in Dunkelheit vergraben konnten. Als nun mein Herr Vetter an das Ruder der Geschäfte trat und dieser in der Tat die besten, uneigennützigsten Absichten hatte, wenngleich er nicht immer glücklich in der Wahl der Mittel war, bat er den alten Negus, jene grausame Gewohnheit, die Prinzen als Gefangne zu behandeln und in Unwissenheit zu erhalten, abzuschaffen. Er erhielt ohne Mühe von dem gutmütigen Könige zugleich mit dem Befehle, den Kronprinzen unter meiner Führung auf Reisen zu schicken, auch für den andern Negussohn die Erlaubnis, nebst seinem einsichtsvollen Mentor den Aufentalt in Waldubba mit Adova zu vertauschen, wo nun die neue Universität gegründet und der Umgang mit Gelehrten fähig war, seinen Geist vollends auszubilden und ihn sein Leben angenehm hinbringen zu machen. Seit fünf Jahren wohnte also der junge Herr nebst seinem kleinen Hofstaate in Adova.
Als nun meinem Herrn Vetter und mir angekündigt wurde, dass wir jene rauhe und zugleich ungesunde Gegend zu unserm künftigen Aufentalte wählen sollten, da wurde uns in der Tat das Herz schwer. Unser Umgang würde sich haben auf die dort wohnenden heuchlerischen und ausschweifenden Mönche einschränken müssen – und welch ein elendes Leben war das! Nach Europa zurückzureisen, daran war jetzt nicht zu denken. Die Jahrszeit schien dazu nicht günstig; man würde uns nicht erlaubt haben, etwas von dem Vermögen, welches wir uns gesammelt hatten, mitzunehmen, und als Bettler in unser Vaterland wiederzukommen, nach der Rolle, die wir gespielt hatten – das war ein bittrer Gedanke. Hierzu kam noch, dass, ohne besondre Empfehlung und Sorgfalt der abyssinischen Regierung, worauf wir doch jetzt nicht rechnen durften, diese weite Reise für uns gefährlich, ja unmöglich wurde.
In dieser Verlegenheit hielten wir es für Pflicht gegen uns selber, den Umständen nachzugeben und uns zu guten Worten herabzulassen. Wir demütigten uns also und baten, dass man uns gestatten möchte, ruhig in Adova uns niederzulassen, wo jetzt eine grosse Anzahl unsrer Landsleute wohnte, an denen wir in unsern glänzenden Tagen soviel auszusetzen gefunden hatten und nach deren Umgang wir uns nun innigst sehnten. Nicht ohne Schwierigkeit erlangten wir diese Vergünstigung; doch gab man endlich nach, und wir zogen im Anfange des Jahres 1781 nach Adova.
Undankbar müsste ich gegen das Schicksal sein, wenn ich nicht laut bekennen wollte, dass die sechs Jahre, welche ich dort im Exil zugebracht habe, mit zu den glücklichsten meines Lebens gehört haben. Wir kauften, mein Vetter und ich, ein kleines artiges Häuschen, nebst Hof und Garten, richteten uns nicht prächtig, aber gemächlich ein, schlossen uns auf gewisse Weise an den kleinen Hof des liebenswürdigen Prinzen an, von welchem ich in der Folge noch soviel werde sagen müssen, und genossen den lehrreichen Umgang seines mir unvergesslichen Führers Alwo. (Wie kommt es, dass ich den Namen dieses vortrefflichen Mannes noch nicht genannt habe?) Aber auch die Gesellschaft der deutschen Gelehrten und Künstler, die dort wohnten, gewährte uns manche angenehme Unterhaltung. Es waren darunter doch gute Köpfe, wenn auch hie und da ein wenig Verschraubteit mit unterlief. – Unser Leben war den Wissenschaften, der Gemütsruhe und geselligen Freuden gewidmet; die Ausbildung meines Geistes und Herzens habe ich dieser sechsjährigen Periode zu danken.
Was nachher in Abyssinien vorging und ich in den folgenden Kapiteln erzählen werde, das habe ich grösstenteils in der Entfernung, mit kaltem Blute, ohne tätige Teilnahme beobachtet, und um desto unparteiischer wird nun der Rest meiner geschichte ausfallen.
Vierzehntes Kapitel
Aufruhr in Nubien. wirkung davon im abyssinischen
Reiche
Obgleich die willkürlichste, höchst tyrannische und drückendste Regierung in Abyssinien herrschte und allgemeines Verderbnis der Sitten täglich mehr überhandnahm, so war es dem Negus doch unmöglich, den einmal angezündeten Funken von Freiheit im Denken und Reden gänzlich auszulöschen. So allgemein war denn auch wirklich die Korruption nicht, dass nicht, besonders in den Mittelständen und unter solchen Leuten, die bei hof nichts zu suchen hatten, noch Tugend, Weisheit und Gradheit geherrscht hätten. Brachte die übereilte Aufklärung in schiefen und aufbrausenden Köpfen verkehrte Wirkungen hervor, so gab sie doch auch in den besser organisierten Anlass zu einer nützlichen Gärung, regte manche schlafende Kraft auf und erweckte auch wohl den echten Sinn für Wahrheit und Freiheit. Ich möchte wünschen, dass diejenigen, welche so geneigt sind, wegen des Missbrauchs einer Sache die Sache selbst zu verwerfen, und die daher auch jetzt jede Anstalt zur Aufklärung verdächtig zu machen suchen, weil das Wort Aufklärung so oft missverstanden wird und zur Firma schädlicher Zwecke dient, ich möchte doch wünschen, dass diese Leute recht wohl kalkulierten, ob es besser getan sei, bei ausgemacht tödlichen und ansteckenden Krankheiten der natur alles zu überlassen oder Mittel zu wählen, unter denen, wenn sie auch ein wenig gewagt sind, doch wohl eines anschlagen kann und woran wenigstens kein einziger stirbt, der nicht ohne dasselbe auch gestorben wäre oder einen siechen Körper behalten hätte.
Je strenger der Negus jedes kühne Wort, das gegen ihn ausgestossen und ihm hinterbracht wurde, bestrafte, um desto grösser (wie immer das Verbotene süsser schmeckt) wurde der Reiz, heimlich über die neue Regierung zu räsonieren. Aber es war nicht bloss vom Räsonieren die Rede, sondern das Elend, die Armut, der Jammer der Völker rührten jedes gefühlvollen Mannes Herz und erzeugten den leisen Wunsch in ihm: möchte doch die Vorsehung hülfe schicken! Er suchte dann unter dem Haufen einen Freund, dem er sich vertrauen konnte, dem, wie ihm, die allgemeine Not des Landes die Seele erschütterte,