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seid ihr wohl noch! Gott sei dank, dass ich hier bin Euer zu pflegen. Beruhigt Euch nun, alles wird gut werden, was Euch kränkt. Der Herzog von Sachsen entebt Euch jeder schrecklichen Verbindlichkeit; das konnte ich wohl denken, dass es mit jenem Gericht zu Pamiers seine eigenen Bewandnisse gehabt haben würde; schwer wird der Herzog von ** seine Bosheit oder seine Unvorsichtigkeit büssen müssen!

Ach Rudger, rief ich, indem ich seine Rede unterbrach, welche ich weder verstand noch beachtet hatte. Alles möchte gut sein, wenn nur Alix lebte, und Philipp nicht ihr Mörder gewesen wär!

Alix tod? Der Kayser ihr Mörder? Das ist unmöglich!

Sehr möglich, sage ich dir! auch ist die Tat schon gerochen; siehst du Philippen? siehst du ihn bluten? – Nein, nein! es war kein Traum, ich habe den Mörder Konrads und der Nonnen Alix wirklich erschlagen!

Rudger mochte in diesen Worten, so wenig ich auch übrigens bei mir selbst zu sein schien, Wahrheit ahnden, denn er fuhr voll Entsetzen auf, und sprach das Wort: Kaysermord? mit einem Tone aus, der mein Innerstes zerriss. Ich tat einen lauten Schrei und fiel in Ohnmacht.

Ich kann meinen damahligen Zustand mit nichts besser vergleichen, als mit dem Zustand eines Mannes, welcher von Feuer zu träumen glaubt, indessen wirklich die Flammen nahe bei seinem Lager wüten, er ermuntert sich von Augenblick zu Augenblick ein wenig, aber der Schlaf behauptet seine Rechte, er sinkt zurück und träumt den vermeinten Traum fort, bis ein heftiger Schlag ihn auf einmal ganz erweckt, damit der Anblick der würklichen Gefahr, der er nun nicht mehr entfliehen kann, ihn ganz zu Boden stürze.

Das Wort, Kaysermord, aus Rudgers mund, war der gewaltsame Schlag, der mich traf, ich sah auf einen Augenblick hell, um nun Wochenlang nichts mehr zu sehen, und ganz wieder in den Zustand zurück zu sinken, in welchem ich die letzte Zeit nach der Nachricht von dem tod meines Geliebten zugebracht hatte.

Rudgers Gegenwart war meine einige Rettung; er schleppte mich mit hülfe eines vorübergehenden Bauern in seine Herberge, und brachte mich auf ein Bette, von welchem ich lang nicht wieder aufstehen sollte. Meine Krankheit war diesesmahl nicht mit den vormahligen Paroxismen von Wut verbunden, hierzu waren die Kräfte meiner natur zu erschöpft, ich lag fast die meiste Zeit ohne alle Besinnung, und nur Rudgers treue Liebe konnte ihn mit hoffnung zu meiner Wiederherstellung begeistern.

Ja wohl Rudgers traute Liebe! Liebe gegen einen Menschen, den er im grund verabscheuen musste! Was hatte ich getan! Wo war die Entschuldigung meiner Tat! Das kleinste Nachdenken über dieselbe musste mich in Verzweiflung stürzen, und eben darum suchte es Rudger zu verteidigen. Er sprach nie mit mir über diese Dinge. Die Umstände von des Kaysers Ermordung hatte er indessen durch das Gerücht erfahren, er hatte also nicht nötig, hievon noch etwas bei mir zu erfragen; einen Punkt, der seinem redlichen Herzen den peinlichsten Kummer machte, den, dass man den unschuldigen Otto von Wittelsbach für den Täter hielt, weil man seine Gestalt für die meinige genommen hatte, verschwieg er mir; vornehmlich er konnte urteilen, was diese Entdeckung, auf welche ich, so natürlich sie war, nicht von selbst fiel, für einen Eindruck auf meine ohnehin zerrüttete Seele machen müsse.

Ottos Unschuld wäre von meiner Seite nicht anders zu retten gewesen, als wenn ich mich selbst als den Schuldigen bekannt hätte, ich würde es unausbleiblich getan haben, und dieses wollte Rudger verhüten; nicht gestraft, nein gerettet wollte er mich sehen. Das erste Mittel hiezu war Flucht, aber wie sollte er dieselbe bei mir in Vorschlag bringen? schon dieses Wort würde mein Gewissen geweckt haben, das er, weil er sein fürchterliches Erwachen besorgte, gern noch im Schlummer erhalten wollte. Sobald meine Gesundheit Entfernung von dem Orte, wo ich bisher gelebt hatte, erlaubte, schlug er eine Reise nach meinen Landen vor, wo man meine Abwesenheit, meine zu diesem Endzweck künstlich genug veranstaltete Abwesenheit wohl genutzt und alles unter und übergekehrt hatte. Meine meisten Besitzungen waren wieder in den Händen des Bischofs von Bremen und Münster; und wenige meiner Untertanen hielten noch treulich an ihrem Herren, und ihre hülfe war es allein, auf welche Rudger die Wiedererlangung meines Eigentums baute. Um mein Nachdenken ganz auf eine andre Seite zu lenken, sprach er mir unablässig von diesen Dingen, und es gelang ihm, dass er meine ohnedem schwache Seele dahin brachte, die lezten Vorgänge gleichsam zu vergessen, und nur bei den Epochen früherer zeiten zu verweilen.

Der Gedanke an das Land, wo ich meine erste unschuldsvolle Jugendzeit verlebt hatte, da ich noch weder Liebe, Ehrsucht, noch falsche Freundschaft kannte, da Alix, Philipp und Kalatin, und alle Personen mir noch unbekannt waren, mit welchen mich mein Schicksal in der Folge in so unselige Verbindungen sezte, die Rückerinnerung damahliger ungetrübter nun auf ewig entflohnen Freuden brachte mir natürlich auch Evert von Remen wieder in den Sinn. Ich fragte nach ihm, als nach einem lang vermissten Freunde, die Verleumdungen Kalatins, die ehemals mein Herz von ihm losrissen, waren gänzlich vergessen, und das, was mir Rudger von der Treue und Tapferkeit sagte, mit welcher er sich meinen Feinden in meiner Abwesenheit entgegengesetzt hatte, stärkte meine wiederaufkeimende Freundschaft und meine sehnsucht nach ihm. Ich freute mich, ihn in jenen Gegenden wieder zu sehen,