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schuldig sind. Er wird von groben Lakaien zurückgewiesen, die in Kleidern stecken, welche bei ihm auf Kredit ausgenommen sind. Die Fürsten lassen in die Zeitungen und Journale einrücken, wie sehr sie einländische Fabriken und Manufakturen unterstützten, und tragen nichts an ihrem leib, was nicht ausser Landes gekauft und verfertigt ist. Die Not des armen Landmannes rührt nicht die harterzigen Minister; sie lesen französische Romane und werfen die Suppliken der jammernden Untertanen in die Ecke. Es bekümmert sie wenig, ob das Volk sie segne oder ihnen fluche; aber ein erkauftes oder erbetteltes Ordensband von einem fremden Könige, der nie ihren Namen gehört hat, halten sie für den wahren Stempel ihres Verdienstes; und wenn sie ihr kaltes Herz mit einem silbernen Stern beklebt haben, so sehen sie voll Zuversicht und Unverschämteit auf bessre Menschen herab. Willst du, dass der Präsident, wenn er um zehn Uhr des Morgens sich aus dem Bette erhebt, beim Frühstücke, unter der Menge von Briefen, die unerbrochen daliegen, deiner Klage einige Aufmerksamkeit widmen soll, so fange deine Bittschrift mit den Worten an: 'Durch den Fuhrmann N. N. schicke Euer etc. ein Fässchen mit Austern'; und du wirst sehen, wie sich sein Gesicht erheitert. Schwätzer, Windbeutel und unverschämte Ignoranten machen ihr Glück; das bescheidne Verdienst wird übersehen. Verwandtschaft, niedrige Schmeichelei und gewissenlose gefälligkeit sind die Mittel, sich emporzuschwingen. Wenn der ohne seine Schuld arme einige Taler stiehlt, so wird er gesetzmässig aufgeknüpft; wer aber im Handel und Wandel überfordert, schlechte Ware für teures Geld liefert, den nennt man einen schlauen Mann. Der Richter, der Sachwalter und der Deputierte dürfen ihre Geschäfte unnützerweise in die Länge ziehen, um desto mehr Gebühren und Diäten zu bekommen; der Tagelöhner darf faulenzen, sobald der Aufseher die Augen wegwendet; verdungne Arbeit darf liederlich von der Hand geschlagen werden; der Schneider darf doppelt soviel Zeug zum Kleide berechnen, als er gebraucht hat; zu seiner Rechtfertigung ist es genug, dass es alle übrige Schneider auch so machen."

"Nein! das ist zu arg!" rief ich aus, als ich dies las, "gibt es nicht edle Fürsten, sorgsame Landesväter, wohltätige, aufmerksame Regierungen in Deutschland?"

SOBAN: Nun ja! diese sind also Ausnahme; aber ist darum jenes weniger wahr? Soll man darum von den Gebrechen schweigen, weil sie nicht ganz durchaus allgemein sind?

ICH: Allein das sind ja Gebrechen, die man in allen Staaten, in allen bürgerlichen Einrichtungen des Erdbodens antrifft.

SOBAN: Vielleicht! doch sind sie darum nicht notwendig, nicht unvermeidlich. Man rede um desto öfter und lauter davon, um zu bewirken, dass endlich zu ihrer Abstellung Anstalten getroffen werden!

ICH: Was hat dir denn das arme Deutschland getan, dass du das Original zu diesem abscheulichen Gemälde grade daher entlehnst?

SOBAN: Närrischer Kerl! ich schreibe ja ein Journal von meiner Reise durch Deutschland und nicht durch Spanien oder Marokko. Bist du doch wie die mehrsten Menschen, die es übelnehmen, wenn man die Wahrheit sagt, und, wenn sie die Tatsachen nicht leugnen können, mit der elenden Ausflucht gegen uns zu feld ziehen, dass es andrerorten nicht besser hergeht.

Ich sah wohl, dass Soban nicht zu bekehren war und dass man Ritter, Doktor und Rat sein und dennoch übereilt und unbillig von den Sitten, die in Ländern und Städten herrschen, urteilen kann.

Da ich immer fortfuhr, zu dem zweiten Transporte der Gelehrten und Künstler, welche ich nach Abyssinien schicken sollte, Subjekte aufzusuchen und anzuwerben, so hatte ich auch in Regensburg einen Mann bewogen, diese weite Reise zu machen, der mir als ein grosser Chymiker gerühmt wurde. Er trieb hauptsächlich den pharmazeutischen teil der Scheidekunst und bewies mir durch Zeugnisse und Dokumente, dass er mit gewissen Wundertropfen alle Krankheiten zu heilen imstande wäre. Sosehr auch der Vorfall, den mein Vater mit dem Grafen St. Germain erlebt hatte und dessen sich die Leser noch aus dem ersten Teile dieses buches erinnern werden, mich hätte von meinem Glauben an Universalarzeneien ablenken können, so gestehe ich doch, dass ich nicht imstande war, der einleuchtenden und überzeugenden Beredsamkeit dieses Mannes zu widerstehen. Ich hielt es vielmehr für ein grosses Glück, ihn mit nach Abyssinien spedieren zu können, wo es doch wirklich noch in dem Fache der höhern geheimen Naturwissenschaften sehr dunkel aussah. Wir nahmen diesen Mann mit uns, da wir grade noch einen Platz in der dritten Kutsche übrig hatten; allein der arme Schelm war so schwächlich, dass wir ihn in München zurücklassen mussten, wo er auch vier Wochen nachher starb.

Siebentes Kapitel

Ein neuer Transport von Gelehrten wird nach

Abyssinien geschickt. Unerwartete Nachrichten

nötigen zur Rückreise

Bis jetzt waren wir alle, die wir aus Abyssinien gereiset waren, immer gesund und munter gewesen, den Kronprinzen ausgenommen, der sich, wie ich oben erzählt habe, durch seine Ausschweifungen allerlei Übel zuzog; dennoch aber führten wir zwei Ärzte in unseren Gefolge, nicht sowohl um uns ihrer hülfe unterwegens zu bedienen, als vielmehr weil ich den Auftrag hatte, ein paar tüchtige Männer in diesem Fache nach Abyssinien zu schicken, und ich doch diesmal gern die Subjekte, die ich nach Afrika überschiffen liess, erst genauer kennenlernen wollte. Ich weiss wohl, dass man einem gewissen grossen mann vorwirft, er habe, bei einem ähnlichen Auftrage, nicht so gewissenhaft in Rücksicht auf ein fremdes Reich gehandelt, sondern dahin ein solches