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anfangen und so von Stufe zu Stufe bis zu den höchsten militärischen Ehrenstellen fortrücken sollte, welches, wie bekannt ist, bei Fürstensöhnen, ihrer angebornen Verdienste wegen, ziemlich schnell zu gehen pflegt.

Ich glaubte nicht, dass man diesem Plane das geringste Hindernis in den Weg legen würde, denn er war ja wahrlich so gut Prinz als einer und wollte nur der Ehre wegen dienen; allein es fiel sehr gegen meine Erwartung aus. Des Königs von Abyssinien Majestät hatten mich als Gesandten an dem hof des damals regierenden Landgrafen akkreditiert, und Seine Hoheit der Tronerbe befand sich in meiner Suite inkognito. Unser Gefolge war prächtig, und ich zweifelte keinesweges daran, dass man uns mit ausgezeichneter Ehre am hof empfangen würde. Um desto grösser war mein Befremden, als man uns für Abenteurer hielt, gar nichts von einem Königreiche Abyssinien wissen wollte und mich, den Gesandten eines grossen Monarchen, lächerlich zu machen suchte. Der damalige Bibliotekar in Kassel, ein Franzose, bekam Auftrag, in Reisebeschreibungen nachzusehen, ob und wo in der Welt das Königreich Abyssinien gelegen sei. Ich war zuweilen bei seinen mühsamen Nachforschungen gegenwärtig und fand, zu meiner Verwunderung, "Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen" mit unter die Reisebeschreibungen gestellt. War nun der Umstand daran schuld, dass der gute Mann kein Deutsch verstand, oder wusste man wirklich in Kassel nichts von Abyssinien und hatte auch keine Bücher darübergenug! das Resultat blieb, dass man mir ankündigte, man wollte uns zwar erlauben, in der Residenz als Fremde unser Geld zu verzehren, könne mich aber keinesweges als den Gesandten eines fremden Hofes anerkennen und den Prinzen schon deswegen nicht in Kriegsdiensten ansetzen, weil sein schwarzes Gesicht gar zu sehr gegen die Physiognomien der schönen jungen Leute, woraus des Landgrafen Armee bestand, abstechen würde. Indessen fand sich ein Mittel, diesen letzten Einwurf zu heben; es hatte nämlich der Landgraf beschlossen, bei seiner ersten Garde Mohren zu Trommelschlägern anzunehmen; da nun mein Prinz, wie Peter der Grosse, von unten auf dienen sollte und Trommelschläger zu werden in der Tat von unten auf dienen heisst, so tat man mir den Vorschlag, den Tronerben von Abyssinien das Kalbfell schlagen zu lassen. Ein gewisser italienischer Graf Bollo galt damals sehr viel am hof; ein würdiger Mann, der einst in Polen eine wichtige Rolle gespielt, einer kleinen kühnen Unternehmung wegen aber, die in dem kalten Polen für nicht so unbedeutend angesehen wird als in dem wärmern Italien, aus dem land gejagt worden war. Dieser riet mir, den Antrag vorerst anzunehmen, indes aber nach Abyssinien zu schreiben, mir Verhaltungsbefehle und wichtigre Dokumente zu meiner Beglaubigung schicken zu lassen, wobei er mir dann Hoffnung machte, dass in der Folge mein Prinz doch noch wohl, trotz seines schwarzen Antlitzes, zu den höchsten kriegerischen Ehrenstellen gelangen könnte. Ich liess also Seine Hoheit Tambour werden und mietete für mich und unser Gefolge ein grosses Haus. Hier lebten wir als reiche Privatleute, gaben oft grosse Schmausereien und hatten das Glück, unsre Tafel immer von Gästen, besonders von Fremden, deren eine Menge dort wohnten, umringt zu sehen, unter welchen sich vorzüglich einige französische Marquis, zum Beispiel der Chevalier de Batincourt, der mit den ersten Häusern in Frankreich in Verhältnissen stand, fleissig einfanden.

Während dieser Zeit nun kamen die von mir in Sold genommenen Gelehrten und Künstler der Verabredung gemäss an. Ich beschloss, sie, begleitet von einigen unsrer Leute, zu Schiffe auf der Fulda bis Münden, dann auf der Weser bis Bremen und von da zur See weiter spedieren zu lassen. Mein lustiger Freund, der päpstliche Ritter und Hofnarr Soban, gab ihnen, als sie abreiseten, einen komischen Frachtbrief mit, der, in dem gewöhnlichen Kaufmannsstil verfasst, an den Minister Wurmbrand adressiert war und sich anfing: "Unter Geleite Gottes und durch den Schiffer N. N. liefern wir Euer edlen zehn Stück deutscher Gelehrter und Kunststückmacher, welche wir hier für Seine Majestät eingekauft haben, und zwar No. 1 et 2 ein Paar Poeten, wovon der eine Lieder und Reime, der andre ganz ungereimte Verse macht; No. 3 et 4 zwei wohlkonditionierte Menschenerzieher" usf.

Nachdem ich diesen meinen Auftrag nach bestem Vermögen ausgerichtet hatte, war nun meine ganze Sorgfalt auf den mir anvertraueten Kronerben gerichtet; allein da erlebte ich bald die unangenehmsten Vorfälle, die im folgenden Kapitel erzählt werden sollen. Der Prinz war, wie alle Fürstenkinder, mit hohen Begriffen von seinem stand auferzogen worden; Subordination war schon an sich ein Ding, woran er gar nicht gewöhnt war, und nun vollends einer so strengen Zucht sich zu unterwerfen, als unter welcher ein Trommelschläger bei der hessischen Garde zu stehen pflegt, das war etwas Unleidliches für Seine Hoheit; doch ging es ein ganzes Jahr hindurch ziemlich gut. Zwar wollte man von seinem Fürstenstande nichts wissen, weil die Mohren gewöhnlich da, wo man ihre Genealogie nicht untersuchen kann, sich für Prinzen auszugeben pflegen, die man in ihrer Jugend ihren durchlauchtigen Eltern geraubt hätte; allein man behandelte ihn doch ziemlich freundlich; die jungen Offizier scherzten mit ihm; der Dienst war nicht schwer, und man erlaubte ihm, wenn er nicht auf der Wache war, in unserm haus zu leben, wo er seinen Hofstaat bereit fand, alles zu seinem Vergnügen und zur Entschädigung für die ertragnen Ungemächlichkeiten beizutragen. Ja, was sonst unerhört, von ihm aber in seiner Kapitulation ausbedungen war, man gab ihm, während der Landgraf sich in Paris