dass ein junger Mensch sich auf Reisen sehr in acht nehmen müsste.
Schon am folgenden Morgen hatte Joseph gelegenheit, die Wahrheit und Wichtigkeit dieser Bemerkung zu fühlen; denn nachdem er mit seinem neuen Bekannten in einem kleinen Städtchen übernachtet hatte und nun weiter seiner Strasse ziehen wollte, fand sich's, dass der Fremde vorausgegangen war und, teils um ihn von der Last zu befreien, gar zu schwer tragen zu müssen, teils um seine Lehre von der Vorsichtigkeit auf Reisen ihm anschaulicher zu machen, sein Bündel mitgenommen hatte.
Das war denn ein harter Schlag für meinen armen Herrn Vetter; denn das Päcklein entielt seine besten Sachen an Wäsche, silbernen Schnallen und dergleichen, und nun hatte er, ausser der Kleidung, die er auf dem leib trug, und einem halben Taler barer Münze, nichts im Vermögen, das ihm hätte die Mittel verschaffen können, Holland zu erreichen. Er schritt also, traurig und unentschlossen, was er anfangen wollte, weiter. Indessen machte er es hier wie die mehrsten Menschen; denn er nahm sich jetzt, da es zu spät war und er nichts mehr zu verlieren hatte, vor, künftig behutsamer zu sein.
Der halbe Taler, der Josephs ganzen Reichtum ausmachte, war nun auch bald ausgegeben, und so blieb ihm denn, nach einigem Kampfe zwischen seinem hungrigen Magen und dem Ehrgeize, nichts übrig, als mitleidige Menschen um einen Zehrpfennig anzusprechen. In dieser Lage wünschte er wohl freilich zuweilen, dass irgendeine reiche Madam Potiphar ihn in Versuchung führen möchte; allein so gut wurde es ihm nicht; doch bettelte er sich, mit ziemlichem Anstande und Erfolge, noch einige Tage lang weiter.
Ich habe vorhin gesagt, dass der jetzige Herr Notarius Wurmbrand, von dem hier die Rede ist, keine vorzüglich schöne Leibesgestalt besässe. Hierdurch habe ich aber keineswegs eine nachteilige Schilderung von meinem Herrn Vetter entwerfen wollen. – Im Gegenteil! er hat gewiss keine ganz gemeine Notariatsphysiognomie, und was ich jetzt erzählen will, wird dies beweisen. Als er nämlich auf dieser Wanderschaft einen westfälischen Edelmann um eine kleine Gabe ansprach, gefiel diesem Herrn seine Gesichtsbildung so vorzüglich, dass er ihm den Antrag tat, ihn als Lakaien zu sich zu nehmen. Des armen Josephs Erwartungen von seinem künftigen Schicksale waren nun schon durch die ersten Widerwärtigkeiten ziemlich herabgespannt, und so besann er sich denn nicht lange, ob er ein so gütiges Anerbieten annehmen sollte oder nicht.
Unter den westfälischen Edelleuten, sowie überhaupt unter der deutschen auf ihren Gütern wohnenden Noblesse, gibt es, wie bekannt, ungemein viel feine, gebildete und gelehrte Männer. Sie nützen die glückliche Musse des Landlebens zu Ausbildung ihres Geistes, und da sie sehr wohl fühlen, dass ein blosser Stammbaum noch nicht beweiset, dass der Abkömmling von sechzehn adelig gebornen Personen ein edler Mann und kein Tölpel sei, so suchen sie sich wirkliche Vorzüge des Geistes und Herzens zu erwerben und, durch Beförderung einer weisen Aufklärung und durch väterliche Sorgfalt für die ärmern Landleute, ihren Mitmenschen wahrhaftig nützlich zu werden. Ja, in der Tat, so sind die deutschen Edelleute, und ich kann es nicht begreifen, wie manche Menschen das Gegenteil behaupten können. – Ein solcher Mann war denn auch der Kavalier, der meinen Herrn Vetter zu sich nahm. Er besass eine grosse Büchersammlung, in vergoldetes Leder gebunden und mit seinem Wappen geziert, und da er fand, dass Joseph nicht ohne Kenntnisse und nicht ohne gute Anlagen zu weitrer Ausbildung derselben war, so verstattete er ihm den freien Gebrauch dieser Bibliotek, liess ihn auch nicht lange die Livree tragen, sondern nützte ihn, als eine Art von Schreiber, zu Führung seines Briefwechsels und zu andern Geschäften.
Hier lebte Herr Wurmbrand zwei Jahre lang, fand gelegenheit, bei dem Prediger des Orts Unterricht in einigen Sprachen und Wissenschaften zu erlangen, befestigte sich aber, besonders durch Lesung vieler Reisebeschreibungen, immer mehr in dem Vorsatze, ferne Länder und Völker kennenzulernen.
einst erhielt der Edelmann Besuch von einem Professor aus Frankfurt an der Oder, der sehr stark in orientalischen Sprachen war. Dieser lernte meinen Vetter kennen, gewann ihn lieb und tat dem gnädigen Herrn den Vorschlag, er möchte ihm den jungen Menschen überlassen, indem er für seine weitern Studien und für sein Fortkommen zu sorgen versprach. Der Herr Professor hatte grossen Einfluss an Höfen, den er auf edlere Art nützte als wohl mancher andrer Professor der Philologie, den ich kenne. Der Edelmann willigte ein, und Joseph reisete mit dem Professor nach Frankfurt.
drei Jahre brachte Herr Wurmbrand bei diesem Gelehrten hin, war sein Amanuensis, schrieb das, was dieser drucken liess, ins reine, übernahm die Korrekturen, gab sich ein wenig mit Rezensieren ab, studierte aber und las dabei fleissig, was nicht jeder Rezensent tut, hörte indessen nicht auf, seinen Wohltäter zu bitten, er möchte ihn doch irgendeinem vornehmen Herrn, der eine weite Reise vorhätte, als Gesellschafter empfehlen, wozu man, wie billig ist, gern Leute wählt, die sich auf orientalische Sprachen gelegt haben.
So standen die Sachen, als ein pommerscher Edelmann, welcher Deutscher Ordensritter war, sich eine Zeitlang in der dortigen Gegend aufhielt und sich an verschiedne Personen mit dem Anliegen wendete, sie möchten ihm doch einen geschickten Sekretär verschaffen; da dann mein Vetter, durch Vorsprache seines Beschützers, diese Stelle erhielt.
Den in diesen Dingen etwa unwissenden Lesern dient zur Nachricht, dass der Deutsche Orden ein für die Menschheit sehr nützliches Institut ist. Der Hauptgegenstand