1791_Naubert_079_110.txt

ihr verschwiegt ihr dieselbe aus versehen oder Zufall, ihr schriebt ihr in eurem Briefe ziemlich voreilig und unbestimmt von Eurer Werbung um Adila; sie deutete diese Worte, wie eifersüchtige Liebe sie deuten musste, und daher ihre kränkende Erklärung gegen Euch. Was den Kayser anbelangt, so wisst ihr ja längst, dass man ihm Eure Freundschaft nicht gönnte. Jener Brief ist sicher wieder ein Tück heimlicher Unheilstifter, und ihr müsst seine mündliche Erklärung darüber hören, vielleicht hat er schondenn ihr pflegt immer nicht sehr geheim mit Euren Empfindungen zu seinetwas von Eurem Unwillen vernommen, und er liess vielleicht Euch eben zu sich fordern, um sich mit Euch zu verständigen. Wegen der kastilischen Heirat lasst Euch übrigens nur nicht bange sein; der Kayser ist zu nichts weniger geneigt, als sie einzugehen; Elise bleibt die Eure, und sollte ich hierinn irren, sehet, so gebe ich Euch erlaubnis, Elisen in meinem Namen zur Flucht anzumahnen, und sie so weit hinwegzuführen, als ihr selbst wollt. Die Schwüre, welche Euch beide binden, sind unwiderruflich, nichts kann sie lösen, als unverzeihliches Vergehen des Einen oder des Andern; droht eine andere Hand Eure Bande zu zerschneiden, und wäre es die Hand eines Vaters, so entbindet Euch Furcht vor dem, welcher jeden Meineid rächt, von sonst unauflöslichen Pflichten. Elise flieht mit Euch, sie wird Eure gemahlin, und hat wenigstens meinen Seegen, wenn ihr auch der Seegen Philipps fehlen sollte; doch dies sind Dinge, welche, meines Erachtens, nie wirklich werden können; um Eurer Beruhigung musste ich Euch sagen, was ihr auf jedem Fall zu tun habt; Jetzt verlasst mich, mein Sohn, das viele Sprechen greift mich an; Euer nächster Weg geht zum Kayser, wohin ihr beschieden seid, dann auf einige Augenblicke zu Elisen, und nun in voller Eil nach Sachsen, zu Herzog Bernharden, von welchem ihr, wie ihr mir gleich anfangs sagtet, dringende Briefe habt."

Die Kayserinn hatte recht; auf dem Wege zu ihr empfing ich einen Brief vom Herzog zu Sachsen, der meine schleunige Ueberkunft forderte; in der Bewegung, in welcher er mich fand, war er nur halb gelesen und halb verstanden worden, auch jetzt, da ich die Kayserinn auf ihren Befehl eilig verliess, und ihn, ehe ich zu Pferde stieg, noch einmal las, konnte ich nur wenig Verstand daraus ziehen, indem er sich auf Vorgänge zu Pamiers bezog, die mir ganz unbekannt waren; das einzige sah ich deutlich, dass er schon lang geschrieben war, schon längst in meinen Händen hätte sein sollen, und, vermutlich durch Unvorsichtigkeit des Boten oder Unfall, liegen geblieben sein musste, ihr, Graf Adolf, der, wie Herzog Bernhard schrieb, zur nehmlichen Zeit einen ähnlichen erhieltet, könntet mir vielleicht hierüber Auskunft eben; doch hiervon ein andermahl. Jetzt zur Fortsetzung meiner geschichte.

Aber wie soll ich dieselben beginnen, da sich hier die Schrecknisse meines Schicksals so sehr häufen, dass mir bei der Wiederholung jener Vorgänge die Gedanken fast so gänzlich vergehen, als wie damahls, da ich diese Dinge wirklich belebte.

Noch dünkt mich es ein Traum zu sein, so wie mich es damahls dünkte, dass ich, mit neuen Hoffnungen aus dem mund einer Heiligen belebt dem Unglück entgegen eilte, dass nun erst, da ich glaubte, Elisens Besitz sei mir durch die Ratschläge ihrer Mutter, auf ewig gesichert, sie für mich verlohren gehen musste, dass nun erst, da mein Herz fast gänzlich mit Philipp ausgesöhnt, und mit besserm Zutrauen auf seine Treue erfüllt war, man mich zu seinem Feinde, ach zu seinem Mörder machen wollte.

Wie und in welcher Ordnung all dieses geschah, weiss ich fast selbst nicht mehr, die Streiche des Unglücks stürmten Schlag auf Schlag zu mir ein, wie kann ich genau sagen, welcher mich zuerst, welcher zuletzt traf.

Ehe ich noch die Residenz erreichte, kam mir das Gerücht entgegen, der Kayser sei ermordet, Himmel, sei von mir ermordet! von mir, der ich mit reinen Händen und ausgesöhntem Herzen kam, mir den Nahmen seines Sohns, aus seinem mund bestättigen zu lassen. Kaum hatte ich das Schreckliche und Unbegreifliche, das in dieser Zeitung vereinigt war, ganz überschaut, so waren auch schon die Schwerdter derer mir in dem Nacken, die, wie sie mir zubrüllten, gesandt waren, Wittelsbach, den Kaysermörder, zu fahen, welcher ihrer Rache nicht entfliehen solle.

Ich ein Kaysermörder? schrie ich, indem ich meinen Helm vom haupt riss, und ihnen mein entblösstes Angesicht zeigte, sind dies die Züge eines Verbrechers? – und mein Weg, ist er der Weg eines Flüchtigen? mich dünkt doch, ein solcher würde nicht eben gerade Euch entgegen geflohen sein!

Alles teuflische Verstellung! schrien sie. Wir kennen den Wittelsbacher wohl ohne sein Gesicht zu sehen, wir kennen ihn wohl, auch wenn er Waffen und Kleider verändert hat! Er ist der Mörder unsers Kaysers, und er mag uns auf dem Wege von oder zu der Stelle begegnen, wo er das heilige Blut vergoss, so soll er uns nicht entgehen.

Ich habe es schon mehrmahl in meinem Leben erfahren, dass Wut und Verzweiflung unsere Kräfte bis zum Unglaublichen erhöht; ich erfuhr es auch hier: Ich war ganz allein, ich hatte meine Begleiter schon des vorigen Tages in eine Gegend nahe bei der Residenz beschieden, wo ich ihrer benötigt zu sein glaubte,