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die Auswahl der Bücher, welche ich anschaffen sollte, sonderbar genug vor; ich werde in der Folge wohl noch etwas darüber zu sagen haben, wenn ich von dem Grade der Aufklärung rede, zu welchem ich den Hof des grossen Negus durch meines Herrn Vetters Bemühungen erhoben fand.

Der Vorschlag, den mir Joseph Wurmbrand tat, hatte in meinen dürftigen Umständen viel Anlockendes. Ich bekenne zwar, dass es meinen Stolz ein wenig empörte, die bessern Aussichten, welche mir derselbe eröffnete, weniger meinen eignen Verdiensten als der Vetterschaft des Herrn Ministers zu danken zu haben. Der Nepotismus war mir stets ein Greuel gewesen; allein die Not wurde bei mir dringender. Die Begierde, fremde Länder zu sehen, war denn auch noch immer bei mir sehr lebhaft geblieben, und obgleich mein Vetter ein wenig aus einem hochtrabenden Tone von der Wohltat sprach, die er mir zu erweisen dachte, so war es doch auch sehr bemerklich, dass er meiner zu Ausführung seiner dortigen Plane bedurfte, und es blieb mir ja noch die Erwartung übrig, dass ich selbst mich vielleicht bei dem Könige durch eigne Geschicklichkeit in Gunst setzen könnte, besonders im juristischen Fache, wenn es mit der Aufklärung in Abyssinien schon so weit sollte gekommen sein, dass man dort Prozesse führte.

Ich erschien nun in meiner besten Kleidung, die, im Vorbeigehen zu sagen, in einem leberfarbenen Rocke mit gelben Knöpfen und einer blauen Weste mit Silber bestand, vor dem Magistrate in Goslar und hielt eine lange Rede, in welcher ich feierlich meinem Bürgerrechte entsagte und den hochweisen Herrn anzeigte, dass ich meine Vaterstadt auf immer verlassen würde. Der hohe Magistrat schien dies als eine sehr unwichtige Sache anzusehen, und einige von den Gliedern desselben verwiesen es mir, dass ich mit dieser feierlichen Anzeige einer so unbedeutenden Begebenheit ihre Aufmerksamkeit gespannt und sie von der Mittagstafel abgehalten hätte. "Und wo geht denn die Reise hin?" fragte der regierende Bürgermeister. Da erzählte ich denn, dass ich von dem Könige in Abyssinien, durch seinen Minister, der mein Herr Vetter wäre, sei eingeladen worden, dortin zu ziehen und ein wenig an dem Aufklärungswesen mitzuarbeiten. Weil nun die Herren vom Magistrate nicht sehr erfahren in der Geographie waren und in den Zeitungen nie etwas von einem solchen Könige gelesen hatten, so hielten sie meine Erzählung für eine Fabel, glaubten, ich wollte sie zum besten haben oder sei närrisch geworden, und gaben mir deswegen die ernstliche Weisung, sie mit meinen Torheiten zu verschonen. Allein nach einem paar Tagen erschienen in Goslar zwei ägyptische Kaufleute, welche meinem Herrn Vetter versprochen hatten, mich abzuholen. Sie waren von einigen teils schwarzen, teils braungelben Sklaven begleitet und erregten unter dem Pöbel gewaltigen Auflauf.

Nun sahen die Herren vom Rate wohl, dass es mit der Einladung nach Abyssinien seine gute Richtigkeit hatte, und dies versetzte das ganze Publikum in Goslar in eine sehr verschiedne Stimmung. Einige, die bisher den armen Advokaten Noldmann nicht der geringsten Aufmerksamkeit gewürdigt hatten und die zu der Klasse von Menschen gehörten, welche jedes fremde Glück beneiden, sie mögen selbst darauf Anspruch machen wollen oder nicht, erlaubten sich hämische und spöttische Bemerkungen über diesen Vorfall, bemüheten sich, mich auf alle Weise zu verkleinern und mein Vorhaben lächerlich zu machen. Andre, aus denen das Häuflein der in allen grossen und kleinen Staaten zu findenden Unzufriednen bestand, denen die Regierung nichts recht machen kann, suchten, sowenig sie auch von mir und meinen Verdiensten wussten, diese gelegenheit zu nützen, um laut darüber zu schreien, dass der Magistrat, welcher es, wie sie sagten, zur Schande der Republik Goslar, immer also mache, hier nun wiederum einen geschickten und fähigen Mann, den ein grosser König mit offnen Armen aufnehme, aus dem land gehen liesse. Die Andächtigen und Schwachen an Geist, von der Geistlichkeit gestimmt, verfehlten nicht, bei dieser Veranlassung ihren Eifer für die Religion zu zeigen, indem sie riefen, es sei ein Greuel, dass ein christlich geborner Einwohner in Goslar sein Vaterland und die Gemeine verliesse, um bei verdammten Heiden, Türken und Mohren zu leben und sein Seelenheil zu verscherzen. Der grösste teil des Magistrats aber wollte gern die Ehre, welche mir widerfuhr, auf die Stadt lenken. Man beschloss, mir aufzutragen, dem Könige von Abyssinien, im Namen der Reichsstadt, zu danken für die Ehre, welche er einem ihrer Bürger erwiese, Seine Majestät um ferneres gutes Vernehmen mit der Republik Goslar und, bei etwa entstehendem Kriege, um Schutz und Beistand zu bitten. Ich hatte Mühe zu verhindern, dass man mir nicht, zum Geschenke für den König, einige Krüge des besten Goslarschen Bieres mitgab; und acht Tage nachher las man in der Braunschweigschen Zeitung einen Artikel des Inhalts: Es habe Seine Majestät der König von Abyssinien die Freie Reichsstadt Goslar durch eine eigne Deputation ersuchen lassen, ihm aus ihren Mitteln einen geschickten Rechtsgelehrten zu senden, der das dortige Justizwesen auf einen soliden Fuss bringen sollte, und habe der hochweise Magistrat, um diesem königlichen Verlangen ein Gnüge zu leisten, den Advokaten Herrn Benjamin Noldmann dahin abgehen lassen.

Ich machte mich indessen mit meinen Reisegefährten auf den Weg und will nun über den Verfolg meiner begebenheiten in den nachstehenden Kapiteln Bericht erstatten.

Viertes Kapitel

Benjamin Noldmanns Abreise von Goslar am Harz,

um nach Gondar in Abyssinien zu gehen, nebst den

Nachrichten von seiner Audienz bei dem Kaiser von

Marokko

Auf meiner Reise zu land bis Stade begegnete mir nichts Merkwürdiges, als dass in den