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weiter nichts mehr von diesen unwürdigen Menschen gehört haben.

Sechzehntes Kapitel

Erste Anstalten zu Gründung einer neuen

Regierungsform. Nationalversammlung

Als die Nachricht von des Negus tod und der Entweichung seiner Lieblinge im land bekannt wurde, war die Volksarmee nur noch wenig Meilen von der Festung entfernt, in welcher wir uns mit dem Prinzen befanden. Eine unbeschreibliche Freude bemeisterte sich der Gemüter; allein zugleich schien auch der Pöbel zu glauben, mit der Vernichtung der Tyrannei sei aller Zwang der gesetz aufgehoben. Allgemeine Unordnung herrschte, besonders auf dem platten land; der Stärkere griff zu, um seine Habsucht, schlug zu, um seine Rachsucht zu befriedigen. Gewalttätigkeiten aller Art und Sittenlosigkeit nahmen die Oberhand; es war Zeit, schleunige Mittel zu wählen, um diesem Unwesen Einhalt zu tun; allein wer sollte hierzu Anstalt treffen, da kein Oberhaupt an der Spitze stand und die Menschen besserer Art selbst unter sich uneinig waren, welche Gattung von Regierungsform sie künftig wählen und gründen sollten? Das abyssinische Reich ist gross; wie in den entfernten Provinzen die Gemüter gestimmt waren und ob dort das gebilligt werden würde, was man nun in Gondar vornahm, das konnte man nicht wissen. Hier, wo man die liebenswürdigen Eigenschaften des jüngern Prinzen kannte, schien der grösste teil des volkes geneigt, diesem die Regierung zu übertragen; misstrauischere, vorsichtigere und sehr republikanisch gesinnte Leute hingegen wollten dies teils nur unter gewissen Einschränkungen zugeben, teils durchaus nichts von herrschaft eines einzigen hören. Indessen war die Armee gross, und es liess sich voraussetzen, dass, wenn diese sich einstimmig für ein System erklären würde, es nicht schwerhalten könnte, dasselbe durchzusetzen.

In dieser Lage baten wir alle inständigst den Prinzen, sich an die Spitze des Heers zu stellen, davon der grösste teil ihm schon ergeben war und wovon er den Rest leicht durch seine Leutseligkeit und edle Beredsamkeit gewinnen würde; allein er wollte sich durchaus nicht dazu entschliessen, bis endlich die Generale zu ihm gekommen waren und ihn im Namen aller Korps angefleht hatten, sie nicht zu verlassen, sondern durch seine Gegenwart den Gewalttätigkeiten im land zu steuren und Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Da machte sich denn der Prinz, begleitet von seinem ehrwürdigen Mentor und uns andern, auf und begab sich in das Lager, woselbst er mit lautem Jauchzen empfangen wurde.

Sobald wir bei der Armee angekommen waren, liess der Prinz allen Truppen ankündigen, dass er ihnen etwas vorzutragen hätte, weswegen er sie ersuchte, von jedem Regimente oder (da das Heer zum teil nur aus zusammengelaufenen Haufen bestand) je aus tausend Mann zwei auszuwählen, die man ihm als Abgeordnete schicken möchte, damit er diesen seine Absichten und Plane eröffnen könnte. Dies geschahe mit aller Ordnung und Bereitwilligkeit, worauf er denn den Deputierten eine Rede hielt, die, sowenig sie studiert war, für ein Meisterstück männlicher, einfacher und erhabner Beredsamkeit gelten konnte. – Ich will nur etwas von dem Hauptinhalte derselben hier herschreiben; es hiess darin, ihn blende nicht der Glanz der Krone; er habe gelernt, die Süssigkeit eines den Wissenschaften und der nützlichen Tätigkeit in kleinern Kreisen gewidmeten Lebens zu schmecken. Er habe oft gefühlt und fühle noch, wie schwer es sei, sich selber, ohne den Rat eines weisen Freundes, zu regierenwelche Torheit also, Millionen Menschen nach den Einsichten seines eignen beschränkten Kopfs und nach den Gefühlen seines leicht irrezuführenden Herzens lenken und, ohne fremden Beirat, unumschränkt beherrschen zu wollen! – Ihm sei daher schon der Gedanke einer willkürlichen Alleinherrschaft unerträglich. Nur nach bestimmten, mit reifer Überlegung verfassten Gesetzen müssten vernünftige Wesen ihre Handlungen einrichten, nicht nach den Winken eines einzigen unter ihnen. Indessen sei jetzt ein so stürmischer Zeitpunkt, wo es nicht möglich sei, über Gründung dieser gesetz sogleich einig zu werden. Er wollte also, doch nur auf ein Jahr, das Ruder des staates in seine hände nehmen, nicht als sein Eigentum, sondern als ein ihm anvertrautes Pfand, bis er es würdigern Händen übergeben könne. Es sei hier nötig, rasche, entschlossene Schritte zu tun, um der Anarchie zu steuern und Anstalt zu einer festen Konstitution zu machen. Wenn die Abgeordneten der Armee dies billigten, so sollten diese dann sogleich sich an die Spitze einzelner Korps stellen, mit diesen in alle Provinzen des Reichs marschieren und dort mit vollem Ernst einer militärischen Strenge die Ordnung und Ruhe herstellen. Sie sollten hierauf sorge tragen, dass jedes Dorf und jede Stadt einen oder, nach Verhältnis der Grösse, mehr Deputierte, zu welchem die Gemeinen oder Kirchspiele das grösste Zutrauen hätten, ohne allen Unterschied der Stände wählten; solche Deputierten aus allen den Örtern, welche zu einem amt gehörten, sollten wiederum unter sich zwei Männer auszeichnen, zu deren Vorteil sich das Urteil der mehrsten unter ihnen vereinigte; mehrere Ämter, aus welchen eine Provinz bestehe, sollten nach eben diesem Massstabe verfahren; und so würde denn aus zwölf Provinzen eine Anzahl von vierundzwanzig Menschen zusammenkommengrade nicht zuviel, um wichtige Gegenstände mit Ordnung und Ruhe verhandeln zu können, und nicht zuwenig, um doch die Verschiedenheit der Meinungen und Einsichten zu nützen! Diese vierundzwanzig Personen sollten sich in Gondar versammeln und ein Nationalkollegium ausmachen, dessen Präsident er, der Prinz, vorerst zu sein sich verbindlich mache. Der Zweck dieser Versammlung müsste sein, eine auf bestimmte gesetz gegründete Staatsverfassung zustande zu bringen. Einen Plan hierzu hätte der Prinz, unter Anführung seines weisen Lehrers, schon seit einigen Jahren fertig liegen gehabtnicht in der stolzen Absicht,