ersten Teils dieses buches von Seiner Hoheit gemacht habe, so werden sie meinen Entschluss nicht anders als billigen können. Wir besuchten auch desfalls auf dieser Reise gar keine Höfe, sondern besahen nur andre Merkwürdigkeiten, Hospitäler, Philantropine, Werk- und Spinnhäuser und dergleichen in den Städten, durch welche wir reiseten.
Nicht weit von Dresden stiessen wir auf einen Haufen grosser und kleiner Knaben, begleitet von einigen erwachsenen Leuten; alle zu fuss und sämtlich einförmig gekleidet. Sie schienen sehr munter zu sein und machten allerlei Bockssprünge, weswegen wir sie denn für eine Gesellschaft von Seiltänzern oder etwas Ähnliches hielten, die einen Jahrmarkt besuchen wollten. Indessen erfuhren wir bei genauer Erkundigung, dass es die Zöglinge eines Erziehungsinstituts nebst ihren Lehrern waren, die jetzt eine Lustreise von zwanzig Meilen unternommen hatten, um sich in Sachsen umzusehen. Das Wetter war angenehm, und ich schlug meinem schwarzen Prinzen, mit welchem ich in einer zweisitzigen Kutsche allein sass, vor, auszusteigen, den Rest des weges bis Dresden in Gesellschaft dieses fröhlichen Haufens zu machen und indes das Gefolge vorauszuschicken. Er willigte ein, und wir sahen uns bald umgeben von diesen artigen Kindern, die sich an unsern ausländischen Figuren nicht genug ergetzen konnten und, nachdem wir uns mit ihnen in gespräche eingelassen hatten, uns tausend neugierige, doch bescheidne fragen vorlegten, deren Beantwortung einige von ihnen auf der Stelle in ihre Tagebücher aufzeichneten.
Da ich so lange Zeit aus Deutschland entfernt gewesen war und sich unterdessen der Ton in den öffentlichen Erziehungsanstalten und überhaupt die Grundsätze der Pädagogen sehr verändert hatten, so war mir alles, was ich sah und hörte, neu. Ich gesellte mich zu einem der Lehrer und erkundigte mich genau nach der Art, wie jetzt die Jugend in solchen Philantropinen (der Name gefiel mir ungemein) gebildet und unterrichtet würde. Die Erläuterungen, die er mir darüber gab, setzten mich wirklich in einige Verwunderung, weil sie sich gar nicht zu meinen altväterischen Begriffen von Erziehung passen wollten; doch da ich, ohne mich zu rühmen, wohl behaupten kann, dass ich nicht eigensinnig auf meiner Meinung bestehe, sondern mich gern eines Bessern belehren und von Vorurteilen zurückbringen lasse, so wagte ich nur behutsam einige Einwürfe und liess mir die Zurechtweisung des Pädagogen wohl gefallen.
Ich meinte nämlich, diese Art von Erziehung passe nicht so recht eigentlich zu unsern übrigen bürgerlichen Verfassungen; es könne doch wohl nicht schaden, wenn man die Jugend an ein wenig mehr Zwang und Pedanterie gewöhnte, da sie in der Folge in allen Verhältnissen sich dergleichen gefallen lassen müsste.
Ich hörte ferner mit Verwunderung, dass es den stärkern Knaben erlaubt sei, die schwächern zu Leistung der niedrigsten Dienste zu zwingen; dass die, welche mehr Taschengeld als andre bekämen, die ärmern als Lakaien besoldeten (denn wirklich sah ich einen armen kleinen Grafen, der dem baumstarken Sohne eines Bierbrauers ein schweres Bündel nachtragen musste); dass, weil man also durch Geld sich grosse Gemächlichkeiten oder, nach den Umständen, Befreiung von Misshandlungen erkaufen konnte, die jungen Leute unter sich einen Handel trieben, wobei nicht selten einer den andern übervorteilte. Die Lehrer machten mir aber begreiflich, wie nützlich es wäre, dass die Kinder mit diesen Verderbnissen, die im grossen in der Welt, wo doch Reichtum und Stärke die Haupttriebräder wären, allerorten herrschten, früh bekannt würden.
Von einer andern Seite fürchtete ich, der Freiheitssinn, den ich an ihnen wahrnahm, und die Hinwegsetzung über allen Zwang, den Konventionen, Stand und eine gewisse im Leben nötige Geschmeidigkeit auflegen, möchten die Knaben in eine solche Stimmung setzen, dass sie hernach im Zwange des bürgerlichen Lebens sich sehr unbehaglich und unglücklich fühlten.
Ich fand es zwar sehr gut, dass die Kinder nicht verzärtelt, sondern an Wind und Wetter gewöhnt, auch zu mässigen Bewegungen und nützlichen körperlichen Übungen angehalten werden, aber das konnte ich nicht fassen, warum man Menschen, die sich den Wissenschaften widmen und einen grossen teil ihres Lebens am Schreibpulte hinbringen sollen, mit soviel Sorgfalt in den brotlosen Künsten des Schwimmens, Springens, Ringens und Kletterns unterrichtet, wodurch ihnen eine sitzende Lebensart verhasst gemacht wird und wovon sie in unsern Tagen nie Gebrauch machen können, auch wohl, wenn der Fall der Not eintritt, mehrenteils von ihrer Geschicklichkeit verlassen werden.
Ich erfuhr mit Missvergnügen aus einzelnen Gesprächen der Knaben untereinander, die sich von mir nicht beobachtet glaubten, dass, ungeachtet der strengen Aufsicht im Erziehungshause, welche der Herr Pädagoge so hoch pries, die Kinder zuweilen gelegenheit fänden, des Nachts hinauszuschleichen, die Garten- oder Hofmauern zu ersteigen, um, wenn sie nicht noch etwas Ärgers treiben, wenigstens – Obst zu stehlen.
Ich warf die Frage auf, ob es nicht gut sein würde, wenn man das Gedächtnis der Kinder, ein wenig mehr, als jetzt üblich sei, mit einigem mechanischen Auswendiglernen schärfte und wenigstens eine Sprache, zur Grundlage der übrigen, nach Regeln lernte.
Überhaupt kam es mir vor, als wenn das Studium der toten Sprachen bei diesem mann in keinem so grossen Ansehen stünde, als ich wünschte und aus eigner Erfahrung heilsam gefunden hatte.
Der Pädagoge machte mich auch mit einer neuen von einem gewissen Herrn Basedow erfundnen Metode, die Kinder das Lesen zu lehren, bekannt, die ich anfangs für Scherz oder unwürdige Spielerei hielt, nachher aber den grossen Nutzen davon einsah. Herr Basedow hatte nämlich Brezel backen lassen, welche die Figur von Buchstaben hatten. An diesen den Kindern so interessanten Gegenständen nun zeigte er ihnen,