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einige Abyssinier an, die ihm so viel Gutes von ihrem vaterland sagten, dass er, nachdem er vorher in Tripoli Ali Muski Rechenschaft von seinen Verhandlungen gegeben hatte, sich entschloss, nach Gondar zu gehen und dort sein Glück zu versuchen. Da er, der Kleidung und Sprache nach, völlig wie ein Muselman aussah, so hatte er auf der Reise nichts zu fürchten; allein sein Wohltäter erwies ihm noch die Grossmut, dafür zu sorgen, dass es ihm nicht an Gelde oder vielmehr an wollnem Zeuge fehlte, welches in Abyssinien statt der Silbermünze gebraucht wird, und dass der Bassa von Ägypten ihm eine Bedeckung von Sklaven und so dringende Empfehlungsschreiben an die Nayben oder Stattalter an der Grenze mitgab, dass mein Herr Vetter in der Tat in jenen unbekannten Ländern allerorten so freundlich aufgenommen und bewirtet wurde als ein junger Gelehrter in Deutschland, der, um die schönen Franzbände der öffentlichen Biblioteken und die Studierzimmer der Bücherschreiber zu beäugeln, versehen mit einem Firman oder mit einem Hirtenbriefe von irgendeinem Stimmführer in der Literatur, seine Wanderschaft mit dem Postwagen von Zürch bis Kiel oder von Wien bis Bonn antritt.

Da indessen die Türken vom festen land Abyssiniens vertrieben sind, so war es nötig, gleich bei seiner Ankunft in Adova, der Hauptstadt von Tigre, für einen koptischen Christen zu gelten. übrigens versah er sich mit einigen einfachen Arzeneimitteln und gab sich für einen Medikus aus, welches, so unwissend er auch in dieser Wissenschaft war, in den dortigen Gegenden, wo die Heilkunde eben keine grosse Fortschritte gemacht hatte, durch hülfe der den europäischen Scharlatanen abgelernten Windbeuteleien sehr leicht auszuführen war.

Auf diese Weise kam er glücklich nach Gondar, der Residenz des Königs von Abyssinien, wurde dem Monarchen vorgestellt, hatte das Glück, demselben einige Würmer abzutreiben und ihn, durch Gebrauch einer Merkurialsalbe, von dem Aussatze zu befreienzwei der gewöhnlichsten Krankheiten in diesen afrikanischen Ländern, die aber unter unsern europäischen Fürsten noch nicht eingeführt sind –, und kam durch diese Kur zu hohen Ehren.

In seinem Glücke nun erinnerte er sich seiner Verwandten in Deutschland, und ich bekam im Jahre 1766 einen Brief von ihm, wovon ich im folgenden Kapitel Rechenschaft geben werde.

Drittes Kapitel

Der Verfasser erlebt unangenehme Schicksale in

Goslar und reiset zu seinem Herrn Vetter nach

Abyssinien

Ich habe vorhin erzählt, dass ich nebst meiner Mutter eine kleine wohnung in Goslar bezog, um dort mit ihr, so gut es gehen wollte, zu leben; allein neue Widerwärtigkeiten trafen mich ohne Unterlass. Im ersten Jahre wollte es mit meiner Praxis gar nicht fort. Bei den kleinen Zwistigkeiten unter den Bürgern, Bauern und Bergleuten war wenig Geld zu verdienen; ich verstand die eigentliche Advokatenkunst nicht, klare Sachen dunkel zu machen, friedliebende Leute vom Vergleiche abzuhalten, wenig Sachen mit viel Worten zu sagen und dann meine Schriften nicht nach der Wichtigkeit der Arbeit, sondern nach der Anzahl der unnütz vollgeschriebnen Bogen mir bezahlen zu lassen; ich nahm von armen Leuten kein Geld, und reichre wendeten sich nicht an mich, sondern an irgendeinen alten Advokaten, der schon, durch vieljährigen Besitz, sich das Recht erworben hatte, ein Organ der Schikane zu sein und dasjenige in seinen Beutel zu spielen, worüber sich zwei andre Leute zankten. Zu Anfange des andern Jahrs geriet endlich ein etwas wichtigrer Prozess in meine hände, allein ich musste in dieser Sache nach Wetzlar appellierendas hiess denn, in gewissem Sinne, für die Ewigkeit arbeiten, brachte aber kein Geld ein. Der Reichskammergerichtsassessor, in dessen hände die Akten fielen, legte sie zu den übrigen hundertundfunfzig Prozessen, aus denen er Relationen schuldig war; und jetzt, nach fünfundzwanzig Jahren, da ich dieses schreibe, werden sie noch wohl an demselben platz liegen, wenn die Parteien nicht etwa Mittel gefunden haben, durch Sollizitieren einige Beschleunigung auf Unkosten andrer, vielleicht noch ängstlicher nach Recht und Gerechtigkeit Seufzenden, zu bewirken.

Es ging also sehr schlecht mit meiner Einnahme, und die Ausgaben hingegen vermehrten sich, da meine Mutter erkrankte und nach dreimonatlichem Leiden starb. Ich musste unser kleines Kapitälchen angreifen und war in der Tat in der traurigsten Lage, als ich von meinem Herrn Vetter den obenerwähnten Brief erhielt, dessen Inhalt ungefähr folgender war: Er sei, nach mancherlei erlebten Schicksalen, nach Abyssinien geraten und habe jetzt die Ehre, daselbst erster Staatsminister des Königs oder grossen Negus zu sein, den wir irrigerweise den Priester Johannes nennten. Dieser Monarch nun beglücke ihn mit seiner vorzüglichen Gunst, habe auf seinen Rat verschiedne gute Einrichtungen, nach dem Muster der europäischen Staaten, in seinem weitläuftigen Reiche gemacht und wünsche, noch mehr Europäer dahin zu ziehen, auch Bücher, Maschinen und andre Dinge, wovon das Verzeichnis hiebei erfolge, aus unserm vaterland zu erhalten. Er, der Herr Minister, habe diese gelegenheit, mich glücklich zu machen, nicht entwischen lassen wollen, da ich von den Personen seiner Familie der einzige Mann sei, von dem er glaubte, er könne ihn in seinem grossen Vorhaben unterstützen. – Mein Herr Vetter bat mich daher, mich auf die Reise nach Afrika zu machen, schrieb mir den Weg vor, den ich nehmen sollte, schickte mir die nötigen Adressen, für die verschiednen Handlungsplätze nebst den Anweisungen, wo ich das Geld zur Reise und zu Anschaffung der Bücher und andern Sachen, die ich mitbringen sollte, heben könnte, versicherte mich der besten Aufnahme, seiner hohen Protektion und versprach mir ein glänzendes Glück, das meine Erwartungen weit übertreffen würde. übrigens kam mir