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Pamiers in mein zerrüttetes Gehirn kamen, noch oben drein verpflichtet glaubte.

Als ich auf die grosse Stiege kam, begegnete mir der Bischof von Kastilien, welcher eben beim Kaiser zur Audienz gewesen war; ich trat auf die Seite ihn vorüber zu lassen, mein Schwerdt zuckte in der Scheide, auch an ihm den Tod der Gräfin von Toulouse zu rächen, aber der Gedanke, ich möchte über das kleinere Opfer meiner Rache, das grössere verfehlen, rettete sein Leben, ich blieb stehen und sah ihm nach. Unten an der Treppe begegnete ihm die Prinzessin Elise, welche auch nach hof berufen und eben aus ihrem Wagen gestiegen war; er demütigte sich sehr vor ihr, und bat sie, mit ihm in eine untere Halle zu treten, weil er Dinge von Wichtigkeit mit ihr zu bereden habe. Ha, sagte ich knirschend zu mir selbst, die künftige Königin von Kastilien; welcher die arme Alix zum Opfer geschlachtet wurde! des Wittelsbachers treulose Braut! der heillose Mönch will sie vermutlich von ihren Schwüren absolvieren, die sie an meinem Freunde brach, und die ihr gottloser Vater sie brechen lehrte. O Otto, Otto! auch zu deiner Rache soll Philipps Blut fliessen! Hier hätte es keinen Auftrags der heimlichen Richter bedurft, ein jeder adlicher Mann ist schon von selbst befugt, solche Gräuel mit dem Schwerdt zu rächen.

In solchen Gedanken, welche zu ziemlich laut gemurmelten Worten wurden, legte ich den Weg nach des Kaisers Gemach vollends zurück. Wie ein Rasender stürmte ich in das Vorzimmer hinein, ich war ganz verblendet; ein der Tür gegen über stehendes Bild des Kaisers hielt ich für ihn selbst, und riss das Schwerdt aus der Scheide es zu durchbohren; Ein gegenüber stehender Spiegel warf Philipps Aehnlichkeit täuschend zurück, und liess mich den zweiten Stoss eben so vergeblich anbringen, so taumelte ich mit entblösstem Stahl von einem zu den andern, bis jetzt die innere Kabinetstüre aufging, und mir den wahren Gegenstand meiner Wut zeigte, ich stürmte hinein und versetzte dem Kaiser, der mir entgegen trat und einige Worte zu mir sagte, die ich nicht verstand, einen Streich, der ihn augenblicklich zu Boden stürzte. Erst jetzt merkte ich aus dem Geschrei verschiedener Personen, dass ich das Opfer meiner Rache nicht allein gefunden hatte, und dass es ein halbes Wunder war, dass mir mein Streich so wohl gelang.

Noch war ich verblendet genug über meine Tat zu jauchzen; der Anblick des Gefällten pflegt sonst oft den Mörder zu entwafnen, mir flösste er Durst nach mehrern Blut in die Seele. Ich flog aus dem Zimmer, wo die Bestürzung und das Bestreben den Kaiser zu retten keinen Gedanken aufkommen liess mich fest zu halten, ich eilte die Stiegen hinunter, um wo möglich den Bischoff von Kastilien noch zu finden und ihn dem Schatten der unglücklichen Alix ebenfalls zum Opfer zu schlachten, aber ich sah seinen Wagen eben abfahren, und die Prinzessin Elise, von dem Gespräch mit ihm, die Treppe herauf kommen.

Ihr Anblick verursachte mir eine sonderbare Empfindung, sie ging so ruhig in der Unschuld und Majestät eines Engels daher, was sollte ich von ihr halten? und welchen Schrecknissen ging sie entgegen! Schon machte der wachsende Lerm in den obern Zimmern und die hin und hereilenden Bedienten sie stutzen, sie eilte vorwärts, ich strich unbemerkt bei ihr vorbei, auf die Strasse. Auch diesmahl liess mich die äussere Wache ruhig passiren, ich hatte in des Wittelsbachers Waffen, ohne es zu wissen, einen guten Freibrief, der auch wohl die volle Geberde eines fliehenden Mörders, die ich hatte, unverdächtig machen konnte.

Nach Elisens Anblick war es, als wenn sich ganz andere Empfindungen meiner Seele bemächtigten; nur Empfindungen, keine Gedanken, keine lebhaften Vorstellungen; der schreckliche Zustand in welchem ich war, machte mich derselben ganz unfähig. Ich war wie im ersten Erwachen aus einem Rausche. Ich wusste damahls weder ganz genau was ich getan hatte, noch was ich tun wollte, ein unnennbares Gefühl belastete meine Seele; fliehen, fliehen war mein einiges Bestreben, nicht vor einer Gefahr, von welcher ich keine Vorstellung hatte, sondern vor einem Etwas das in mir war, das ich mir selbst nicht bestimmen konnte.

So flohe ich denn über die Strassen, durch die Tore, ins Freie, über Feld und Wiese, und rastete nicht ehe, bis mir der Atem gebrach und ich auf einem Stein ohne Bewusstsein niederfiel. Es war fast Nacht als ich mich wieder erholte, das Rütteln eines Mannes, den ich in der Dämmerung nicht erkennen konnte, erweckte mich endlich. Ach Gott! schrie eine bekannte stimme, ist denn alles vergebens? Lieber, lieber Herr! war es so, dass ich euch wiederfinden sollte?

Rudger! rief ich, indem ich mich aufrichtete, mit einer Art von Freudengefühl, Rudger, bist du es? Ach warum bist du nicht ehe gekommen?

Gnädiger Herr, meine Krankheit! Aber Gott! was ist euch begegnet?

Mir? nichts! zwar lass mich doch nachdenken! – Mir träumete gestern, ich habe Kayser Philippen erschlagen und muste nun fliehen.

Gottlob, dass dieser schreckliche Traum nicht Wahrheit ist! O mein Herr wie gut! dass ihr mich zum Herzoge von Sachsen schicktet! ihr habt ihn doch erhalten, seinen Brief?

Warum? was entielt er? ich habe ihn nicht gelesen! Ich war sehr krank, Rudger, und in der Krankheit, glaube ich, habe ich ihn zerrissen.

Armer Herr! krank