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und Rudger widersprach mir nicht, weil ihm wirklich Everts lang ausgeführter Entschluss nach dem heiligen land zu gehen, so unbekannt war als mir; auch ich hätte denselben wissen und vorbeugen können! Evert hatte mir ihn in einem längst vergessenen Briefe mitgeteilt, der so, wie viele andre, ungelesen geblieben war. Der Taumel mannichfaltiger Leidenschaften, in welchem ich die lezt verstrichenen Jahre über gelebt hatte, die mancherlei Vorurteile, von denen ich mich beherrschen liess, und meine eben so mannichfaltigen Schicksale, hatten ja gemacht, dass ich mich immer bloss mit mir selbst, und dem, was gerade vor mir lag, beschäftigte, und alles auf die Seite warf, was mir von einer andern Gegend zukam.

Rudger, der meine fragen um Evert von Remen nicht befriedigend genug beantworten konnte, versprach mir, wenn ich fortführe, ihm durch meine gute Fassung Freude zu machen, mir ein kleines Kästgen mit Briefen zur Unterhaltung zu geben, welche ich ehedem, so wie ich sie erhielt, gelesen oder ungelesen zusammen warf, und die er, nebst andern Habseligkeiten von mir, aus der kayserlichen Residenz hatte herüberbringen lassen. Einige Briefe von Wittelsbach, von Evert von Remen, und andre dem treuen Rudger unverdächtigen Personen, machten die obersten Lage dieser Schriften aus, und er glaubte, nicht allein mir sie ohne Gefahr übergeben zu können, sondern auch grossen Vorteil zu mehrerer Beruhigung für mich daraus zu ziehen.

Ach wie sehr irrte er sich! Unter einem grossen Gewühl gleichgültiger, wirklich ehr zerstreuender als beunruhigender Blätter fand ich auch manches, das alles was Rudger so mühsam herangearbeitet hatte, schnell zu zerstören drohte. Etliche alte nur halb gelesene Schreiben von Evert und Wittelsbach machten mich schon wieder aufmerksam auf Dinge, in deren Vergessenheit jetzt meine einzige Rettung bestand. Die Fragmente jenes Briefes vom Herzog von Sachsen, den ich in meiner Krankheit zerriss, und die hier, Gott weis durch welchen Zufall sich gleichfalls fanden, brachten mir die Tat, welche mich auf Lebenszeit unglücklich machte, und vor welcher er mich so treulich warnte, lebendig vor Augen, und einige Zettel von Alverden und Kalatin vollendeten das Ganze. Es waren die zulezt erhaltenen, deren ich aber gedacht habe, und ich rücke sie hier ein, weil sie kurz genug sind, um mir in den Gedanken geblieben zu sein, und weil man aus ihnen am besten sehen kann, welches meine Gefühle nach ihrer Vorlesung sein mussten.

Alverde an ihren Bruder.

"Was habe ich dir getan, Adolf! dass du mich von deiner Schwelle zurückstössest; ach der Verlust der unglücklichen Alix zerrüttet deine Seele, sonst könntest du so nicht handeln! Könnte ich doch dein Gemüt von den gewaltsamen Empfindungen zu sanfter Wehmut herabstimmen, vielleicht möchte dir denn doch geholfen werden. Möchtest du doch Alix beweinen lernen, anstatt dass du durch Rasereien, davon wir täglich hören, dich und sie beschimpfest! Nimm hier diesen Brief, von ihrer Hand geschrieben die mir so oft die Wohltat tröstender Tränen gewährte, vielleicht hat er auf dich die nehmliche wirkung. Behalte ihn, er ist an ihren Bruder, den Grafen von Toulouse; sie empfiehlt mir ihre Bestellung am Tage vor ihrem tod; vielleicht, dass du hierzu ehe gelegenheit haben möchtest, als die unglückliche selbst dem grab nahe Alverde." Ein Brief von Alix Hand! o Ademar, welche Erschütterung! Ja, Alverde hatte recht, er schmelzte mein Herz zu Tränen, er lehrte mich ihre Todesart in mancher Betrachtung wichtiger beurteilen, aber heilender Balsam war er mir darum nicht. Alverde schien die Freundinn der armen Alix bis in den Tod gewesen zu sein; Kayser Philipps Anteil an den Schreckensscenen zu Pamiers ward mir zweifelhaft, aber konnte dies mich trösten, da das, was ich getan hatte, nun nicht ungeschehen gemacht werden konnte?

Kalatins Brief vermehrte diese gefährlichen Eindrücke; so lautete er:

Kalatin an Graf Adolf von ***

"Ihr seid mein Feind, Graf Adolf; die Hartnäckigkeit, mit welcher ihr mir noch zuletzt die Hand Eurer Schwester abschlugt, beweisst es mir. Wie ich gegen Euch gesinnt bin, das gehört nicht hieher, nur einen Freundesdienst muss ich Euch beweisen, wozu mich doch wahrlich weniger die Neigung für Euch, als sorge um die Ehre unsers heiligen Bruders anreizt. Höret und merket wohl auf: Setzet ein Mistrauen in die gerichtlichen Handlungen von Pamiers, hütet euch blutige Auftritte zu vollführen, die ihr da erhalten haben mögt, und wartet auf Herzog Bernhards Entscheidung, welche bald erfolgen muss!

Kalatin."

O warum musste ich diesen Brief, als ich ihn erhielt, unachtsam und voll Groll auf den Schreiber, bei Seit werfen, und ich bekam ihn den Tag vorher, ehe ich meine Hand mit Philipps Blut befleckte, damals wäre es noch Zeit gewesen, der Tat vorzubeugen; doch würde ich mich auch haben weisen lassen? fiel Philipp darum durch meine Hand, weil mir der Herzog von ** zu Pamiers das Schwerdt wider ihn gegeben hatte, oder nicht vielmehr, weil ich ihn für Alix Mörder hielt? war es die Rache der Gerechtigkeit oder eigene Rache, was ich hier verübte?

Meine Gedanken verwirrten sich über diese Betrachtungen, ich wusste nicht mehr, was ich denken oder tun sollte, wusste nicht, ob Philipp schuldig oder unschuldig gefallen war, nur dieses wusste ich, dass ich ein Elender war, der kein dringenders Geschäft hatte, als den Tod zu suchen. Der Gedanke, nach meinem land zu reisen, verschwand ganz, ich wusste