liesse ich ihn spiessen. Wenn die Buchdruckerei solches Unwesen stiftet, so wäre es ja fast besser, man erschwerte die Mittel, schlechte Einfälle allgemein auszubreiten.
ICH: Euer Majestät halten zu Gnaden! Der Erfindung der Buchdruckerei haben wir unendlich mehr Gutes zu danken, als sie Verwirrung angerichtet hat. Ich habe auch keineswegs sagen wollen, dass es uns an guten Büchern in Deutschland fehlt; aber es könnte besser mit unsrer Literatur aussehen, wenn –
NEGUS: Wenn, wenn – vollkommen ist nichts in der Welt. – Wir wollen das Wesen mit den Buchdrukkereien ein wenig ablauern. Wenn mir die Kerl denn gar zu dummes Zeug schreiben, so will ich einmal an einem ein Exempel geben, das die andern abschrecken soll. Aber dein Vetter spricht mir ja immer soviel von der Kritik in Deutschland, und dass gewisse Leute sich's zum Geschäfte machten, alle neue Schriften öffentlich zu beurteilen und vor schlechten Büchern zu warnen; hilft denn das nicht?
ICH: Allergnädigster Herr! Mit der Kritik sieht es bei uns nicht besser aus. Von Obrigkeits wegen kann man doch keine Leute ansetzen, die in Werken des Geschmacks Urteile sprechen sollen; also wirft sich jeder zum Kunstrichter auf, der Beruf dazu fühlt; beurteilt, ohne seinen Namen zu nennen, folglich ohne dass man weiss, ob die Machtsprüche von einem mann herrühren, der in dem Fache erfahren ist, Bücher, die er nicht versteht, oft nicht einmal durchgelesen hat; posaunt die Schriften seiner Freunde aus, schimpft aus Neid und Parteilichkeit die grössten Männer, mischt persönliche Angriffe auf den Charakter der Schriftsteller mit in die Rezensionen – und so ist man denn auch dahin gekommen, auf die Kritik gar nicht mehr zu achten – ja, man hält sich's fast für einen Schimpf, sein Werk in manchen gelehrten Zeitungen und Journalen gelobt zu sehen.
NEGUS: Das ist eine tolle Einrichtung. Indessen muss man dem Dinge hier den Lauf lassen. Ich möchte doch gar zu gern, dass Abyssinien auch durch Aufblühen der Wissenschaften und Künste berühmt würde. – Aber es ist schon spät; es wird wohl Zeit sein, in das Schauspiel zu gehen. Was wird heute gegeben?
ICH: Das Trauerspiel "Der Levit vom Stamme Ephraim".
NEGUS: Ha! das ist die geschichte aus dem buch der Richter. Da wird die Frau des armen Leviten genotzüchtigt, bis sie stirbt, und dann gevierteilt. Das ist ganz lustig anzusehen. Komm mit mir! Und morgen nach der Tafel sollst du mir aus einem deutschen buch vorlesen.
Siebenzehntes Kapitel
Des Verfassers zweite Unterredung mit dem grossen
Negus über Staatsangelegenheiten
Mit der Ängstlichkeit, die einen Minister zu befallen pflegt, wenn er eine seiner Kreaturen in den Dienst seines Despoten gebracht hat und er nun noch in der Ungewissheit schwebt, ob der gnädigste Herr auch zufrieden mit seiner Wahl ist oder ob nicht vielleicht diese Empfehlung ihm, dem Minister selber, schaden, seinen Kredit schwächen könnte – mit dieser Ängstlichkeit zog mich mein Herr Vetter, sobald er im Schauspiele sich mir nähern konnte, auf die Seite und fragte mich, wie meine erste Amtsverwaltung bei dem Monarchen abgelaufen wäre. "Ihr seid, wie ich höre, sehr lange bei Seiner Majestät gewesen", sagte er, "ich hoffe, Ihr werdet mit Vorsicht und nichts geredet haben, was uns schaden könnte. Ihr seid mit Fürsten und Höfen noch nicht sehr bekannt. Jedes Wort muss man hier auf die Waagschale legen. Die grossen Herrn sind denn auch misstrauisch, und verschweigen können sie gar nichts von dem, was man ihnen im Vertrauen sagt."
Ich bat den Herrn Minister, nur ruhig zu sein, und erzählte ihm alles, was zwischen dem Könige und mir vorgefallen war. "Aber", rief mein Vetter aus, "seid Ihr denn toll, Seiner Majestät aus einem buch vorzulesen, das in einer Sprache geschrieben ist, wovon er nicht eine Silbe versteht?" – "Konnte ich das wissen?" erwiderte ich, "warum sagte er mir's nicht, dass er kein Französisch gelernt hätte?" – "Als wenn es sich für einen König schickte zu bekennen, dass er in irgendeiner Sache unerfahren wäre, die einer seiner Untertanen weiss! Ich hoffe, Ihr habt es ihm nicht merken lassen, dass Ihr dies nur einmal ahnden könntet?" – "Nichts weniger! Aber ich gestehe Euch auch, der Herr sprach so verständig über manche Gegenstände, dass ich versucht war, ihm alle mögliche Gelehrsamkeit zuzutrauen. Unter andern fällte er über die Schauspielkunst sehr treffende Urteile." – "Oh! bleibt mir damit vom leib! diese lange Deklamation habe ich schon so oft von ihm gehört; die hat er in einem deutschen Manuskripte gelesen, das ich ihm geliehen habe, hat sie auswendig gelernt und prahlt nun damit; doch das bleibt unter uns! Diese Gabe haben alle Fürsten, mit fremden Kenntnissen zu prangen; und Ihr werdet sehen, dass, wenn Ihr ihm heute etwas Gutes gesagt habt, er nach einigen Tagen vergessen haben wird, dass das von Euch kam und dass er Euch dann vielleicht Eure eigne Ware wieder verkaufen wird. übrigens wünschte ich, Ihr möchtet suchen, künftig die gespräche unvermerkt auf politische Gegenstände zu lenken, und ihm ein wenig von den herrlichen Einrichtungen unsrer deutschen Staaten erzählen; denn von dieser Seite habe ich meine Last mit ihm; er will in allem seinem kopf folgen und hat so despotische Grundsätze, dass