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, aus und kam dann erst gegen die Morgendämmerung wieder zu haus. Es wurden mir von den Örtern her, durch welche wir gereiset waren, Wechsel, die der Prinz ausgestellt hatte, zur Zahlung vorgelegt, ohne dass ich deutlich sah, wozu er diese Summen angewendet haben konnte. – Das alles war mir sehr unangenehm; aber was sollte ich tun? Vorstellungen halfen nicht; er war kein Knabe mehr, gegen den ich heftigre Mittel hätte anwenden, ihn etwa einsperren können; am Ende war es auch wohl für seine Gesundheit wenigstens besser, wenn er doch nun einmal ausschweifen wollte und musste, dass er sich an ein einziges Frauenzimmer hing, als wenn er aus einem berüchtigten haus in das andere gelaufen wäre. Wenn wir Europa verlassen, dachte ich, so wird doch die Dame zurückbleiben müssen, und habe ich den Prinzen erst in Gondar abgeliefert, dann mögen andre die Sorgen übernehmen, auf seine Schritte achtzugeben!

Allein wie soll ich mein Erstaunen schildern, als er in Venedig in mein Zimmer trat und mit einem hohen, befehlenden Ton und Blicke mir ankündigte, dass ich dafür sorgen müsste, eine Dame, welche ihn nach Abyssinien begleiten würde, nebst ihren Domestiken mit an Bord zu nehmen und ihnen alle Gemächlichkeiten zu verschaffen. Jetzt glaubte ich reden zu müssen, und ich tat das mit Nachdruck. Von ernsten Vorstellungen und männlichen Weigerungen liess ich mich zu den dringendsten, flehentlichsten Bitten heraballes umsonst! Ich mischte Spott und Satire hinein, suchte seine Eitelkeit rege zu machen, ihm vorzumalen, wie schimpflich es für einen Fürsten sei, sich in den Fesseln einer feilen Dirne zu schmiegenalles vergebens! Endlich erklärte er mir mit dem frechsten Ungestüm, dass die zeiten vorüber wären, wo ich ihn hätte als ein Kind behandeln dürfen, und dass, wenn einer von uns beiden, die Französin oder ich, in Europa bleiben müsste, die Reihe mich treffen würde.

Nun schwieg ich, aber ich warf einen blick auf ihn, der ihn hätte erröten machen müssen, wenn afrikanische Fürsten erröten könnten. – Die Buhlerin wurde, nebst zwei Kammermädchen und zwei Livreebedienten, eingeschifft, und wir segelten mit günstigem Winde aus dem Golfo di Venezia ab.

Nie ist mir eine Reise unangenehmer, langweiliger gewesen als diese Seereise von Venedig bis Alexandrien. Unser Schiff glich einem schwimmenden Bordelle. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht wurden Bacchanale gefeiert, und die zügelloseste Frechheit herrschte in Reden und Handlungen. Sobans und Manims Gesellschaft waren mein einziger Trost. Wir sassen, sooft wir konnten, in einer kleinen Kajüte oder auf dem Verdecke zusammen, suchten zu vergessen, von was für Menschen wir umgeben waren, unterredeten uns miteinander oder lasen und hatten die Ehre, spottweise von der ausgelassenen Bande die Philosophen genannt zu werden.

In Alexandrien fanden wir alles zu der Landreise durch Ägypten und Nubien in Bereitschaft. Mein Herr Vetter hatte dafür gesorgt; Kamele und Elefanten nebst allen Lebensbedürfnissen und einer zahlreichen Bedeckung hatten schon seit zwei Monaten auf uns gewartet; bei Abreise des Zugs hatte der alte Negus noch gelebt.

Hier nun teilte ich mit des Kronprinzen Erlaubnis die Karawane in zwei Teile. Die Wahrheit zu gestehen, so schämte ich mich, mit dem Gefolge dem Könige und dem Minister unter die Augen zu treten; ich wollte also vorausreisen und sie erst vorbereiten zu dem, was sie sehen würden. Mit mir reisete Soban, der ein herzliches Verlangen hatte, Weib und Kind wiederzusehen. Wir nahmen nur wenig Leute mit; Manim blieb, mit dem Reste der Suite, bei dem Prinzen und führte den zweiten Zug. Wir kamen zu Anfange des Februars im Jahre 1778 in Gondar an; der Kronprinz hielt zehn Tage später seinen Einzug in der Residenz.

Neuntes Kapitel

Schilderung des Zustandes, in welchem der

Verfasser den Hof in Gondar fand. Betragen des

neuen Königs

Sobald ich die Grenzen des abyssinischen Reichs betrat, erfuhr ich, dass der gute alte König vor vier Wochen gestorben wäre. Nach allem, was ich von dem Kronprinzen und meinen Verhältnissen mit ihm gesagt habe, wird man leicht begreifen, dass diese Nachricht mich recht sehr niedergeschlagen machte. Ich trat in Gondar sogleich in dem haus meines Herrn Vetters, in welchem, wie man weiss, auch ich wohnte, ab und wurde von ihm, der mich längst sehnlich erwartet hatte, liebreich empfangen. Zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, legte er mir tausend fragen über die Erwartungen vor, die man von dem neuen Monarchen hegen dürfte, und ich hielt es für Pflicht, ihm offenherzig zu gestehen, wie wenig Glück ich dem land von dieser Veränderung versprechen könnte.

Ich habe im ersten Teile dieses buches den alten Negus so treu als möglich geschildert. Das war freilich nicht das Gemälde eines grossen Regenten, aber doch eines Mannes, der das Gute mit Wärme zu lieben, zu wünschen und zu befördern imstande war; der sich gern unterrichten, gern etwas in der Welt ausrichten wollte, das nützlich und lobenswert wäre; der dabei, obgleich er eine zu hohe Meinung von sich selber hatte und gern glänzen wollte, dennoch auch fremdem Werte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, guten Rat anzunehmen, nützliche Dienste zu erkennen und zu vergelten wusste; endlich der, soviel er auch auf seinen Fürstenstand und auf unumschränkte Gewalt hielt, doch kein eigentlicher Tyrann war.

Wie der Kronprinz von allen diesen Zügen nicht einen einzigen hatte, wie er dagegen alle Fehler seines Vaters in dem höchsten Grade und Übermasse mit unzähligen Lastern vereinigte,