Herr! der sorgt für sein Land!
Es war unter der vorigen Regierung den Untertanen eine gewisse Auflage zugemutet worden, die ein wenig drückend für einige Klassen der Bürger schien. Die Summen waren zum teil nicht einzutreiben gewesen, aber immer in den Rechnungen liquidiert worden. Man legte dem neuen Könige ein langes Verzeichnis dieser inexigibeln Posten vor, und Seine Majestät hatten die hohe Gnade zu befehlen, dass ein Strich dadurch gemacht werden sollte – Sie schenkten den Untertanen, was doch nie zu erlangen war –, und alle Zeitungen posaunten, es habe der huldreiche Monarch dem land einen grossen teil der rückständigen Abgaben erlassen. Weiter fiel in dem ersten halben Jahre eben nichts Neues vor; nun schwiegen nach und nach die Stimmen der Lobredner; mancher hatte auch nicht erlangt, was er gehofft und erbeten hatte; da fing man denn an, Seine Majestät mit kälterm Blute in der Nähe zu beobachten, und wir werden künftig hören, was man bemerkte.
Zehntes Kapitel
Nachricht von den Fortschritten, welche indes die
Aufklärung in Abyssinien gemacht hatte
Es ist Zeit, dass wir nun sehen, wie weit das edle Aufklärungsgeschäft in Abyssinien bis zu der Tronbesteigung des neuen Königs vorgerückt war.
Wir haben gehört, dass der gute alte Negus sehr ernstlich darauf bedacht war, Wissenschaften und Künste in seinem land blühen zu machen, dass er dabei dem Rate meines Herrn Vetters folgte und alles auf europäischen Fuss einzurichten sich bestrebte. Die Universität in Adova kam bald in grossen Flor; die von mir nach Abyssinien spedierten Gelehrten und Künstler suchten, jeder in seiner Art, sich Ruhm, Anhang, Schüler und Zöglinge zu verschaffen. Wo sie in den niedern Ständen einen Knaben entdeckten, in dem ein Funken eines höhern Genius loderte, da zogen sie, wie sie das nannten, das verborgne Talent aus dem Staube hervor; der Bauerjunge lief vom Pfluge weg und setzte sich an den Schreibtisch oder hinter die Staffelei, und der Gärtner warf das Grabscheit in die Ecke, um die Geige zur Hand zu nehmen; der Schuster machte Verse und beschmutzte seine Dichterwerkzeuge nicht mehr mit garstigem Pechdrahte; Akademien der bildenden Künste wurden gestiftet, Preise ausgeteilt, und der alte Negus freuete sich herzlich, in Prosa und Versen als ein zweiter August geschildert zu werden und von einheimischen Künstlern hundertmal sein Antlitz auf Leinwand getragen und in Marmor gehauen zu sehen.
Die schönen Künste haben etwas sehr Verführerisches; bald wurde im ganzen Reiche in allen Ecken gepinselt, gefiddelt, geleiert, gedichtet, und wer auch über diese angenehmen Zeitvertreibe nicht jede bürgerliche und häusliche Beschäftigung aufgab, der teilte doch seine Zeit zwischen nützlicher Tätigkeit und dem Umgange mit den gefälligen Musen. Man fing an einzusehen, dass es zu einer guten Erziehung gehörte, nicht fremd in den schönen Künsten zu sein, sich angenehme Talente zu erwerben; die jungen Mädchen liessen die einförmige Spindel ruhen und sangen und spielten süsse abyssinische Lieder.
Man weiss, welchen Einfluss Poesie und Musik auf das Herz und die Sitten haben; auch in Abyssinien wurde dieser Einfluss sichtbar. Süsses Schmachten und zärtliche sehnsucht schwammen nun in den Blicken der kultiviertern Bürgertöchter; nun erst sahen sie, welch ein liebliches, holdes Gesicht der bescheidne Mond hätte und wie traulich er auf sie herablächelte, wenn sie der langweiligen Spinnstube entschlichen und Arm in Arm mit den Nachbarssöhnen in dem stillen Garten umherschlenderten. Der kleine lose Liebesgott nützte diese glücklichen Stimmungen; der Schalk war allerorten und liess den bedächtlichern Hymen zu haus. Man kam zurück von den altväterischen Begriffen von übertriebner Sittsamkeit und Keuschheit. – Sich des Lebens zu freuen, zu geniessen, hier, wo so reiche Fülle ist, die schöne Jugend nicht zu verträumen und eine Handvoll kurzer Jahre nicht mit ernstaften Grillen zu verderben – das war die bessere Philosophie, welche jetzt die weiser gewordnen, aufgeklärten, gebildeten Abyssinier studierten und in Ausübung brachten.
Die Grossen des Hofs und überhaupt die Edelleute, die Affen des Monarchen, die ehemals sich's fast zu einer Ehre rechneten, nicht lesen und schreiben zu können, affektierten nun, wie er, Beschützer der Gelehrten und Künstler zu sein; Landjunker forderten von einem mann, den sie als Verwalter annehmen wollten, dass er auch ein bisschen Bassgeige spielen musste, schickten ein Fuder Korn in die Stadt und gaben ihrem Advokaten Auftrag, für das daraus zu lösende Geld Bücher für ihre Weiber und Töchter zu kaufen, die nun auch anfingen, von Wonne und Lebensgenuss und Mondenschein zu reden, Cicisbei zu halten und Romane zu spielen.
Als die Leute merkten, dass der Stand eines Gelehrten und Künstlers in Abyssinien in Ansehen kam und etwas dabei zu gewinnen war, da wollte nun jedermann studieren; der Schneider schämte sich seiner Nadel und schickte seinen Tölpel von Jungen in die Stadtschule, um einst die Ehre zu haben, ihn einen Degen tragen zu sehen, und der Bauer verkaufte einen teil seines Erbguts, um seinen Knaben nach Adova zu senden, damit dort in den gelehrten Treibhäusern die Keime des Genius aus seiner bäurischen natur hervorgejagt würden.
Die Folgen von diesem allgemeinen Drange zur sogenannten Gelehrsamkeit wurden nach zehn Jahren, ja, schon als ich nach Abyssinien zurückkam, sehr sichtbar. Man wird sich hierüber um so weniger wundern, wenn man sich erinnert, dass ich im eilften und zwölften Kapitel des ersten Teils dieses buches erzählt habe, wie weit es damit schon gekommen war, ehe wir Deutsche in Abyssinien unser Wesen trieben. Die nützlichsten Stände im staat, die erwerbenden Klassen der Bürger, kamen in Verachtung und Abnahme