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und vernehmlich, doch mit sanfter stimme, das erste Kapitel aus Montesquieu herzudeklamieren. Der König nickte von Zeit zu Zeit mit dem kopf, als wollte er mir seinen Beifall zu erkennen geben, und endlich verwandelte sich dies Nicken in einen sanften Schlummer, worauf ich, meiner Instruktion gemäss, das Buch beisteckte und davonschleichen wollte; allein der Negus erwachte in demselben Augenblicke und winkte mir wiederzukommen. "Nein, nein!" rief er, "gehe nicht fort! Mein Schlaf ist schon vorüber. Es hat recht hübsch geklungen, was du gelesen hast; ich bin zufrieden; doch magst du ein andermal deutsche Bücher mitbringen. Jetzt will ich mit dir über verschiedne Gegenstände reden." –

Nun begann unter uns ein Gespräch, das ich hier, insofern ich mich dessen noch erinnre, mitteilen will.

NEGUS: Da ich dir nun die Direktion der Schauspiele übertragen habe, so musst du auch ein wachsames Auge auf die Musik halten. Die Kerl spielen mir da nicht immer alle mit; es sind faule Schlingel darunter, die zuweilen mitten im Stücke aufhören und die andern fortspielen lassen. Sie meinen, ich merkte das nicht; aber ich sehe alles und will, dass du sie anhaltest, fleissiger zu sein.

ICH: Allergnädigster Herr! Es findet sich oft, dass einzelne Stimmen pausieren müssen.

NEGUS: Was? pausieren? In meinem Dienste leide ich keine Pausen; das lass dir gesagt sein! Und was die Regimentsmusik bei meiner Garde betrifft, so sollst du mir die grössten von den Spielleuten auf die beiden Flügel stellen, und diese sollen mir die Posaunen von Jericho blasen. Ich kann es nicht leiden, wenn ein kleiner Knirps sich pechbraun an einem Instrumente drückt, das noch einmal so lang als er selbst ist.

ICH: Aber Euer Majestät geruhen zu überlegen, dass doch nicht jedermann sich auf alle Instrumente gelegt hat. Wenn nun ein solcher Mann grade die Posaunen von Jericho zu spielen nicht gelernt hätte?

NEGUS: Darauf nehme ich keine Entschuldigung an; er muss so lange geprügelt werden, bis er bläst. Oh, ich sehe wohl, du kennst die Subordination noch nicht, die ich eingeführt habe. Aber, weil wir doch von Schauspielen reden, damit muss mir's auch auf einen andern Fuss kommen. Ich weiss nicht, was die abyssinischen Teaterdichter dabei haben, dass sie dem volk lauter jämmerliche, infame Mordgeschichten darstellen, dass sie nichts als Schurken, Stocknarren, Karikaturen und Nickel und solches Lumpengesindel zu Helden und Heldinnen ihrer Trauerspiele und Lustspiele wählen; dass bei dem Plane ihrer Stükke oft eine Begebenheit zum grund liegt, die entweder höchst unwahrscheinlich ist, in hundert Jahren nicht einmal im menschlichen Leben vorfällt oder die aus einer so höchst elenden Verkettung unglaublich unglücklicher Zufälle, die sich gegen die besten Menschen verschworen zu haben scheinen, zusammengesetzt ist, dass man, bei meiner Seele! nichts dabei empfinden kann als Ekel vor diesen Greueln und Unwillen gegen Gott, der, wenn man solchen Unglücksmalern glauben soll, auch dann seine Geschöpfe peinigt und mit Gewalt in den Abgrund zieht, wenn sie nichts verschuldet haben. Nein! ich mag wohl, dass der Zuschauer seine Torheiten und Laster in Beispielen geschildert sehe, aber es müssen keine Tollhaustorheiten und keine Strassenräuberslaster sein, damit der Zuschauer sich selber in seinen Augen nicht als ein Engel von Tugend und Weisheit in Vergleichung mit jenen Kreaturen erscheine. Ich mag wohl, dass auf dem Teater anschaulich gezeigt werde, in welches Labyrint von Elend der schwache Mensch durch einen einzigen schiefen Bockssprung geraten kann; aber bloss eine Galerie von Jammer und Not zu eröffnen, um zu zeigen, dass man die elende Kunst versteht, uns zu erschüttern; den Mann, der in das Schauspiel geht, um sich, auf anständige und vernünftige Weise, von seinen häuslichen und bürgerlichen Geschäften zu erholen, seine Sorgen und Leiden zu vergessen und sein Gemüt durch Lächeln aufzuheitern oder durch sanfte Rührung in süsse Schwermut einzuwiegen und dadurch den Sturm wilder Leidenschaften zu dämpfen: einen solchen Mann dergestalt zu handhaben, dass ihm die Haare zu Berge stehen müssen, ihm gleichsam zu sagen: Siehst du, Kerl, alles Unglück, was du zu haus und auswärts gesehen und erlebt hast, ist gar nichts gegen das, was dir noch jeden Augenblick begegnen kann, wärst du auch der edelste und klügste Mann auf der Welt; damit er dann trauriger, mutloser und verzweiflungsvoller als je nach haus gehemich dünkt, das ist ein unedler Zweck, dessen sich die Schauspielkunst schämen sollte. Und wenn denn die Bösewichte in solcher Herrlichkeit und Kraft dargestellt werden, dass man über ihre Grösse die Abscheulichkeit und Gefahr ihrer Grundsätze vergisst, oder so liebenswürdig, dass wir uns hingezogen fühlen zu ihnen und dass leise der Gedanke in uns erwacht, für ein so eminentes Genie gäbe es keine gesetz, keine Moral, und dass der feurige Jüngling leicht versucht wird, sich für ein solches privilegiertes Wesen zu halten; und wenn nun neben diesen Riesen von abscheulicher Erhabenheit die kalten Tugendbilder wie geschmacklose Zwergfiguren aussehen; endlich, wenn man uns, statt natürlicher, menschlicher Szenen und interessanter begebenheiten, höchst verwickelte, sich durchkreuzende, immer unerwartet sich auflösende Geschichten darstellt, so dass man zuletzt keinen Sinn mehr für das Einfache hat und uns alles in der wirklichen Welt langweilig und zu alltäglich vorkömmt, weil man unsre Phantasie ohne Unterlass reizt, mit uns in idealischen Sphären herumzusegelnwas für Nutzen hat dann das Schauspiel für Kopf und Herz? Nein!