vielfacher Art im volk hervortraten und sich Parteien zu machen suchten, da nützten diese Menschen, zu guten und bösen Zwecken, den Schleier und das Vehikulum geheimer Verbindungen, und weil die Hieroglyphen und Gebräuche alle mögliche Auslegungen litten, so war dies ein herrliches Mittel, jedes System darauf zu bauen. Noch konnten solche Verbindungen an Ehrwürdigkeit viel gewinnen, wenn man ihnen ein hohes Altertum andichtete; zum Glück war auch dazu Rat zu schaffen. Man untersuchte die Pyramiden und Obelisken in Ägypten (die, im Vorbeigehen zu sagen, der übrigens gelehrte Herr Professor Witte kürzlich für vulkanische Produkte und die innere Einrichtung der Zimmer etc. für arbeiten gewisser Schnecken erklärt hat) und fand mit Freuden, dass darauf, so wie auf den Ruinen der Stadt Axum, Figuren eingegraben waren, die mit den Hieroglyphen der geheimen Verbindungen sehr viel Ähnlichkeiten hatten; und da war denn bald eine zusammenhängende geschichte der verborgnen Weisheit herausbuchstabiert, die jede Partei zum Vorteile ihrer Lehre auslegte und die übrigen Praktikanten verketzerte. Schwärmer und Betrüger aller Art, Geisterseher, Goldmacher, Diebe, politische Reformatoren, Stifter neuer Religionssekten – alle hingen dies Gewand um und setzten phantastische Menschen, schwache Denker und unruhige Köpfe in Bewegung, lockten sie von nützlicher Tätigkeit ab und erfüllten sie mit Reformationsgeiste. – Doch ich habe schon zuviel von diesen Armseligkeiten gesagt; wir werden bald hören, was am Ende aus dieser allgemeinen Gärung entstand.
Zwölftes Kapitel
Nachricht von dem, was in den ersten
Regierungsjahren des neuen Landesvaters vorging
Wir haben am Ende des neunten Kapitels gehört, dass die abgöttische Verehrung, welche man in den ersten Monaten der neuen Regierung dem jungen Könige erwiesen hatte, nach und nach der kältern Überlegung wich. Und diese kältere Überlegung lehrte die Abyssinier bald, wieviel sie bei der Veränderung gewonnen oder verloren hatten. Kaum war der erste Taumel der Feierlichkeiten vorüber und der gang der Geschäfte wieder in die gewöhnliche Ordnung gekommen, als der junge Despot sich durch einige willkürliche Verordnungen ankündigte, die jedermann furchtsam und mutlos machten. Er führte das Kniebeugen und das alte sklavische Zeremoniell wieder ein, beschränkte die Freiheit der Presse, verstattete nicht mehr jedem aus dem volk freien Zutritt zu seiner person, sondern schloss sich mit seiner französischen Buhlerin und seinen Lieblingen in dem Palaste ein, lebte dort in Völlerei und Untätigkeit, erschien dann nur einmal in der Woche, und zwar, nach alter abyssinischer Weise, verhüllt, von Trabanten umgeben, in dem Zirkel seiner verachtungswerten Günstlinge, wovon die Niederträchtigsten in alle Departements eingeschoben, den verdienstvollen Männern vor und an die Seite gesetzt und zu Geschäften gebraucht wurden, wovon sie nichts verstanden. Diese machten dann den Negus misstrauisch gegen seine treuesten Diener, welche er nicht mehr hörte, nicht mehr um Rat fragte, sondern sie kalt und rauh behandelte. Es wurden Einrichtungen gemacht, die nicht in die Landesverfassung passten, alle natürliche Freiheit einschränkten und sehr drückend für die Untertanen waren. Er nahm keine Gegenvorstellungen an; sein Wink war strenger Befehl, sein Wille die Ursache; die geringste Weigerung oder auch nur ein bescheidner Einwurf war hinreichend, den würdigsten Mann um Bedienung und Freiheit zu bringen. Es schlichen Ausspäher, Auflaurer und Horcher in allen öffentlichen und Privatäusern herum und sammelten jedes Wort auf, das einem mann in guter oder böser Laune entwischte. Dann wurde auf einmal ein sorgloser, unschädlicher Mann durch Wache des Nachts aus seinem Bette geholt und, ohne öffentlichen Prozess, seiner Bedienungen entsetzt oder eingekerkert oder des Landes verwiesen oder verschwand, ohne dass man wusste, wohin. Zuweilen wurde bei Todesstrafe verboten, von gewissen Dingen oder von gewissen Personen zu reden. Gab jemand einmal seinen Freunden ein fröhliches Mahl oder vergnügte sich in seinem haus mit Musik und Tanz oder kaufte sich ein schönes Kamel, so wurde dies dem Negus hinterbracht. Es hiess, dem mann sei zu wohl, und es wurde ihm ein teil seines Gehalts genommen. Allgemeine Mutlosigkeit herrschte nun, niemand trauete dem andern; Geselligkeit, heitre Laune und Gastfreundschaft verschwanden, und wer einen guten Bissen essen wollte, verschloss sich in sein Kabinett.
Desto üppiger und wollüstiger aber lebte das Kebsweib des Negus mit seinem Anhange. Paläste und Lustschlösser wurden für diese mit ungeheuren Kosten erbauet oder gekauft oder den Eigentümern abgenötigt, und nichts glich der Pracht, die in ihrem Putze und Hausrate herrschte. Unersättlich waren die Begierden des abscheulichen Weibes, in dessen räuberischen Händen Glück und Unglück von Millionen edler Menschen lag. Nun gab es kein andres Mittel, als diesen Götzen anzubeten und ihm Geschenke zu bringen, wenn man etwas erlangen wollte. Ihr Vorzimmer wimmelte von den Grossen des Reichs, denen sie mit Übermut und Spott begegnete; Generale mussten ihr den Fussschemel nachtragen, ehrwürdigen Greisen äffte sie vor dem versammelten hof die körperlichen Schwachheiten ihres Alters nach und machte sie zum gegenstand des allgemeinen Gelächters. Sie beherrschte despotisch ihren Negus; gab ihm nicht die Erlaubnis, mehr Weiber zu nehmen, ja, nur eine einzige freundlich anzublicken, und wenn er mit ihr und einem paar Günstlingen allein war, dann trieb sie mutwillige französische Scherze mit ihm und nötigte ihn zu kindischen Spielen, die sonderbar mit der Majestät des Trons kontrastierten, worauf man so strenge hielt.
Nach dem Beispiele der königlichen Buhlerin waren auch die von ihr beschützten Lieblinge nicht untätig zu Vermehrung ihrer Gewalt und ihres Vermögens. Auch sie liessen sich Güter schenken, welche andern gehörten; auch sie liessen sich bestechen, um durch ihr Vorwort einen Schurken auf einen Platz zu stellen, auf welchen ein redlicher Mann Recht hatte