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aufhielt, die Erlaubnis, mit mir eine Reise zu machen. Wir gingen zur Messe nach Frankfurt, sahen noch andre merkwürdige Städte, besuchten einige Bäder und blieben vier Monate lang aus.

Diese Reise hatte auf die Sitten des Prinzen keine so vorteilhaften Einflüsse, als ich gewünscht hätte. Durch die freien, zum teil zügellosen Reden, die der junge Herr in der Wachtstube in Kassel gehört, und durch mutwillige Scherze, die man dort mit ihm getrieben hatte, war der Keim zu allerlei unregelmässigen Begierden in ihm rege und sein Sinn für Trunk, Spiel und Weiber erweckt worden. Seine Hofleute hatten bald gemerkt, zu welchem Grade von Aufklärung der Prinz gekommen war, und hatten, um sich ihm gefällig zu machen, ihm heimlich gelegenheit verschafft auszuschweifen. Mein ehrlicher Manim machte mich aufmerksam darauf; aber was sollte ich tun? Der Prinz war kein Kind mehr; es war mir unmöglich, ihn so ängstlich zu bewachen; auch hatte ich manche andre Geschäfte. Jetzt, auf dieser Reise, fanden sich der Gelegenheiten irrezugehen noch weit mehr. Er kam in Frankfurt ein paarmal betrunken zu haus; ich machte sanfte und ernste Vorstellungen; man antwortete leichtsinnig und spöttisch. In Mainz hatten sich ein paar junge Domherren ein fest daraus gemacht, ihn in ein berüchtigtes Haus zu führen, wo er sich eine ekelhafte Krankheit holte. Ich ahndete dies bald an seiner Gesichtsfarbe, liess einen Arzt rufen und hoffte, dieser Unfall sollte ihn von Ausschweifungen zurückbringen; allein kaum war er hergestellt, so ging wieder das vorige Leben an. Nun hatte ich freilich unumschränkte Gewalt über die Personen seines Hofstaats und hätte seine Hauptverführer fortjagen können; aber ich gestehe es, dazu hatte ich den Mut nicht. Was hätten diese verstossnen Elenden mitten in Deutschland anfangen wollen? Wer weiss ferner, ob ich nicht ihre heimliche Rache hätte fürchten müssen! Bei einem einmal an Zügellosigkeit gewöhnten Prinzen würden auch bald andere ihre Plätze eingenommen haben. Und wer kann sagen, was endlich meiner erwarten, was Verleumdung und Ahndung, von seiten des Kronprinzen selbst, mir zubereiten konnte, wenn wir nach Abyssinien zurückkamen? Also, ich bekenne es zu meiner Schande, sah ich durch die Finger; und ihr, die ihr oft die armen Prinzenhofmeister tadelt, wiegt ein wenig diese Gründe ab, und setzet euch in unsre Stelle!

Bei einem Orte, dessen Bäder und Brunnenquellen eine Menge Leidende hinziehen, denkt man sich einen ruhigen, friedevollen Aufentalt, wo die armen Kranken, neben dem Gebrauche der Heilmittel, Leib und Seele durch zwanglose Geselligkeit und durch Entfernung von allen häuslichen Sorgen, von tobendem Geräusche und leidenschaftlichem Tumulte, zu stärken und zu erheitern suchen. Um desto auffallender musste den Bessern unter unsern abyssinischen Reisegefährten, die mit den europäischen Sitten noch nicht völlig bekannt waren, der Anblick der Lebensart in den Bädern sein, die wir besuchten. Pracht, Aufwand, Residenzton, Hofetikette, Schmausereien, Üppigkeit, Bacchantenunfug bis in die späte Nacht hinein; die heftigsten Ausbrüche der Liebe, des Zorns, der Rache, der Eifersucht; Intrigen, Kabalen, hohes Spiel, das so manchen um seine und der Seinigen ganze zeitliche Glückseligkeit und um seine Gemütsruhe brachte; Völlerei, Wollustund, kurz, alles, was Leidenschaften und Begierden im Tumult erhalten kann, das fand man hier. – "Und hierher reiset man seiner Gesundheit wegen?" rief Manim aus. "Und was treibt man an jenem grünen Tische, den Leute mit Sternen und Ordensbändern nun schon seit sechs Stunden umringen? Auf den Gesichtern der Umstehenden lese ich abwechselnd ängstliche Erwartung, Schadenfreude, Verzweiflung, Wut. – Hier müssen wichtige Sachen verhandelt werden, denn ich sehe da Männer von Jahren und Erfahrung, ja, Regenten sitzen, die gewiss ihre Zeit nicht mit Kleinigkeiten oder gar mit schädlichen Dingen verderben werden. Sehen Sie nur an! jetzt führt man auch unsern Prinzen hin. Nun! das ist doch einmal gut, dass er sich auch den bessern Leuten zugesellt." – O Himmel! wie sehr irrte Manim! Es war ein Pharao-Tisch. Man hatte Seine Hoheit verleitet, sich an dies abscheuliche Spiel zu geben; er spielte wie jeder reiche Neuling, und dabei machte man seinen Ehrgeiz rege. Ein Fürst, hiess es, müsse grossmütig spielen. – Grossmut und Spiel? – wie herrlich die beiden Dinge zusammen passen! – Das Ende vom lied war, dass ich am folgenden Tage eine ungeheure Summe bezahlen musste. "Pfui!" rief ich aus, "freilich macht Sie dieser Verlust nicht arm; aber können Sie, ohne zu erröten, hier, in fremden Ländern, Tausende auf eine Karte setzen, indes Sie in Ihren Staaten, mit der Hälfte der Summe, zehn Familien vom Untergange erretten könnten? Und vergessen Sie denn, dass dies Geld, welches Sie hier vergaunern, gar nicht Ihr, sondern der guten Abyssinier Eigentum ist, die es im Schweiss ihres Angesichts erworben haben?"

"Hier scheint alles recht lustig herzugehen", sprach Soban, als wir einst dem Tanze in einem grossen saal zusahen; "aber woher kommt es, dass diese Menschen, mitten in den Freuden des Tanzes, so gezwungen, so ernstaft aussehen, als wenn sie ein verdriessliches, wichtiges Geschäfte trieben? Heisst das Tanzen? Woher kommt es überhaupt, dass hier in Deutschland die Jünglinge, wenigstens in den Städten und in den Zirkeln der höhern Stände, so feierlich, so kalt, so kränklich,