wo man die Leiche des Ermordeten ausgestellt hatte, um die Rache des volkes zu reitzen, die doch ohnedem so stark flammte, dass man ihr kaum Einhalt tun konnte. Ich sah auf einem Sessel, neben dem entseelten Körper, einen Handschuh und eine Feldbinde liegen, die der Mörder im Fliehen, verlohren haben sollte, und erkannte beides, bei genauerer Besichtigung für das Meinige.

Ein unnennbares Grauen befiel mich, ob den täuschenden Anzeichen meiner Schuld; mir war es, als müsste ich vor Gott, und mir selbst hier ein feierliches zeugnis ablegen, dass ich kein teil habe an der blutigen Tat. Ohne mich an die drückende Menge zu kehren, die sich an den Schranken häufte, welche man zur Sicherheit der Leiche und ihrer Hüter gezogen hatte, schwang ich mich hinüber, und trat zu der Todtentruhe, bei welcher nur einige Mönche mit ihren Weihwedeln und andern heiligen Gerätschaften beschäftigt waren. Armer Philipp! sagte ich, nachdem ich den so schnell hingeraften Kayser, eine Weile betrachtet hatte, mit halblauter stimme zu mir selbst. Armer Philipp! wie bist du gefallen! – Dein Freund soll dein Mörder sein? – Siehe, ich lege meine Hand auf deine Stirn. Oeffene deinen Mund, lass dein Blut von neuem fliessen, wenn es diese hände waren, die dich verletzten! – Fluch, Fluch über den, der dich tödtete, und einen Unschuldigen mit seiner Schande brandmarkte!

Die Mönche, die mich nicht kannten, aber meine Tat bemerkten, und wohl etliches von meinen Worten verstanden haben mochten, sahen mich staunend an, das Volk, durch welches ich mich jetzt, indem ich mich langsam entfernte, wieder hindurch drängte, wich mir von allen Seiten aus. – Er ist, hörte ich einige flüstern, der Herzog von Braunschweig, der sein Gewissen reinigen, und seine Unschuld vor uns, durch diese Handlung retten wollte. O dies bedurfte er nicht, wir wissen es zu gut, dass der Wittelsbacher die höllische Tat verübte.

Ich erfuhr in der Folge, dass wirklich einige unruhige Köpfe, Herzog Otten von Braunschweig, Philipps Gegner bei seinen Leben, als Teilhaber dieser Tat hatten vorstellen wollen; aber diese Sage machte so wenig Eindruck dass er, wie bekannt, den Kaysernahmen, den er jetzt führt, ohne Widerrede erhalten hat; auch ich selbst kann mich nicht überwinden, hier einen Verdacht auf ihn zu werfen.

Da ich hier mein Leben so tollkühn, auf die Gefahr, erkannt und von dem Pöbel zerrissen