dabei als bei dem Anblicke eines Seiltänzers; immer aber war seine Kunst merkwürdig zu sehen. Ich brachte eine kleine musikalische Gesellschaft zusammen; unser Virtuose spielte ein Violinkonzert. Das erste Allegro war erhaben und schön, fast im hohen tragischen Stile geschrieben; ein bisschen verdarb er es durch die letzte Kadenz, in welcher er das Katzengeschrei, obgleich sehr natürlich, nachahmte. Dann kam ein Adagio, dessen langsame, melodische Fortschreitung er durch eine Menge unnützer Läufe und Schnörkel dem Gange eines Hundes gleich machte, der denselben Weg zehnmal hin- und herläuft. Zuletzt folgte ein artiges Rondo, wovon das Tema die Melodie des Liedes war: "Meine Mutter, die hat Gänse, fünf graue, sechs blaue; sind das nicht Gänse?" Alle Zuhörer, mich ausgenommen, bewunderten dies allerliebste Stück; ich konnte es nicht fassen, wie man Vergnügen daran finden könnte, ein elendes Gassenlied, das schon Ekel erweckt, wenn es einmal geleiert wird, auf vielfache Art, mit allerlei armseligen Veränderungen wiederholen zu hören. Indessen erschallte, sooft der Virtuose durch ein paar Semitone wieder in das Tema fiel und wieder anhub die Melodie: "Meine Mutter, die hat" etc., ein lautes Bravo, Bravissimo! Er zeigte mir auch die Partitur eines von ihm komponierten musikalischen Hochamts. Die Ouvertüre war im Dreivierteltakte geschrieben; ein bisschen geschwinder gespielt, so würde man sie für eine von den wienerischen Wirtshausminuetten gehalten haben, womit der grosse Haydn, leider! seine erhabensten Werke bunt-scheckicht macht. Alle übrigen Teile der Messe waren im galanten Teaterstil geschrieben, und das Agnus Dei war eine Art von Pastorale. Ich hatte von jeher ganz andre Begriffe von der Würde der gottesdienstlichen Musik gehabt, als dass ich hätte glauben können, dass dergleichen Spielereien darin angebracht werden dürften, und ich erinnerte mich noch recht wohl, wie herzlich ich einmal in meiner Jugend lachte, als ich in Goslar von dem Kantor unsrer Schule (der, im Vorbeigehen gesagt, da es ihm an Sängern fehlte, zwei Stimmen zu übernehmen pflegte, indem er bald einen fürchterlichen Bierbass, bald eine unangenehme fistula ani sang), als ich von diesem Kantor des guten Schwindels Oratorio "Die Hirten bei der Krippe in Betlehem" aufführen hörte. In dieser Kantate liess er es im Stalle, wo die Muttergottes doch wohl keine englische Wanduhr stehen gehabt hat, zwölf schlagen, und jeden Glockenschlag beantworteten die Violinen mit einem Akkord. Das war nun wohl auch Spielerei gewesen; allein im ganzen hatte doch vor zehn Jahren mehr Ernst im Kirchenstil geherrscht, als ich jetzt fand. Ich äusserte meine Verwunderung darüber; man versicherte mich aber, das sei jetzt der neueste Geschmack, und man fände, besonders in katolischen Kirchenmusiken, nicht nur äusserst selten einfachen edlen Gesang ohne melismatische Verzierungen, sondern es wäre auch nichts Ungewöhnliches, den Organisten, während der Wandlung, das Tema eines Liedchens aus einer Opera buffa leiern zu hören; überhaupt forderte man jetzt von der Musik nichts, als dass sie das Ohr kitzeln, und von dem Spieler und Komponisten nichts, als dass sie überraschen, sich durch irgendeine Bizarrerie auszeichnen sollten. Die Italiener fingen schon wieder an, die Rezitative, dem Namen und Zwecke dieser Gattung gänzlich entgegen, statt eines einfachen, der gewöhnlichen Sprache, bis auf die stärkere Akzentuierung nach, so nahe als möglich kommenden Vortrags, mit Manieren, Läufen und Passagen zu überladen. Kürzlich wäre eine vortreffliche Sängerin, die aber zu reine Begriffe von ihrer Kunst gehabt hätte, um jenen verdorbnen Geschmack anzunehmen, in einer grossen Residenz angekommen; man hätte es ihr aber unmöglich gemacht, sich soviel Zuhörer zu verschaffen, als zu Bestreitung der Unkosten eines Konzerts erforderlich gewesen wären. Bald nachher hätte ein reisender Scharlatan angekündigt, er wolle sich auf der Maultrommel öffentlich hören lassen, und da hätte nicht nur die Polizei den Kerl nicht zur Stadt hinausgejagt, sondern er wäre mit einem bespickten Beutel weitergereist.
Am mehrsten Beifall fand damals, wie ich merkte, die Musik der italienischen Opere buffe. Deutsche Männer, die Talente zu bessern Dingen gehabt hätten, fingen an, diese elenden geschmack- und sittenlosen Farcen zu übersetzen, der italienischen Komposition, ohne Rücksicht auf Vernunft, Wohlklang und echte Deklamation, holprichte deutsche Worte unterzulegen, und das Publikum tötete in diesem abscheulichen Schauspiele seine besten Stunden, hörte nur auf das Geleier und übersah den Unsinn – als wenn es unmöglich wäre, Vernunft und Geschmack zu vereinigen. – Die welschen Possenspieler hatten Zulauf in Menge, und unsre einländischen Meisterstücke wurden vor leeren Bänken aufgeführt.
Da es denn nun einmal mit der Tonkunst in Deutschland nicht anders aussah und ich doch deutsche Tonkünstler anwerben sollte, so schloss ich mit dem Kapellmeister und dem Violinisten meinen Kontrakt und nahm noch einen Virtuosen auf einem ganz neuen Instrumente an, welches man das Basset-Horn nannte und das viel Ähnlichkeit mit dem Geschrei einer wilden Gans hatte.
Auf diese Weise waren nun meine Geschäfte in Leipzig beendigt, und ich reisete mit meinem Prinzen und seinem Gefolge weiter.
Viertes Kapitel
Ankunft in Kassel, Transport der Gelehrten und
Künstler nach Abyssinien. Der Kronprinz tritt in den
Dienst
Es würde die Leser ermüden, wenn ich ihnen eine längere Beschreibung von demjenigen liefern wollte, was wir auf dieser ersten Reise bis zu unsrer Ankunft in Kassel sahen und beobachteten; deswegen will ich meine Erzählung nun von unserm Einzuge in diese letztere Stadt wieder anfangen.
Hier war es, wo mein Prinz in Kriegsdienste treten, und zwar von unten auf