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das Recht, den Tyrannen in Wetzlar zu belangen. Sie erlebt es nicht, meine Kinder und Kindeskinder erleben es nicht, dass das Urteil gesprochen wird. Zu Bettlern wird die ganze Generation. – Endlich erscheint der längst erseufzte Spruch; der Fürst wird verurteiltGeld zu bezahlen. In das Leben zurückrufen kann er den Ermordeten nicht, die durchweinten, durchjammerten Nächte sind nicht zurückzurufen, doch Geld soll er bezahlen oder vielmehr sein unschuldiges Landaber er bezahlt nicht; einem benachbarten Fürsten wird die Exekution aufgetragenaber sie erfolgt nicht; tausend Schikanen hindern die Vollziehung des Urteils.

NEGUS: Schweig! so geht es ja in Marokko nicht her! Du selbst sagst, dass unter den Fürsten in Deutschland soviel edle Männer sind; würden diese, wenn es also wäre, wie du es beschreibst, nicht längst zusammengetreten sein, nicht längst in Regensburg oder wie das Nest heisst, wo der grosse Divan gehalten wird, die Missbräuche ihrer Verfassung in Überlegung genommen und abgestellt haben?

ICH: Ja, wenn das eine so leichte Unternehmung wäre! Vorgekommen sind diese Gegenstände oft genug, und laut genug geschrien wird auch darüber; allein in Deutschland erfordert so etwas Zeit und Förmlichkeiten, und darüber zerschlägt sich das Ganze. Über unnützes Zeremoniell werden unendliche Verhandlungen gepflogen, und wie manche grosse, wichtige Unternehmung hat sich, nachdem sie schon einen Aufwand von Millionen gekostet hatte, bloss darum zerschlagen, weil man nicht darüber einig werden konnte, ob alle Gesandten oder nur einige von ihnen in Armsesseln sitzen dürften.

NEGUS: Nein! Da lobe ich mir doch unsre Einrichtung; aber mehr Aufklärung ist in deinem vaterland als bei uns; das muss man gestehen. übrigens bleibt es dabei, dass du mit dem Kronprinzen nach Deutschland reisest, und das bald. Er soll das Gute und Böse dort kennenlernen; in vier Wochen sollt ihr fort.

Und so schloss sich denn mein heutiges Gespräch mit dem Negus.

Neunzehntes Kapitel

Noch ein Gespräch mit dem grossen Negus,

moralischen und vermischten Inhalts

Manche Leser mögen mir vielleicht schuld geben, ich hätte das Gemälde, welches ich dem grossen Negus von unsern deutschen Höfen entwarf, mit zu starken Farben aufgetragen. Wer das Glück hat, in dem nördlichen Teile von Deutschland, unter einer milden Regierung und umringt von zufriednen, nicht gedrückten Menschen zu leben, dem kommt das unglaublich vor, was in den südlichen Gegenden täglich vorgeht und was der warme Freund der Menschheit nicht ohne Unwillen und Zähneknirschen sehen und hören kann. Allein es ist nun einmal so, und da es öffentlich vorgeht, so muss es auch öffentlich erzählt werden dürfen. Doch hatte ich noch einen andern Grund, warum ich dem Könige dies Unwesen so fürchterlich schilderte; einige der Gebrechen, die ich hier als meinem vaterland eigen angab, waren, wie man sich aus meinen Fragmenten der abyssinischen geschichte erinnern wird, hier nicht weniger eingerissen. Es war ein delikater Punkt, dies gegen den Monarchen zu rügen; indem ich aber die Szene nach Deutschland hin verlegete und dennoch der Wahrheit treu blieb, gab ich ihm gelegenheit, die Übel mit allen ihren Folgen kaltblütig zu überschauen.

Ich hielt dies um so mehr für Pflicht, da ich sah, wie mein Vetter, nicht eigentlich aus bösem Herzen, aber aus einer unverzeihlichen Schwäche und aus Furcht, Gunst und Ehrenstellen zu verlieren, dem Negus auf unendliche Weise schmeichelte, sein Stekkenpferd, die Aufklärung, zu verbreiten und von sich als einem Beförderer der Wissenschaften und Künste reden zu machen, streichelte und wie mit der europäischen sogenannten Aufklärung alle unsre schädliche Torheiten und Ungehörigkeiten mit nach Abyssinien zogen. Hindern konnte ich das nicht, aber ich wollte wenigstens nichts dazu beitragen. Benjamin Noldmann ist weit davon entfernt, sich denen zum Muster aufdringen zu wollen, die Einfluss auf Potentaten haben; aber das kann er doch nicht verhehlen, dass er die Erfahrung gemacht hat, dass man mehr als bloss die innere Beruhigung, die Pflicht der Rechtschaffenheit erfüllt zu haben, dabei gewinnt, wenn man freimütig die Partei der Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit nimmt. Die Fürsten verachten doch im grund den sklavischen Schmeichler und schonen und ehren den unbestechbar redlichen Mann. Und ist es nicht das feinste Lob, das man einem Fürsten zu geben vermag, wenn man in seiner Gegenwart andre seinesgleichen tadelt? Heisst das nicht soviel gesagt, als dass man ihn unfähig hält, in ähnliche Fehler zu verfallen? Geschieht dies ohne Bitterkeit und leidenschaft, so kann es auch wirklich, insofern es oft wiederholt wird, eine Sinnesänderung bei ihm bewirken und ihn wenigstens von manchem raschen Schritte abhalten, wenn er sieht, dass auch er der öffentlichen Prüfung unterworfen ist.

Diesem Systeme bin ich immer treu geblieben, solange ich in Gondar war. Ich hatte einige Belesenheit in der geschichte der europäischen Staaten, und das gab mir gelegenheit, was ich vorzubringen hatte, zuweilen von daher zu entlehnen. Wir redeten von Ludwig dem Vierzehnten, den die Schmeichler einst den Grossen genannt haben, und ich machte ihm bemerklich, welch ein elender, kleiner, eitler Kerl dieser grosse König gewesen wäre, wie er die Menschen als das Vieh betrachtet hätte, erzählte ihm unter andern, wieviel Tausende er in seinen unnützen Kriegen aufgeopfert, wie er an armen Leuten Proben mit Arzeneien und gefährlichen Fistelkuren hätte vornehmen lassen, um zu sehen, ob sie daran stürben oder ob er seinen gesalbten Körper einer gleichen Behandlung unterwerfen dürfte. Ich hätte ihm einen ähnlichen Zug von einem deutschen Fürsten erzählen können, unterliess das