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würde, den ich seit einiger Zeit für einen nur verkannten Freund zu halten begunnte, auf Kalatin, der durch seine Warnung vor der greulichen Tat, die mich jetzt ins Verderben stürzte, wieder viel in meiner achtung gewonnen hatte.

Meinen Zustand zu beschreiben, ist unmöglich! niemand als ein selbst Durchächteter weiss, was es heisst, von der ganzen menschlichen Gesellschaft, als ein verdorbenes Glied, abgeschnitten zu sein, und den heimlichen Rächer immer im Nacken zu haben. Selbst den Lebensmüden, wie ich es war, ist diese Verfassung schrecklich, ist ihm ärger als der Tod.

Eins beruhigte mich; vor meinem tod, den ich in jeder Stunde erwarten konnte, noch eine Handlung der Gerechtigkeit getan, und meinem Freunde, Pfalzgraf Otten, dem man des Ansehens wegen, meine Tat aufgebürdet hatte, Ruhe, Unschuld und Ehre, wieder gegeben zu haben. Ich erwartete nun von der Wiedereinsetzung in alle seine Rechte, von seiner Vermählung mit der prinzessin Elise, von der Zurückberufung seiner verbannten Freunde zu hören, aberich wartete vergebens! Der Gerechtigkeit waren zwei Opfer lieber wie eins, was die heimliche nicht forderte, das heischte die öffentliche. Ottos Unschuld war durch meine Schuld nicht erwiesen, ich war durch mein Bekenntniss nur zu seinen Mitverbrecher gemacht worden. Ich hörte, die prinzessin Beatrix habe selbst wider ihn beim neuen Kayser geklagt, seine Braut, die prinzessin Elise sei dem Kastilier gegeben worden, und Otto irre in der Welt umher, unstät und heimlos, wie ich, bis sein Henker ihn finde, und sein unschuldiges Blut vergösse, wie mein verbrecherisches nächstens fliessen sollte.

Konnte mich etwas in einen noch tiefern Abgrund der Verzweiflung stürzen, so war es dieses; doch nein, es drückte mich nicht zu Boden, es ward das Mittel, mich auf gewisse Art vor dem letzten Scheiden noch einmal empor zu richten. Ich wollte und durfte nicht mit Ottos unschuldigem Blut belastet in die Grube sinken, ich wollte und musste ihn retten, mochte es sein auf wessen Kosten es wolle.

Durch Kenntniss der innersten Geheimnisse unsers Bundes im schlauen Herrschen geübt, entdeckte ich den verlassenen Aufentalt, wo Otto lebte, ehr als seine bestimmten Henker. Wie hätte das Auge der Freundschaft nicht schärfer sehen sollen, als das Auge der Rache! – Ich fand meinen unglücklichen, unschuldigen Freund, in einem wilden wald, am Ufer der Donau; eine Höle war seine Herberge, Wurzeln seine Nahrung, und Verzweiflung die Gefährtin seiner Einsamkeit. Verzweiflung, nein, die Unschuld kann nicht verzweifeln, ein leichter Anschein von gebessertem Schicksal, ein kleiner Hofnungsstrahl richtet sie auf. Mich, den Verbrecher, konnte nichts beruhigen, und wär selbst Alix, um deren willen ich zum Verbrecher wurde, aus dem grab aufgestiegen, mich zu trösten, sie hätte es nicht vermocht. Den unschuldigen Otto tröstete ein Nichts, tröstete der Zuspruch eines solchen Elenden, wie ich war.

Wie? schrie er, als ich ihn auffand und mich mit der Erklärung in seine arme warf, ich wolle der Gefärte seines Elends sein, wie? Otto hat noch einen Freund? einen Freund, der ihn unaufgefordert in seiner Verbannung ausspäht, der, da alles ihn zum Verbrecher macht, allein an seine Unschuld glaubt? – O meine Verfolger, nun kann ich Euch Trotz bieten! Freunde, Anverwandte und Geliebte! nun kann ich eure Treulosigkeit vergessen, denn ich habe Alf von Dülmen, der mit mir leben und sterben will!

O wie wenig verdiente meine Tat das Entzücken, mit welchem sie aufgenommen ward, wie gern hätte ich mich zu den Füssen meines unglücklichen Freunds geworfen, und mich ihm als den Schöpfer seines Elends, als den Verbrecher, der ich war, bekannt! aber konnte, durfte ich dieses, ohne meinen ganzen Plan, seine Rettung zu zernichten? Einen schuldlosen Freund nahm der redliche Otto gern zu seinem Leidensgefärten an; aber einen Kaisermörder würde er keinen Augenblick um sich geduldet haben. Hätte er nicht fürchten müssen, der Blitz des himmels müste ihn um meinetwillen in seiner Verborgenheit treffen, wenn ihn das Rachschwerdt verfehlen sollte? – Dieses fürchtete ich nicht, darum gesellte ich mich zu ihm; ich hofte, der Himmel würde das letzte Gebet eines Elenden erhören, und ihm Kraft geben, den Freund zu retten, den seine Verbrechen an den Rand des Verderbens gebracht hatten. Mein Schwerdt sollte Otto schützen, mein Auge für ihn wachen, meine Hand für ihn arbeiten, und mein Mund ihm Tröstungen ins Herz strömen, die meinem eigenen fremd waren. Ich machte mutig den Anfang, und es glückte. Doch mein Gemüt war nicht allemal gleich fähig zu meinen Geschäften. Abwesenheit des Verstandes waren bei mir zur Gewohnheit geworden; ich suchte sie vor Otto zu verbergen, oder meine Zerrüttung auf die Rechnung der verstorbenen Alix zu ziehen. Mein geradsinniger Freund glaubte alles, und versuchte mich oft zu trösten, wie ich ihn tröstete; ach seine Worte waren voll Kraft und Nachdruck, aber sie trafen die Stelle nicht, wo ich am meisten Trostes bedurfte, er kannte sie nicht, die heimliche Wunde, die mir den Tod bringen musste.

Meinen Freund vor jeder Gefahr zu decken, duldete ich nicht, dass er sich ausser den Stunden der Nacht aus seiner Verborgenheit wagte. Ich nahm es auf mich, umher zu gehen und uns die Bedürfnisse des Lebens zu suchen. Mein Leben war mir feil, war mir nur um seinetwillen einiger Betrachtung würdig, ich wagte es oft