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Geselle zu sein, der allem widersprach, was man in seiner Gegenwart vorbrachte, übrigens aber beinahe so vernünftig redete wie ein Mensch, der kein Philosoph ist. Das einzige, was mir an ihm missfiel, war, dass er auf alle solche Dinge schimpfte, zu deren Besitz er entweder, seinen bürgerlichen Verhältnissen nach, nicht gelangen konnte, zum Beispiel Rang und Ehrenstellen, oder wozu er keine Neigung in sich empfand, und dass er sich über alle Konventionen der gesellschaftlichen Verbindung hinaussetzte, von welcher er doch nicht gänzlich unabhängig leben konnte, auch die Vorteile vorlieb nahm, die ihm ihre Einrichtungen gewährten. übrigens hatte er einen Widerwillen gegen den Wein und empfohl daher die goldne Mässigkeit. Die Philosophie des andern Mannes, der sich bei mir angab, war in ein lächelndes Gewand gehüllt; seine Weisheit bestand eigentlich darin, alles von der lustigen Seite anzusehen; er genoss, wo er gelegenheit hatte und Trieb dazu fühlte; er spottete über das, was er nicht verstand, floh alle beschwerliche Arbeit und Anstrengung und war kein Feind von einer wohlbesetzten Tafel. Ich war lange Zeit unschlüssig, ob ich diese beiden Philosophen nach Abyssinien schicken sollte oder nicht; endlich aber, und da mir ohnehin keine Wahl übrig blieb, bestimmte ich mich dazu und gab ihnen die Anweisung, zu eben der Zeit wie die von mir in Sold genommnen Pädagogen und der Buchhändler nach Kassel zu kommen.

Was die Dichter betraf, so hatte ich unter einhundertunddreiundvierzig Poeten, die sich bei mir meldeten, die Wahl. Dies waren insgesamt junge Leute, an welche die Eltern zum teil den Rest ihres Vermögens gewendet hatten, um sie in Leipzig Brotstudien lernen zu lassen, damit sie einst die Stützen ihrer Familien und nützliche Bürger im staat werden sollten. Weil sich aber Neigungen nicht zwingen lassen, so waren die Söhne ihrem Hange zu dem bequemern Studium der schönen Wissenschaften und Künste gefolgt und hatten sich vorzüglich auf das Versemachen gelegt. Ich hielt es vier Tage lang mit aller möglichen Geduld aus, mir von ihnen Produkte in aller Art Poesie vorlesen zu lassen und die Manuskripte, welche sie mir, zur probe ihrer Geschicklichkeit, überreichten, durchzublättern; endlich aber wurde mir's zuviel; ich musste mich wohl für zwei unter ihnen entscheiden. Einen jungen Menschen, welcher Hexameter machte und ein Heldengedicht, betitelt "Herkulesarbeiten", in zwölf Gesängen verfertigt, und einen andern, der mir funfzehnhundert Sinngedichte, einen dicken Stoss Trinklieder und ein Trauerspiel "Achab und Jesebell" in Alexandrinern überreicht hatte, diese beiden nahm ich an. Die übrigen verdross der Vorzug, den ich diesen gab; sie machten Pasquillen auf mich und den abyssinischen Hof, den sie nicht kannten, besangen die Freiheit des Dichterlebens und die Schande, von den Grossen der Erde Pensionen anzunehmen, und einer von ihnen warf mir gar in der Nacht die Fenster ein.

Ich wollte Leipzig nicht verlassen, ohne einen Mann kennenzulernen, der damals dort war und der mir ebenso merkwürdig wegen seines edlen Herzens als wegen der unverkennbaren grossen Verdienste um die deutsche Literatur schien. Auch ein Buchhändler, aber nicht von gemeinem Schlage; ein Mann, der Studium, Geschmack, echte Philosophie und unbestechbaren Eifer für Wahrheit in gleich hohem Grade besitzt; ich meine Nicolai, der nun seit einer langen Reihe von Jahren, mit den besten Köpfen Deutschlands in Verbindung, vernünftige und gründliche Kritik in ihrer Würde zu erhalten sucht und den falschen Geschmack und die jedesmaligen Torheiten des Zeitalters mutig bekämpft. Ich hatte das Glück, mich ein paar Stunden lang mit ihm zu meiner Belehrung zu unterhalten. Wirklich bedurfte ich dieser Belehrung, denn ich war gar nicht mehr zu haus in der deutschen Literatur. Als ich mein Vaterland verlassen hatte, warf man unsern Gelehrten mit Recht Pedanterei vor; jetzt hatte man Ursache, gegen den allgemein einreissenden Mangel an Gründlichkeit und Anordnung in Gedanken und Vortrag zu eifern.

Um den ersten Transport von Gelehrten und Künstlern, die ich nach Abyssinien schicken sollte, vollständig zu machen, fehlten mir noch einige Tonkünstler; auch hierzu hoffte ich in Leipzig gelegenheit zu finden. Es gaben sich viel Leute bei mir an; aber soll ich meinen altväterischen verdorbnen Geschmack anklagen, oder waren die Künstler daran schuld? Genug! keiner von diesen Herren wirkte mit seiner Musik auf mein Herz. Derjenige, welcher als Kapellmeister angenommen zu werden verlangte, spielte mir auf dem Klavier etwas von seiner eignen Komposition vor und phantasierte nachher noch ein Stündchen; allein ich hörte nichts als ein verwirrtes Gewühl von Tönen untereinanderdas war keine Sprache menschlicher Empfindung, menschlicher leidenschaft. Ausweichungen in entfernte Tonarten, durch Verwandlungen von # in b, die nur dazu dienen konnten, die Ohren für den feinen Unterschied zwischen Dis und Es, Cis und Des usf. stumpf zu machen und Verhältnisse unter Harmonien zu finden, die nichts miteinander gemein haben; ungeheuer schwere Passagen und Fingerkunststückchen, die lustiger anzusehen als ihre Wirkungen reizend zu hören waren. Mit dem allem aber hatte der Mann sich doch einen gewissen Namen gemacht, und man würde meiner gespottet haben, wenn ich ihn nicht angenommen hätte.

Der zweite Tonkünstler, den ich für die Kapelle meines gnädigsten Königs anwarb, war ein Violinist, der eine bewunderungswürdige Fertigkeit in seiner linken Hand hatte. Er fuhr damit jeden Augenblick bis an den Steg hinauf; ich kann nicht sagen, dass er immer ganz rein intoniert hätte; allein das bemerkt man auch bei diesen schnellen Spässen und Sprüngen nicht, und empfinden konnte man nun freilich nicht mehr