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der Bemühungen desselben bleibt, seitdem seine Bestimmung am Heiligen grab wegfällt, die Ausrottung der Erbfeinde der Christenheit, der vermaledeieten Türken. Es wäre wohl zu wünschen, dass andre, der Welt ebenso nützliche Unternehmungen, zum Beispiel: die Erziehung der Jugend, die Beförderung der Wissenschaften, die Aufmunterung unterdrückter Talente, die Minderung der Not und Armut, der Sturz des Fürstendespotismus und der Ungerechtigkeit, die Beschützung der unterdrückten Hülflosen, die Ermunterung des echten Verdienstes und dergleichen, den Hauptzweck ebenso reicher und mächtiger Gesellschaften ausmachen möchtendoch vielleicht erleben wir auch das noch. Obgleich nun der Deutsche Orden mit der menschenfreundlichen Absicht, die Ungläubigen zu vertilgen, in den letzteren fünfhundert Jahren nicht sehr weit fortgerückt ist, so muss doch jeder Ritter drei Feldzüge gegen die Türken tun, das heisst, er muss drei verschiedne Kampagnen hindurch bei irgendeiner Armee, die gegen den Erbfeind in Bewegung ist, sich aufhalten und sich's im Hauptquartiere wohl sein lassen. Der Orden hat auch Priester, die aber den Türken keinen Abbruch tun und, nach Priesterweise, statt gegen sie zu fechten, sie nur anatematisieren. Um Deutscher Ritter zu werden und Anspruch auf reiche Kommentureien machen zu dürfen, muss man das Gelübde der Armut und auch die des Gehorsams und der Keuschheit, welche auf ebensolche Weise in Erfüllung gebracht werden, eidlich ablegen.

Ein strenger Beweis von sechzehn echten Ahnen beurkundet die Würdigkeit, in den Orden aufgenommen zu werden, welches mit kirchlichen Zeremonien geschieht, die, besonders einem Protestanten, gar sonderbar mitzumachen vorkommen müssten, wenn die Menschen nicht einmal daran gewöhnt wären, Spielereien Feierlichkeiten zu nennen und das Alte ehrwürdig zu finden, wenn auch gar kein Sinn darin liegt.

Der Ritter, welcher den Herrn Wurmbrand zu sich nahm, war in der Jugend ein wenig zu kavaliersmässig erzogen worden; man hatte vergessen, ihn das Schreiben und Lesen gehörig zu lehren, und mein Herr Vetter war ihm also ein sehr nützlicher Mann zu Führung seines Briefwechsels. Da sich sonst keine gelegenheit fand, wider die Türken zu feld zu ziehen, so beschloss er, nach Malta zu reisen und mit den Galeeren, die jahraus, jahrein von dort aus auf die Kinder Muhameds Jagd machen, gegen die Ungläubigen zu kreuzen.

Gleich bei der ersten Expedition dieser Art, wenig Wochen nach ihrer Ankunft auf der Insel (mein Vetter wich seinem Herrn nicht von der Seite), hatten sie das Unglück, einem barbarischen Seeräuber in die hände zu fallen, der sich, ohne grossen Widerstand, ihres Fahrzeugs bemächtigte und die ganze Equipage zu Gefangnen machte. Der Ritter schaffte in wenig Monaten ein ansehnliches Lösegeld herbei und wollte auch seinen Sekretär loskaufen, allein der Korsar hatte den Herrn Wurmbrand so liebgewonnen, dass er ihn durchaus nicht wollte fahrenlassen. Hierzu trug nicht wenig meines Herrn Vetters Kenntnis der orientalischen Sprachen bei. Der Seeräuber war übrigens ein Mann von Kopf und von menschenfreundlichem Herzen. Er hielt und behandelte seinen Sklaven so wohl, dass dieser oft in Versuchung geriet zu glauben, man könne in der türkischen Gefangenschaft fast ebensoviel Freiheitsgefühl schmecken als in den Diensten manches alten Edelmanns in Deutschland. Ali Muski (so hiess der Korsar) war ein deutscher Renegat, der, nachdem er in Europa lange genug von kleinen und grossen Despoten, Schelmen und Pinseln war herumgehudelt worden, sein Glück zur See versucht hatte. Sein Schicksal hatte ihn nach Tripoli geführt; er war einem billigdenkenden mann in die hände gefallen, hatte den Vorteil gehabt, diesem einst das Leben zu retten; wurde aus Erkenntlichkeit in Freiheit gesetzt; hielt es für vernünftig, den Gottesdienst des Landes anzunehmen, und bekam von seinem ehemaligen Herrn einen Vorschuss, womit er anfing Handel zu treiben und Fahrzeuge auszurüsten. Die Vorsehung begünstigte sein Unternehmen; er wurde reich; eigne Erfahrungen hatten ihn Mitleiden mit fremdem Kummer gelehrt; er behandelte seine Sklaven mit Milde und Schonung, hatte Sinn für fremden Wert und Dankbarkeit für erwiesene Dienste.

Ali Muski hatte ein wichtiges Geschäft in Kairo zu besorgen; dies trug er meinem Vetter auf, der es zu seiner Zufriedenheit ausrichtete und zum Preise seiner Bemühung die Freiheit erhielt.

Nun erwachte in Josephs kopf der Gedanke, in diesen Weltgegenden die Rolle zu spielen, von welcher er in seinen Kinderjahren so schön geträumt hatte. Er fand, dass unter den Menschen, welche wir Räuber und Barbaren nennen, wohl ebensoviel Treue und Glauben herrschen als in unsern sogenannten verfeinerten bürgerlichen Verbindungen; er beschloss also, in Afrika zu bleiben, wo man ihn wenigstens nicht zwang, Candidatus Teologiae zu werden. Er kleidete sich nach Landessitte, und was die Religion betraf, so war der Renegat billig genug, von ihm nicht zu fordern, dass er seinem Beispiele folgen sollte. Ali Muski versicherte ihn, dass, wenn er sich nur entielte, gegen die herrschenden Meinungen und Gebräuche zu eifern, so könnte er ungestört bei seinem Lutertume bleiben.

Jetzt kam es nur darauf an, einen Plan für die Zukunft zu entwerfen. Handel zu treiben, wozu ihm Ali Muski gern Geld vorgestreckt haben würde, war seine Sache nicht; und der Gedanke, in einem von den unzähligen grossen afrikanischen Reichen eine wichtige Rolle zu spielen, blieb immer herrschend bei ihm, zu welchem Endzwecke er denn die koptische Sprache und die von Tigre oder Geez und die amharische fleissig studierte. – Im Arabischen war er schon geschickt.

Indessen fügte es sich, dass er bald noch eine Reise nach Kairo, in Geschäften seines ehemaligen Gebieters, zu machen hatte. Er traf dort