wovon in des alten Negus Charakter keine Spur zu finden war, das wissen die Leser nun auch. – Meinem Vetter aber entfiel der Mut, als er diese Umstände erfuhr. Indessen war es der Klugheit gemäss, dies gegen niemand zu äussern und ruhig abzuwarten, welche Wendung das Ganze nehmen und wie sich der neue König bei seiner Ankunft gegen jedermann betragen würde.
Das Volk in allen Ländern ist, wie bekannt, nie von der gegenwärtigen Regierung vollkommen zufrieden, verspricht sich unter dem Zepter des Tronfolgers ein Goldnes Zeitalter und hegt immer von den Kronprinzen gewaltige Hoffnungen, von welchen es dann gewöhnlich, nach Jahresfrist, wenn der neue Herr nicht jeden unruhigen Kopf zufriedenstellt, tief wieder herabsinkt und den hochseligen Fürsten wieder aus dem grab hervorwünscht. So ging es auch hier! Noch ehe der Prinz nach Gondar kam, lief schon der Ruf seiner grossen Tugenden, seiner Menschenliebe, Huld, Weisheit und Gerechtigkeit vor ihm her, und die Zeitungen waren voll Anekdoten von edlen Zügen und Proben der liebenswürdigsten, erhabensten denkart, die er auf seiner Reise hätte blicken lassen und wovon ich freilich nichts gesehen hatte. Als er nun aber vollends seinen feierlichen Einzug in der Residenz hielt, schön geschmückt auf einem Elefanten sass und von beiden Seiten mit fürstlicher Herablassung und Freundlichkeit den herzudringenden Haufen anlächelte, die Glückwünsche in Prosa und Versen und die leeren Komplimente so gnädig annahm und so artig beantwortete, da erschallten aus allen Ecken die Ausrufungen: Oh! der gute Herr! der gnädige Herr! das ist ein Herr! wie wird nun das Land so glücklich sein!
Es kostet die Fürsten sehr wenig, die Herzen des Pöbels zu ihrem Vorteile zu stimmen; das eingewurzelte Vorurteil, dass diese Menschenklasse aus Wesen höherer Art besteht, wirkt, dass man alles, was sie Menschliches tun, für Herablassung erklärt. Durch diese sklavische Anbetung hat man wirklich den mehrsten von ihnen so den Kopf verdreht, dass sie glauben, was andre ihnen erwiesen, das wäre strenge Pflicht, was sie hingegen für andre täten, blosse willkürliche Gnade. Man sollte ihnen doch von Jugend auf sagen, dass Titus ein eitler Narr war, wenn er ausrief, der Tag sei verloren, an welchem er nicht eine gute Handlung begangen, eine Wohltat erzeigt hätte. Das ist bei allen Menschen in der Welt der Fall, dass die Tage verloren sind, an welchen man nichts Gutes tut; aber bei Fürsten ist es keine Kunst, Wohltaten zu erzeigen, denn sie nehmen die Mittel dazu aus fremden Geldbeuteln. Was sie geben, gehört nicht ihnen, sondern dem staat; was man von ihnen erbittet, insofern man es mit Gerechtigkeit von ihnen erbitten kann, ist nicht mehr und nicht weniger, als was man sich selbst geben oder nehmen würde, wenn man nicht darüber einig geworden wäre, einem gemeinschaftlichen Ausspender und Verwalter sich anzuvertrauen, und dieser hat Ursache, dem volk dafür zu danken, dass es ihm erlaubt, auf so wohlfeile Art Gutes zu tun und Menschen froh zu machen, ohne dass es ihm etwas kostet. – Man verzeihe mir diese Ausschweifung! Das sind Wahrheiten, die man nicht oft genug sagen kann. – Kehren wir nun zu unserm neuen Könige zurück!
Jedermann war nun in Erwartung, wodurch der junge Negus den Antritt seiner Regierung bezeichnen würde. Die ersten Monate verstrichen mit Feierlichkeiten, Krönungen, Huldigungen, mit Erteilung von Titeln, Orden und Ausspendungen von Geschenken an allerlei gute, schlechte und unbedeutende Menschen. Da Seine Majestät sich nicht gern mit arbeiten abgaben und mein Herr Vetter als ein fleissiger, der Geschäfte kundiger Mann bekannt war, dem Negus auch als Kronprinzen nie etwas zuleide getan hatte, so blieb es anfangs mit ihm beim alten, und er behielt seine Stellen und Würden. Was mich betrifft, so hätte ich freilich eine Beförderung zu höheren Ehrenämtern erwarten können; denn es hatte mir der alte Negus dergleichen versprochen, wenn ich den Prinzen glücklich zurückbrächte. Allein man weiss ja, wie wenig ich mich bei dem jungen Herrn und seinen Günstlingen eingeschmeichelt hatte; ich blieb also, was ich war, Baalomaal, und konnte froh sein, dass ich nicht verabschiedet wurde. Einige schiefe Gesichter, die ich zuweilen bekam, und je einmal einen matten Spott über langweilige Philosophen abgerechnet, ging mir's also nicht schlimm. Manim wurde Finanzrat, Soban aber erhielt eine Pension und die Erlaubnis oder vielmehr den Wink, mit seiner Familie nach Sire zu ziehen, woher er gebürtig war. Sein Hofnarrenamt würde ihm den Freibrief gegeben haben, ungestraft derbe Wahrheiten zu sagen, und die hatte man nicht Lust zu hören.
Der neue König wurde nun mit Bitten und Klagen aller Art bestürmt, wie denn bei solchen Regierungsveränderungen alles Alte wieder aufgerührt zu werden pflegt und nun jeder das durchsetzen zu können hofft, was ihm bis jetzt nicht hat glücken wollen. Die mehrsten dieser Bittschriften wurden dem Minister zur Prüfung, und um das Nötige zu verfügen, von Seiner Majestät übergeben, und dies gab meinem Herrn Vetter wirklich gelegenheit, manche nützliche Abänderung zu machen, wovon der alte Negus, aus einem kleinen Eigensinne oder irgendeinem Vorurteile, nichts hatte hören wollen. Die Räte in allen Departements suchten sich angenehm zu machen und kamen mit nützlichen Vorschlägen, die zum teil ausgeführt wurden. Wo irgend in Geschäften Schläfrigkeit eingeschlichen war und Sachen liegengeblieben waren, da trat nun neue Tätigkeit ein. – Die Ehre von diesem allen fiel auf den jungen König, und da hiess es wieder: Sehet! das ist ein