aus welchen Zügen ein A, ein B etc. besteht und wie man zum Beispiel aus einem lateinischen W sogleich ein V machen kann, wenn man die Hälfte davon herunterbeisst. Dies ist in der Tat recht artig und wurde von mir in mein Tagebuch notiert. übrigens aber waren wir doch darin einig, dass es besser ist, wenn man die Kinder gewöhnt, ernstafte Sachen ernstaft zu treiben, Vergnügen an Überwindung von Schwierigkeiten zu finden und nicht an allen Dingen die leichtesten Seiten aufzusuchen.
Was nun das Reisen des ganzen Instituts betrifft, so fürchtete ich, es könnten manche Leute glauben, die Lehrer hätten mehr Vergnügen und Nutzen davon als die Zöglinge; die Eltern kostete das unnützes Geld; die Knaben wären in dem Alter doch noch nicht imstande, zweckmässige Beobachtungen zu machen; auf der Reise sei es unmöglich, die jungen Leute so genau zu bewachen; sie könnten also in den Wirtshäusern und sonst manches sehen und hören, das sie besser nicht hören und nicht sehen sollten.
Überhaupt aber glaubte ich zu finden, dass die Erziehung in solchen Philantropinen zuviel Kostenaufwand erforderte; folglich, dachte ich, käme diese Wohltat ärmern Eltern nicht zustatten, und die reichen täten besser, ihre Kinder unter ihren Augen erziehen zu lassen.
Alle diese Zweifel nun hob mir der Lehrer mit Höflichkeit, Gründlichkeit und Bescheidenheit, drei Eigenschaften, die man, nebst der Uneigennützigkeit, wie ich höre (jedoch vermutlich mit Unrecht), einigen neuern Pädagogen zuweilen hat streitig machen wollen.
Im ganzen waren wir beide doch der Meinung, dass nicht alles Neue gut und nicht alles Alte zu verachten sei; dass die Menschen in Deutschland, wie allerorten, sehr geneigt seien, von einer Übertreibung in die andre zu fallen; dass in der Erziehung durchaus keine allgemeine Vorschriften Platz haben können; dass also die Pädagogik nie eine positive Wissenschaft werden könne; dass es jedermann freistehen müsse, über dies Geschäft, über diese allgemeine Menschenangelegenheit, seine Meinung zu sagen; dass die Metoden in solchen Instituten immer höchst mangelhaft bleiben werden, solange die Aufseher derselben entweder sich dadurch bereichern wollten, diese Unternehmung als eine Finanzoperation ansähen oder aus Mangel an Fonds gezwungen wären, nach einer grossen Anzahl Zöglinge, deren Eltern reich wären, zu streben, ihre Einrichtungen anzupreisen, auszuposaunen, die Fehler derselben zu bemänteln und denen mit Grobheiten das Maul zu stopfen, die mit Recht oder Unrecht etwas daran tadelten; endlich, dass die alte Erziehung doch auch sehr viel grosse Männer gebildet hätte und dass wir beiden selbst, die wir davon redeten, Ursache hätten, die Metoden unsrer ehmaligen Lehrer nicht zu verachten; dass man übrigens, was die neuere Erziehung geleistet hätte, erst gegen Ende dieses Jahrhunderts nach dem Erfolge würde beurteilen können.
Ich gestehe, dass ich mich freundschaftlich hingezogen fühlte zu dem wackern Erzieher, und da ich von meinem allergnädigsten Könige Auftrag hatte, auch ein Paar Pädagogen mit dem nächsten Transporte nach Abyssinien zu schicken, so tat ich meinem neuen Freunde den Antrag, einer von diesen zu sein, und überliess ihm die Wahl des andern. Allein er schlug mein Anerbieten aus, so verführerisch es auch, wie er sagte, für ihn war. Dagegen aber empfohl er mir zwei andre Männer, wovon der eine kürzlich sich mit dem Direktor eines solchen Instituts verunwilligt hatte, wobei es zu einigen Schlägen gekommen war, der zweite aber das Unglück gehabt hatte, zu bekannt mit einem fräulein zu werden, in deren Elternhause er Erzieher gewesen war, weswegen er denn hatte flüchten müssen. Da mein Freund beiden Männern übrigens ein sehr gutes Zeugnis gab, so nahm ich keinen Anstand, ihm die Bedingungen mitzuteilen, unter denen ich sie annehmen dürfte, und wir verabredeten, dass sie sich binnen vier Wochen in Kassel bei mir einfinden sollten.
Indes wir nun also miteinander plauderten, hatten sich die Knaben mit meinem Prinzen unterredet. Dieser war, wie man weiss, über siebenzehn Jahre alt, aber sehr verzärtelt und schwach an Kräften. Er hatte, wie es schien, bei den jungen Leuten seinen Fürstenstand gelten machen wollen; sie aber waren nicht gewöhnt, darauf etwas gutzutun; auf einige Stichelreden, die man desfalls gegen ihn vorgebracht hatte, war er grob geworden; ein nervichter Junge nahm dies krumm, und ehe ich es hindern konnte, sah ich den Prinzen von seinem Gegner zur Erde gestreckt. Ich sprang herzu und erlösete ihn, dem diese Lektion sehr missbehagte, und hielt mit Mühe ein paar herbeieilende Bediente des Prinzen ab, sich in das Spiel zu mischen. Da übrigens hier an keine Bestrafung des Verbrechens der beleidigten Majestät zu denken war, so blieb uns nichts übrig, als in den Wagen zu steigen und von dannen zu fahren; und so kamen wir in einer Stunde in Dresden an.
Drittes Kapitel
Fortsetzung des vorigen
Wir hielten uns nicht lange in Dresden auf; es war die Zeit der Leipziger Buchhändlermesse, und ich hatte eine doppelte Ursache, gern alsdann dort sein zu wollen. Ich war nämlich, durch meine Abwesenheit, ein wenig verhindert worden, in der Kenntnis der deutschen Literatur mit fortzurücken; hier, wo einige hundert Buchhändler alle neuern Produkte vaterländischer Gelehrsamkeit und des Geschmacks gegeneinander austauschen, konnte ich hoffen, in wenig Tagen deutlichere Begriffe von dem gegenwärtigen Zustande der Kultur und dem literarischen Tone in Deutschland zu bekommen als andrerorten in langen Monaten. Da ich ferner den Auftrag, Gelehrte und Schriftsteller aller Art für Abyssinien anzuwerben, nie aus den Augen verlor, so dachte ich, Leipzig sei zur