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Zahl errichtet und Reden gehalten und Gedichte überreicht; der arme Handwerksmann holte seinen kleinen Geldbeutel hervor, gab die Hälfte daraus dem drohenden Kontributionseinnehmer hin und kaufte für die andre Hälfte ein paar Lichter, womit er seine Fenster erleuchtete, hinter welchen er mit hungrigem Magen stand und sich die Tränen trocknete, als wir in einem prächtigen zug auf Elefanten und Kamelen durch die Gassen zogen.

Wir hatten auf der Reise gewaltig viel von der Hitze auszustehen, besonders unter der Linie. Gegen Ende des Maimonats erreichten wir die Grenze von Unter-Guinea. Man hat in diesen Gegenden vom April an bis zum September, in welchem der Sommer eintritt, fast immer Regenwetter; das verleidete uns ein wenig das Vergnügen der Reise, doch da es unsre Absicht war, die Könige dieses Landes zu besuchen, so hatten wir gelegenheit, uns von Zeit zu Zeit von den Beschwerlichkeiten des weges auszuruhen, und an den Höfen findet man ja stets dasselbe Wetter.

Wir hielten uns einige Tage in der Residenz des Monarchen von Loango auf. Er war aber ein gar wunderlicher Herr, der uns wenig Gastfreundschaft erzeigte. Nach den Landesgesetzen darf, bei Todesstrafe, niemand ihn speisen sehen; wir wurden also an besonderen Tafeln, und zwar ziemlich mager, bewirtet. Bei den Audienzen redete der König nicht ein einziges Wort, weswegen ihn dann das Volk für einen sehr weisen Herrn hielt und ihm göttliche Verehrung bezeugte. Man wollte uns zumuten, die Füsse dieses gekrönten Sterblichen zu küssen. Da hiervon nichts in meiner Instruktion stand und ich es abgeschmackt fand, diese ekelhafte und lächerliche Unterwürfigkeit einem Erdensohne zu beweisen, so vergingen vier Tage mit Forderungen von seiner und Protestationen von unsrer Seite. Unser Hofnarr war der einzige, der sich aus Scherz entschloss, dem Könige einmal den Fuss zu küssen, da er dann zu einer Audienz zugelassen und mit einem Ordensbande beschenkt wurde. übrigens reiseten wir ziemlich unzufrieden und ohne Abschied zu nehmen von dannen.

Den Hof in Kongo fanden wir viel glänzender und geselliger. Der König und die ersten Kronbedienten, Edelleute und Ritter waren prächtig in Gold und Seide gekleidet, trugen weisse Halbstiefel und grosse Mützen. Man bewies uns ausgezeichnete Höflichkeit, die uns viel Langeweile machte und uns prächtige Geschenke an die hungrigen, schlecht besoldeten Hofleute kostete. Die Einwohner in Kongo waren indessen sehr artig und gesittet; wir fanden viel katolische Christen unter ihnen; sogar der ganze Hof war der römischen Kirche zugetan. Bei gelegenheit, da wir einige in diesem Reiche von den Portugiesen angelegte Festungen besahen, hatte ich viel Mühe, dem Prinzen das Recht zu beweisen, das die Europäer hätten, in allen Gegenden des Erdbodens, ohne gutwillige Erlaubnis der Einwohner, sich niederzulassen, Besitz von Grundstücken zu nehmen und mit den Produkten des Landes zu ihrem Vorteile zu wuchern.

In Angola gefielen mir die Orang-Utan vorzüglich wohl. Man konnte sie kaum von den übrigen Hofleuten unterscheiden; denn auch das in der Naturgeschichte angegebne Kennzeichen, dass sie keine Waden und keine Hinterbacken haben, passte ebensowohl auf die dortigen Kammerjunker. Es ist aber jene Affenart mehr in Kongo als in Angola einheimisch.

übrigens ist ganz Unter-Guinea ein fruchtbares, reiches und angenehmes Land.

Bei der Insel Loanda bestiegen wir ein portugiesisches Schiff und fuhren damit, ohne grosse Widerwärtigkeiten, nachdem wir zum zweitenmal den Äquator durchschnitten hatten, Cabo Verde vorbei bis Lissabon. Da es nun unser Zweck nicht war, uns in andern europäischen Reichen lange aufzuhalten, so suchte ich sogleich ein Schiff auf, das nach Deutschland segeln wollte, verdung uns sämtlich mit unsern Päckereien darauf und kam, nach einer ziemlich beschwerlichen Reise, in Hamburg im Hafen an.

Zweites Kapitel

Reise des Kronprinzen von Abyssinien und seines

Gefolges durch Deutschland

Eine so volkreiche und in allem Betrachte so interessante Handelsstadt wie Hamburg verdiente wohl, dass wir uns eine Zeitlang hier aufhielten; ich nahm also auf vierzehn Tage Quartiere für unsre ganze Suite in zwei grossen Gastöfen am Jungfernstiege und führte meinen Prinzen, in Begleitung seiner Cavaliers und meines Freundes, des Hofnarren und Ritters, in der Stadt herum.

Es war eine unbeschreiblich angenehme Empfindung für mich, als wir in Hamburg an das Land stiegen, nach so langer Zeit den vaterländischen Boden wieder zu betreten; und dies Gefühl wurde verstärkt durch die Überlegung, dass es grade der erste freie, von Despotismus aller Art unentweihte Staat war, den ich dem Kronprinzen von Abyssinien zeigen konnte. "Hier, mein Prinz!" sagte ich, als er beim Blockhause, wo man nach unserm Namen fragte, auf den albernen Einfall geriet, sich für einen Grafen oder dergleichen ausgeben zu wollen, "hier bedarf es keines Inkognito; hier sind wir alle gleich, und niemand bekümmert sich um Ihren Fürstenstand. Kaum wird Ihr schwarzes Gesicht in einer Stadt aufsehen erregen, wo man gewöhnt ist, allerlei Arten von Figuren zu sehen, wo jedermann, unbesorgt um fremde Händel, sich nur um seine eignen Geschäfte bekümmert, wo kein Haufen müssiger Tagediebe und besoldeter Ausspäher den Schritten der Fremden auflauert, um dem neugierigen Fürsten oder seinem misstrauischen Minister Nachricht davon zu geben, sobald ein fremdes Gesicht sich in der Stadt blicken lässt."

Ich nahm überhaupt gelegenheit, dem Prinzen richtige Begriffe von der Glückseligkeit einer nicht dem Namen nach, sondern in der Tat republikanischen Verfassung beizubringen. Gewiss kann der kleine Staat von Hamburg den übrigen deutschen reichsstädtischen Gebieten zum Muster dienen. Unsre deutschen Schriftsteller deklamieren zum teil so gewaltig zum Vorteile der Monarchien und behaupten, früh oder spät arte