1791_Naubert_079_1.txt

Benedikte Naubert

Alf von Dülmen

Oder

geschichte Kaiser Philipps

und seiner Töchter

Aus den ersten zeiten der heimlichen

Gerichte

Eingang

1393

Auf einer einsamen Reise, deren ursache und Endzweck die Sage zu melden vergessen hat, kam Pfalzgraf Ruprecht, mit dem Zunamen der Bärtige, in eine Gegend, welche unser Urschreiber, der seine Gegenstände überhaupt hier und da geflissentlich in Dunkel zu hüllen scheint, ebenfalls ungenannt lässt. Es war ein wüstes Tal mit hohen Gebürgen umgeben, in der Mitte von einem schmalen, aber tiefgehenden und hochufrigen Bergstrom durchschnitten, der sich nordwärts von einer Felsklippe auf die andre herabstürzte, und sich schon in der Fern durch sausendes Geräusch verkündigte.

Ruprecht war in diesem Gebiet so wohl ein Neuling als wir, er hatte die umliegenden Gegenden oft bereist, wusste ihren Namen und ihren Eigener, aber in diesen Abschnitt derselben, in diesen verlassenen Winkel der natur war er nie gekommen, hatte nie nur das Dasein desselben gemutmasst, ob er gleich in der Folge sich besann, dass er jenseit dieser Gebürge zuweilen an heitern Tagen, etwas wie Turmspitzen und Mauerzinnen auf einer der höchsten Anhöhen hatte herüberragen sehen; doch die Augen des Pfalzgrafen waren schlecht, die Ferngläser noch nicht erfunden, und wenn er in diesen Gegenden wallte, ritt ihm gemeiniglich kein hellersehender Knappe zur Seite, denn die natur seiner Reisen wollte es, dasser allein war.

Jetzt, da ihn ein enger Bergweg durch Zufall in die Gegend leitete, die er zuvor niemals sah, erblickte er deutlicher, was er vorher nur wie Schatten gesehen hatte. Jene Turmspitzen und Mauerzinnen zeigten sich ihm jetzt näher, und von einer andern Seite, sie waren ein teil einer allen halb verfallenen Burg, welche auf einem der mittlern Hügel der besagten Gegend lag, und den Hintergrund eines Gemäldes ausmachte, welches im Ganzen wenig Reiz für die Sinnen hatte. Ein ödes Tal mit unfruchtbaren Gebürgen umgränzt, ein brüllender Bergstrom, eine alte Trümmer von einem Schloss, das wahrscheinlich schon zu Karls des Grossen zeiten nicht mehr neu gewesen war, welche Gegenstände für einen müden Reisenden, über dessen Haupt sich Gewitterwolken zusammen zogen, und seine sehnsucht nach Ruhe und Obdach vermehrten!

In dem ganzen Bezirk zeigte sich dem Auge kein lebendiges geschöpf, als die niedrig fliegenden Vögel, welche die Ahndung des Sturms ihre Nester suchen machte. Die Luft im Tale atmete schwül, kleine Windstösse unterbrachen die bängliche Stille. Der Staub drehte sich in kurzen Kreisen, einzelne Regentropfen begannen zu fallen, und in der Ferne rollte der Donner.

Ruprecht spornte sein Pferd an, dem drohenden Sturm zu entkommen. Zwar sah er keine andere Zuflucht vor sich, als das noch ziemlich ferne Schloss, das auf seiner Höhe in der dicksten Nacht der Gewitterwolken zu liegen schien, und auf keine Art einen einladenden Anblick gab; aber er war in dem Falle, nicht wählen zu können, welcher gewöhnlich jeder Bedenklichkeit ein Ende macht.

Ehe er die Burg noch erreichen konnte, brach schon das Ungewitter mit vollem Wüten los; der Himmel strömte, der Fluss schwoll an, die hundertjährigen Fichten, die einigen hier gedeihenden Bäume, beugten sich, und der arme Pilger sah seinen Weg wechselsweis in dichte Dunkelheit gehüllt, und in Feuer schwimmend vor sich. Der Schlossberg war jetzt erreicht, jetzt über die Hälfte zurückgelegt, der Pfad ward weniger steil; auf einem Absatz linker Hand machte ihm ein Blitzstrahl ein hohes steinernes Gebäude sichtbar; es schien kein Ort, wo man Obdach finden konnte, sondern ein altes halb verfallnes Monument zu sein, von dem er keine weitere Notiz nahm, sondern im vollen Trabe vorübersetzte, endlich die Burg zu erreichen, wo er noch nicht wusste, ob er Menschen, oder Raben und Eulen zu Hauswirten haben würde.

Das Tor war geschlossen; der Pfalzgraf schlug mit einer Macht an, die seinen Stand und seine Hülfsbedürftigkeit gleich stark bezeichnete. Erst auf den vierten Schlag erfolgte zur Antwort von innen die Frage: wer sich einmal in diese Gegend verirrt habe? – Ein Reisender, war die Antwort, den das Ungewitter hieher treibt. – Das merke ich, antwortete man, indem sich die Pforte öffnete; bei schönem Wetter wird hier wohl niemand einsprechen. Doch kommt herein, das Unwetter hat euch übel mitgefahren, ihr seid nass bis auf die Knochen!

Es war ein alter Mann in ehrbarer Kleidung von gutem Ansehen, der diese Worte zu dem triefenden und keuchenden Ruprecht sagte, es war etwas Zutrauen erweckendes in seinem Tone, der Pfalzgraf, der jetzt abgestiegen war, schüttelte ihm treuherzig die Hand, und folgte ihm aus dem hochgewölbten Vorhaus, das von einer hängenden Ampel erhellt wurde, in die untere Halle, wo nach alter deutscher Sitte auf dem steinernen Tisch in der Mitte ein Krug mit Wein und ein gefüllter Becher auf den warteten, der sie leeren wollte.

Labt euch hier mit einem Trunke, sagte der Hauswirt, indess ich Befehl gebe, dass man ein Feuer anmache, und euch trockne Kleider bringe. Ruprecht tat wie ihm geheissen war, und trat denn ans Fenster, in den Sturm hinaus zu sehen, dem er eben entkommen war. Ein fürchterlicher Blitz, und ein Donnerschlag, welcher nicht anders tönte, als ob der alte Steinhaufen, in dem der Reisende eingekehrt war, über ihm zusammenstürzte, scheuchte ihn zurück. Ruprecht war eben nicht furchtsamer Art, aber die wenige Kenntniss von den Geheimnissen der natur machte, dass man zu den damaligen zeiten noch mehr vor dem Feuer des himmels bebte, als heute bei