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so gelehrt, so erfahren, so unteilnehmend, so verschlossen scheinen?" – "Ach!" erwiderte ich, "daran ist, leider! die Erziehung schuld. Sie werden zu früh mit der Welt und ihren Verderbnissen bekannt, werden zu früh klug, lesen zuviel Romane und Bücher zu Beförderung der Menschenkenntnis. Und wenn sie nun in die wirkliche grosse Welt treten, dann bringen sie schon Widerwillen, Ekel und überspannte Forderungen mit. Alles ist ihnen zu alltäglich; sie kennen alles schon aus Büchern; es ekelt sie an. Vererbte Krankheiten nagen am Körper; der einfache Genuss hat keinen Reiz der Neuheit für sie; sie jagen also dem erkünstelten nach; Ausschweifungen aller Art erschlaffen die Nerven, in den Jahren schon, wo die natur ihre Kräfte zum Wachstume braucht. Kränklichkeit und böse Launen folgen ihnen dann ohne Unterlass; sie machen sich und andern das Leben sauer. – Lassen Sie mich dies Bild nicht weiter ausmalen! Wo ist jetzt noch ein Platz auf dem Erdboden, der nicht die Originale zu diesem Gemälde bei Tausenden liefert?"

Die Zeit unsers Urlaubs war nun bald verstrichen, und wir reiseten nach Kassel zurück. Wir hatten grosse Summen verschwendetmit wieviel Nutzen, das können sich die Leser selbst sagen. Der Kronprinz war nicht mehr der blühende, starke Jüngling, und seine Launen wurden mir oft unerträglich. Er war auffahrend, ungestüm, dann einmal ausgelassen munter und offenherzig und gleich nachher herabgespannt, misstrauisch, bitter, heimtückisch.

Was dabei noch meinen Verdruss vermehrte, war ein Brief von meinem Herrn Vetter aus Abyssinien, den ich in Kassel fand und aus welchem ich hier einige Auszüge liefern will.

"Was zum Henker!" schrieb er mir, "was für Kerl hat mir der Herr Vetter da aus Deutschland geschickt? Wenn ich nicht glaubte, dass sie alle toll geworden, indem sie die Linie passiert sind, so würde ich nicht wissen, was ich zu des Herrn Vetters Auswahl sagen sollte. Die beiden Philosophen haben sich schon unterwegens auf dem Schiffe gewaltig prostituiert. Der eine war fast immer besoffen, und da der andre sehr jähzornig ist, so gab es zuweilen fürchterliche Auftritte. Einst gerieten sie über die echte Toleranz in Streit, und da jener behauptete, dass man jedem seine Privatmeinungen lassen müsse, dieser hingegen für das Gegenteil eiferte, wurde der Zwist so lebhaft, dass der Duldungsprediger, als er seinen Gegner gar nicht überzeugen konnte, ihn bei den Ohren fasste; da kam es dann zu einer solchen Prügelei, dass sie mit verbundnen Köpfen hier ankamen. Die Pädagogen sind noch ärger; Herr Ilsenbert läuft allen Mädchen und Knaben nach, und der Magister Löffler schreibt, statt sich um das Erziehungswesen zu bekümmern, über Politik. Er hat kürzlich ein Werk herausgegeben, in welchem er gegen alle Regenten eifert, ungeachtet er doch von dem unsrigen die schöne Pension einstreicht; er nennt die Fürsten gesalbte Henker und ermuntert das Volk zum Aufruhre und zu Gründung einer freien Republik. Von den beiden Dichtern malt der eine die Freuden der Wollust mit den reizendsten Farben, und der andre singt in rauhen Bardengesängen die aufrührerischen Grundsätze, die der politische Pädagoge in Prosa ausbreitet. Der Buchhändler verlegt und empfiehlt allen diesen gefährlichen Unsinn und hat heimlich eine Menge irreligiöser und unsittlicher Bücher mitgebracht. Die unschädlichsten Narren sind Eure drei Musiker; aber die Kerl machen ein solches Geleier, dass der alte Obermarschall neulich im Hofkonzerte die Strangurie davon bekommen hat. Seine Majestät waren im Begriffe, sehr ungnädig auf Euch zu werden; ich habe alle Mühe gehabt. Sie zu überzeugen, dass alles dies zur Aufklärung gehörte, dass die Männer, welche Ihr uns geschickt hättet, im grund sehr geschickte Leute wären, denen man aber, nach den Regeln der Toleranz, denke- und Pressfreiheit, ihre kleinen Eigenheiten übersehen müsste. Indessen bitte ich doch den Herrn Vetter, bei dem nächsten Transporte recht vorsichtig in der Wahl der Subjekte zu Werke zu gehen und vor allen Dingen die Speditionen über das Mittelländische Meer her zu machen, damit sie nicht die Linie zu passieren brauchen, denn ich merke wohl, das verträgt kein deutscher Gelehrter. übrigens rückt es nun mit der Universität in Adova ziemlich gut fort. Die beiden Erzieher sind auch dahin geschickt worden, haben ein Institut angelegt und schon ziemlich viel Zöglinge. Bezahlen lassen sie sich nicht schlecht, geben sich aber auch viel Mühe mit den Kindern, lehren sie unter andern allerlei Sprünge und baden sie täglich in dem Flusse Rieberaini."

Dies war der Hauptinhalt des Briefes, der mir einige Unruhe verursachte und mich zu dem Entschlusse bewog, künftig vorsichtiger in der Wahl der Leute zu sein, die ich nach Abyssinien senden würde.

Fünftes Kapitel

Der Kronprinz erlebt einen verdriesslichen Vorfall,

verlässt die hessischen Dienste und geht wieder auf

Reisen

Ich habe vorhin gesagt, dass unsre letztre Reise keine lobenswerte Veränderung in der Gemütsart und in den Sitten des Kronprinzen von Abyssinien bewirkt hatte und dass dies unangenehme Vorfälle nach sich zog; jetzt komme ich zu der Erzählung dieses Umstandes.

Die Ausschweifungen, denen sich Seine Hoheit ergab, hatten seine natur geschwächt. Er war nicht mehr so leicht aus dem Schlafe zu wecken als ehemals und mehrenteils übler Laune, wenn er aus dem Bette aufstand. Eines Tages, da sein Kammerdiener vergebens sich bemüht hatte, ihn zu gehöriger Zeit auf die Beine zu bringen, erschien er vor seines Hauptmanns haus, als die Kompanie schon nach dem Paradeplatze marschiert war. Der Kapitän, ein Herr von