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ziemlich kühn, und hatte auf meinen Wanderungen gelegenheit genug, zu erfahren, wie es in der Welt erginge.

Das Gerücht sagte, Wittelsbachs Leben sei der Mahlschatz, mit welchem sich der neue Kaiser das Herz der prinzessin Beatrix erkaufen wolle; ich entdeckte ihm hievon so viel, als er wissen musste, um seine gefahrvolle Lage und die notwendigkeit der Vorsicht zu kennen. Es kam zu ernstlichen Beratschlagungen zwischen uns, wie man sich am besten vor den wachsenden Verfolgungen sicher stellen könne, und wir wurden einig, dass gänzliche Flucht aus dem treulosen vaterland das Beste sei. Otto sollte Mittel suchen nach Palästina unter den Schutz der Fahne des Kreuzes zu kommen; ich versprach ihn zu begleiten, nicht um mein eigenes Leben, sondern das seinige zu retten, und dann zu sterben. Entsündigung am heiligen grab, und der rühmliche Tod, durch das Schwerdt der Sarazenen war das, was ich mir dabei wünschte. Bei dem vollen unaustilgbaren Gefühl meines Verbrechens, empfand ich doch die Verpflichtung immer schwächer, mich dem Schwerdt des nächsten Mörders preis zu geben; Tod für das Wohl der Christenheit war meines Bedünkens besser und verdienstlicher, obgleich freilich für mich Elenden zu schön.

Noch hatte ich es nicht gewagt, Otto um Erzehlung seines Ergehens binnen der Zeit zu bitten, da er von des Kaisers hof schied, um nach Pohlen zu gehen; jetzt an einem vertraulichen Abende kam dieselbe ungesucht zum Vorschein.

"Wohl wenig, so begann mein unglücklicher Freund, wohl wenig dachte ich am Tage jenes Scheidens von Freund und Geliebten, dass ich die letzte nie, den andern so wiedersehen würde. Ach Adolf, die notwendigen Zurüstungen zu unserer orientalischen Reise, machen auch ein Scheiden nötig, wie wird es beim Wiedersehen stehen?

Ich letzte mich mit meiner Verlobten, die nun durch die kastilische Heirat auf ewig für mich verloren ist. Mir ahndete ewige Trennung, ich tat alles, mir ihre Beständigkeit zu sichern und vergass doch das einige, was Missverständnisse hätte verhüten und unsere Bande troz dem Schicksal unauflöslich machen können; ich sagte ihr nichts von dem eigentlichen Endzweck meiner pohlnischen Reise, nicht aus Misstrauen, das weiss mein Herz; ich habe ihr wohl andere Dinge vertraut, welche ich ihr vielleicht hätte verschweigen sollen; nein, teils weil ich glaubte, Herzog Bernhards Angelegenheiten, die mich nach Pohlen trieben, würden sie nicht sehr interessiren, teils weil schon so viel von denselben in dem mund des gemeinen Gerüchts war, dass ich gar nicht glauben konnte, dass ich ihr etwas neues entdeckte, wenn ich mit ihr von der Liebe meines Freundes zu der schönen Adila von Pohlen und seiner nunmehrigen Werbung um sie, spräche. Die Liebe des Herzogs von Sachsen zu der pohlnischen Prinzessin war alt, war mit tausend seltsamen Schicksalen durchflochten gewesen, die meines Erachtens weltkundig waren. Adilas Jugend und andere Hindernisse hatten den glücklichen Zeitpunkt ewiger Verbindung mit ihrem Erwählten lang verzögert; nun war er endlich erschienen, und Herzog Bernhard ersuchte mich schriftlich, die Heiratswerbung für ihn zu unternehmen, welches ich ihm längst versprochen hatte. Auf Seiten des Herzogs von Pohlen, des Oheims der schönen Adila, gab es noch einige Bedenklichkeiten, die aber nicht besser, als durch meine Vermittlung, und durch das Vorwort des Kaysers, der sich immer für das Haus der Prinzessin interessirt hatte, gehoben werden konnten.

Ich hatte gern in die Forderung meines Freunds gewilligt, hatte bei dem Kayser gesucht, was ich bei ihm suchen musste, hatte Schreiben von ihm an den Herzog von Pohlen erhalten, die er mir selbst vorlas, und die alles das entielten, was ich und Herzog Bernhard zu Erreichung unsers Endzwecks nur wünschen konnten: dieses waren alles Dinge, davon, wie ich meinte, Elisen das hauptsächlichste bekannt sein musste, und davon es nicht der Mühe lohnte, mit ihr zu reden, am wenigsten, bei so einem Abschied, wie der unsrige, da jede Minute uns kostbar war, jede Minute so ganz mit unserer Liebe ausgefüllt ward, dass wir keinen Raum behielten, an fremde zu denken. Gleichwohl ward dieses zufällige Stillschweigen über eine dem Ansehen nach ganz gleichgültige Sache, der Grund meines ganzen unübersehbaren Unglücks. O! wer kannte die feinen Fäden, welche das zarte Gewebe unsers Schicksals ausmachen, hinlänglich, um nicht hier unvorsetzlich zu zerreissen, dort zu verwirren, was die schrecklichsten Folgen zur Vernichtung des Ganzen nach sich ziehen kann! Nichts kann uns bei den Gefahren, welche oft hinter dem kleinsten Umstand lauschen, beruhigen, als die überzeugung, dass jene Macht, welche es zulässt, dass wir oft ohne unser Wissen, wider unser eigenes Glück fehlen, selbst aus der Verwirrung, Ordnung, selbst aus unsrem anscheinenden Unglück, unsere Wohlfart hervorbringen wird; – wie und wo dieser mein fester Glaube an mir gerechtfertigt werden wird, weiss ich nicht. Vielleicht in einer andern Welt, denn für die gegenwärtige möchte wohl nicht viel mehr für mich zu hoffen sein.

Ich trat meine pohlnische Reise an, ziemlich befriedigt durch Elisens Versprechen, dass ich von der kastilischen Heirat, welche ein laufendes ihr ganz unwahrscheinliches Gerücht, damals zum Hauptgegenstand meiner Sorgen machte, nichts zu fürchten habe, dass sie mir treu bleiben wolle, so wahr ich ihr treu bliebe.

Konnte ihre Treue wohl einen festern Grund haben, als die Meinige? konnte ich wohl durch irgend etwas mehr beruhigt werden, als durch die überzeugung, ich bewahre ihr Herz, indem ich das meinige bewahre? Mit gutem Mute richtete ich mein Gewerbe am