böses Gewissen zu verraten, ihnen vorgestellt, sie sähen, welche schreckliche Unruhen in den benachbarten Ländern herrschten und wie nichts weniger als bessere Ordnung, sondern allgemeine Anarchie die Folgen der willkürlichen, gewaltsamen Schritte des grossen Haufens wären; es sei aber billig, dass das Volk mit seinen Klagen über die Regierung gehört werde und dass man ihm Rechenschaft von der Staatsverwaltung ablege; der Fürst sei doch eigentlich nur der Vorsteher des staates; es sei dies ein beschwerliches, gewiss weder angenehmes noch leicht zu verwaltendes Amt. Auch er, der Negus, könnte vielleicht manches darin versehen; gern wollte er einem Würdigern den Platz auf dem Trone überlassen, auf welchem sich's wahrlich nicht so weich und ruhig sitzen liesse, als wohl mancher glaubte. Wollten sie aber fernerhin Zutrauen zu ihm fassen, so sei er bereit, allen billigen Beschwerden abzuhelfen und, gemeinschaftlich mit den Repräsentanten, Grundsätze zu bestimmen, nach welchen dann unabänderlich verfahren werden sollte usw. – ich sage, hätte er das getan, so wäre alles gut gegangen.
Wenn doch nur die Fürsten weise genug sein wollten, einzusehen, dass sie sichrer und unumschränkter ein Volk regieren können, das sich für frei hält, sich selber zu regieren glaubt, als einen Haufen immer unzufriedner, immer murrender Sklaven, denen man nie Rechenschaft gibt, sie nicht einmal dann, wenn man ihnen Gutes erweiset, genug würdigt, um ihnen die Ursache zu sagen, warum man es ihnen erweiset! Ein guter Fürst kann doch nur die Absicht haben, sein Volk glücklich zu sehen, von den weisesten, treuesten und besten Menschen umgeben und geliebt zu sein und für sich und die Seinigen eine frohe, bequeme, auch wohl ein wenig glänzende Existenz zu haben. Das alles kann er ja erlangen, wie es der gute Vater Georg erlangt, und dennoch selbst den Gesetzen unterworfen sein. Wo diese gesetz regieren, diese gesetz von der Nation selbst gegründet sind, der König aber nur die ausübende Macht hat, alles Gute und nichts Böses tun kann, da darf sich niemand an ihn halten, wenn nicht alles geht, wie es gehen sollte, und man wälzt nicht wie in unumschränkten Regierungen die Schuld von allem, was Schicksal, Zeit und Umstände herbeiführen, auf den, welcher sich als allmächtig ankündigt. Allein die kleinen Untertyrannen, die sind es, welche den Fürsten solche verkehrte Begriffe einprägen. Sie fürchten, ihren Einfluss zu verlieren und von bessern Menschen aus dem Sattel gehoben zu werden, wenn ihr Herr einmal zu der Erkenntnis käme, dass sein und des Landes Interesse ein einziges und dasselbe ist.
Unser alberner Negus hatte für diese Wahrheiten keinen Sinn; auch sagte sie ihm niemand. Wie er sich betrug, davon will ich in den nächsten Blättern Bericht erstatten.
Funfzehntes Kapitel
Fortsetzung des vorigen. grosser Sturm in
Abyssinien. Des Negus Flucht und Tod
Als zuerst die Untertanen des Königs von Sennar die Waffen gegen ihre Tyrannen ergriffen und man sich gezwungen sah, die benachbarten Könige um Hülfsvölker anzusprechen, da schrieb mir Manim, man affektiere am hof zu Gondar, von diesem Aufruhre gar nicht zu reden, so sehr wolle man das Ansehn haben, dies als eine Kleinigkeit zu verachten. Allein die Gärung breitete sich bald weiter aus; in Dequin, Bugia und in einigen kleinern nubischen Staaten griff das Feuer der Empörung gleichfalls um sich, und nun wurde auch unser Negus gebeten, eine Armee zu hülfe zu schicken. Er war sogleich dazu bereit, zog die Achseln über die Schwäche seiner nachbarlichen Könige, weil sie das rebellische Lumpengesindel (so nannte man die Leute, welche ihre Menschenrechte gegen schändliche Unterdrücker verteidigten und Macht durch Macht vertilgten!) noch nicht zu Paaren getrieben hätten; und so liess er denn ein Heer ausrüsten, das einer von des würdigen Stilkys Brüdern anführte, der übrigens kein ganz schlimmer Mensch war.
Anfangs schrieben die Offizier von der Armee, sie hofften bald wieder nach Gondar zu kommen, die Rebellen wären nur zusämmengelaufner, buntscheckiger Pöbel, ohne Disziplin und Waffenübung; man hätte kaum Ehre davon, gegen solches Pack zu streiten; sie liefen in die Wälder, sobald sich nur ein tapfrer Abyssinier sehen liesse.
Ganz anders lauteten die Briefe im folgenden Jahre. Da bekamen die tapfern Abyssinier, wo sie sich zeigten, von jenem sogenannten Pack derbe Schläge; ganze Korps wurden gefangengenommen, und da verwandelte sich dann des Negus Verachtung in bittern Grimm, vermischt vielleicht mit einer kleinen Ahndung, dass der Geist des Aufruhrs wohl über die Grenze nach Abyssinien hereinschleichen könnte. In der Tat hatte es auch dazu allen Anschein; kühne Unternehmungen, besonders wenn sie vom Schicksale begünstigt werden, erwecken immer Bewundrung; man sprach jetzt, in Gondar selbst, laut, mit Interesse und Wärme, zum Lobe der Tapferkeit jener braven Nubier, die mit kleinen Haufen ungeübter Leute ganze Armeen erfahrner Krieger in die Flucht schlügen. Es fanden sich Dichter, die dreist genug waren, diese Taten zu besingen; man las mit Eifer die neuen Zeitungen von daher und murrte unter der Hand darüber, dass der Negus, mit Aufopferung so vieler wackern Abyssinier, sich in Händel mischte, die ihn nichts angingen.
Ich merkte in Adova, wo ich dies alles in der Entfernung beobachtete, dass meinen deutschen Gelehrten, besonders den republikanisch gesinnten Pädagogen, die Finger juckten, etwas Kühnes über diesen Gegenstand schreiben zu können; allein ich suchte dies zu verhindern, zeigte ihnen die Unzweckmässigkeit und Gefahr eines solchen Unternehmens. "Man muss", sagte