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wenig verwundert, als ich kurz nachher in einer historischen Zeitschrift, die dieser Professor herausgab, die Nachricht las, dass die Abyssinier Menschenfresser wären.

Man tat kurz vor unsrer Abreise von da dem Kronprinzen den Antrag, die Doktorwürde in der Rechtsgelehrsamkeit anzunehmen. Ich hatte Mühe, Seiner Hoheit begreiflich zu machen, wozu eigentlich diese pedantische Posse dienen könnte; und als es ihm deutlich wurde, da konnte ich doch weder ihn noch einen von seinen Hofleuten bewegen, diese Farce mit sich spielen zu lassen, welche sie wirklich als ein Überbleibsel der Barbarei und als eine Satire auf die wahre Gelehrsamkeit ansahen. Der einzige Soban entschloss sich endlich, diese Mummerei mit sich vornehmen zu lassen. Zu diesem Endzwecke schrieb ich ihm eine sehr gelehrte Dissertation. Ich wählte einen Gegenstand aus der Lehre von den Testamenten und bewies, wie philosophisch, billig und vernünftig das Gesetz in Ansehung der Quadrigae wäre. Dies Gesetz nämlich, welches vielleicht manchen meiner Leser unbekannt ist, verordnet, dass, wenn jemand in seinem Testamente einem Freunde einen Zug von vier Pferden vermacht und indes eines von den vier Pferden stirbt, der Freundgar nichts bekömmt, weil der Erblasser ihm nicht drei, sondern vier Pferde habe schenken wollen. In der Tat kann man nichts Weiseres ersinnen als dies Gesetz; auch fand meine Disputation allgemeinen Beifall; der Ritter und Hofnarr Soban wurde Doktor juris darüber, las Reden und Antworten her, die ich ihm aufgesetzt hatte; ich und der Reisestallmeister opponierten, und alles ging vortrefflich vonstatten, denn bei dem Examen wurde alter Rheinwein herumgereicht. Zwei Tage nach dieser Feierlichkeit reiseten wir weiter.

Sechstes Kapitel

Fortsetzung der Reisenachrichten

Sobald wir über den oberrheinischen Kreis hinauskamen, beschloss ich, meinen Prinzen an die zahlreichen grossen und kleinen Höfe in dortiger Gegend zu führen. Sie sind wirklich, jeder in seiner Art, sehr merkwürdig zu sehen; dennoch aber übergehe ich, um nicht zu weitläuftig zu werden, die Schilderung derselben mit Stillschweigen. Nur so viel muss ich aus Dankbarkeit erwähnen, dass man uns allerorten äusserst höflich und artig behandelte, sobald man erfuhr, dass Seine Hoheit ein Königssohn, wir andern abyssinische echte Edelleute und dabei überflüssig mit Gelde versehen wären. übrigens mussten wir immer gewaltig viel von Afrika erzählen und wurden, besonders von den Prinzessinnen und Hofdamen, reichlicher gefragt als gespeiset.

In Mannheim konnte Soban der Versuchung nicht widerstehen, sich einen Geheimenrats-Titel zu kaufen. Er wurde um neunhundert Gulden einig, konnte aber nicht die Erlaubnis erlangen, diesen Titel auf seinen siebenjährigen Sohn, der in Gondar geblieben war, vererben zu dürfen, indem in der Pfalz nur die wirklichen Bedienungen, nicht aber die Titel auch Kindern versichert und gegeben werden.

In derselben Stadt warb ich auch zwei Maler, einen Bildhauer, einen Baumeister und noch einen Tonkünstler für Abyssinien an. Mit Vergnügen sah ich, in welchem blühenden Zustande hier die schönen Künste waren. Vor zwanzig Jahren schien man in Deutschland so sorglos über diesen Punkt und überlegte nicht, welchen Einfluss der beständige Anblick von falschen Schnörkeln, überladnen Zieraten, zwecklosen Kleinigkeiten und die Gewohnheit, Misstöne zu hören und verzeichnete Karikaturen und bunten Popanz zu sehen, auf den Geschmack, auf die denkart und auf die Einfalt des Charakters haben, schöne Formen und allgemein herrschende Harmonie hingegen Kopf, Herz und Sinn veredeln. Die Entdekkung der Monumente des schönern Altertums in Italien hat einigen wohltätigen Einfluss auf den Geschmack und das Gefühl der Deutschen gehabt. Leider aber reisst jetzt, da ich dies schreibe, wieder die elende Augenlust an bunten Arabesken und kindischem Firlfanz bei uns ein; und so werden wir denn wohl bald wieder in die zeiten der gotischen Barbarei zurücksinken.

Die Menge der Bettler, die uns in manchen Städten, besonders in solchen, wo katolische geistliche Fürsten regierten, haufenweise anfielen und auf allen Spaziergängen das unschuldige Vergnügen des Genusses der schönen natur durch den Anblick des Elendes verbitterten, gaben meinen Reisegefährten sehr üble Begriffe von der Polizei in Deutschland und von der Menschenliebe der Regierungen. Niemand ging in seinem Tadel unbilligerweise weiter als der Geheimerat, Ritter, Doktor und Hofnarr Soban. Einst sah ich ein Heft von seinem Reisejournale liegen, blätterte darin und fand folgende bittre Stelle:

"Die Schauspiele und andre öffentliche Vergnügungen sind in manchen deutschen Städten sehr prächtig; die Hospitäler, Waisen- und Findelhäuser hingegen elend und jämmerlich. In grossen Residenzen geht man unentgeltlich in die Oper, muss aber seinen Platz in der Kirche und alle gottesdienstlichen Handlungen, Trauung, Taufe, beichte etc., bezahlen. Ein Tänzer oder ein verschnittner welscher Sänger bekömmt jährlich funfzigmal mehr Gehalt als ein Volkslehrer und Kindererzieher, Jener wird bei den Grossen des Reichs zur Tafel gebeten, wenn sie sich selber ehren, für Kenner der Kunst gelten wollen; diesen hingegen bittet höchstens dann ein Minister einmal zum Essen, pflanzt ihn neben der Tür hin und redet kein Wort mit ihm, wenn er, ausser seinen Kindern und dem Informator, grade niemand an der Tafel hat als etwa seinen Advokaten und den Gerichtshalter von seinem Gute. Sammle in einer Gesellschaft von reichen Leuten zu einer Summe, wofür Philadelphia oder irgendein andrer Gaukler seine unnütze Künste zeigen sollund es wird Dukaten in deinen Hut regnen; sammle ein Almosen für eine fleissige, in Dürftigkeit geratne Familieund man wird mit Verdruss Groschen hineinwerfen. Die müssigen Hofschranzen fahren in vergoldeten Kutschen; der nützliche Handwerker und Künstler muss zu fuss umherschleichen, um vergebens die Rechnungen in die Paläste zu tragen, die ihm jene Windbeutel zu bezahlen