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auf die Schule geschickt, wo er bei seinem Oheim, einem Kantor, im haus wohnte. Hier geriet er mit andern wilden jungen Leuten in Verbindung; man wachte nicht sorgfältig genug über seine sittliche Aufführung; sein Kopf war voll von Erwartungen sonderbarer Abenteuer; es dauerte ihm zu lange, ehe sich eine Aussicht zeigte, die Träumereien seiner Kindheit realisiert zu sehen; es wurde nun immer ernstlicher davon geredet, dass er sich den teologischen Wissenschaften widmen sollte; das Ding gefiel ihm nicht; er geriet über einige Reisebeschreibungen, die ihm die Lust einflössten, fremde Länder zu sehen; er fing an zu glauben, Weimar sei wohl nicht der Ort, wo er die grosse Josephs-Rolle würde spielen können, und da ihn die Abenteuer nicht suchten, so beschloss er, sie aufzusuchen. In dieser Stimmung wurde er durch einen andern jungen Menschen bestärkt, der ihm den Plan entwerfen half, fortzulaufen und mit ihm auf gutes Glück in die weite Welt zu gehen. Hierzu kam, dass er ein wenig zu bekannt mit des Herrn Kantors Tochter geworden, woraus Folgen entstanden waren, die bald sichtbar werden mussten und die ihn in grosse Verlegenheit setzten. In diesem Punkte ahmte er also seinem ägyptischen Helden nicht nach, der sich bei Madam Potiphar ganz anders betragen hatte; allein das hielt ihn nicht ab zu glauben, er könne wenigstens im übrigen sein Vorbild erreichen. Er ging also fort, und um die Leser nicht mit einer weitläuftigen Beschreibung seiner Wanderschaften zu ermüden, will ich davon nur das Hauptsächlichste erzählen.

Joseph Wurmbrand erlebte, was jedem leichtsinnigen Knaben begegnen muss, der, ohne zu wissen wohin und ohne alle Erfahrung, in die Welt hinein läuft. Dass man wohl tue, sich mit Gelde zu versehen und einen bestimmten Plan zu entwerfen, bevor man einen solchen Schritt wagt, daran hatte der junge Herr sowenig wie sein Reisegefährte gedacht. Einige Tage lag es ihnen nur am Herzen, ihre Tritte zu beschleunigen, weil sie fürchteten, man möchte ihnen nachsetzen. In dieser Zeit nun waren sie bis an die preussische Grenze gekommen, fühlten sich aber so ermüdet und, da sie indes fast gar nichts genossen hatten, einer guten Mahlzeit so bedürftig, dass sie sich entschlossen, hier haltzumachen, sich mit Speise und Schlaf zu erquicken und inter pocula miteinander zu beratschlagen, wohin nun eigentlich die Reise gehen sollte. Ein einsam liegendes Wirtshaus ladete sie eines Abends ein, hier Quartier zu nehmen. Sie fanden darin, ausser dem dicken einäugigen Gastwirte und seinem buckligen weib, noch zwei grosse, starke Kerle um den Tisch herum sitzen, die zuvorkommend freundlich gegen sie waren und mit denen sie bald in allerlei vertrauliche gespräche gerieten. Dabei liessen sie sich zu essen und zu trinken geben.

Die beiden Fremden nötigten sie, ein paar Gläser Wein mit ihnen auszuleeren, wobei unsre jungen Abenteurer treuherzig genug waren, ihre geschichte zu erzählen, nämlich: wie sie, um sich dem Schulzwange und dem ewigen Einerlei einer sitzenden Lebensart zu entziehen, sich mit der Absicht auf den Weg gemacht hätten, die Welt zu sehen, und dass es nun ihr Plan sei, nach Holland zu reisen und dort, weil sie doch im Schreiben und andern nützlichen Kenntnissen erfahren wären, sich zu bemühen, auf einem Schiffe, das zu einer grossen Reise bestimmt wäre, als Schreiber oder dergleichen angesetzt zu werden. Die übrige Gesellschaft lobte diesen Entschluss, und weil es indes spät geworden war und die beiden jungen Leute sich ungewöhnlich schläfrig fühlten, so wurde Anstalt zu einer Streue gemacht, auf welcher Joseph mit seinem gefährten und bald nachher auch ihre neue Bekannte Platz nahmen.

Es war schon heller Tag, als mein Herr Vetter von seinem festen Schlafe erwachte; er rief seinem Freunde, aber niemand antwortete; er stand auf, fragte den Wirt und die Wirtin, wo denn die andern wären, und bekam zur Antwort, dass sie das nicht wüssten. Schon vor Tage habe einer von ihnen die Magd geweckt, habe die Zeche für sie alle bezahlt und sei weitergereiset; vermutlich sei der junge Mensch mit den beiden Männern gegangen. Sowenig dies nun mein Herr Vetter begreifen konnte, so blieb ihm doch nichts übrig, als sich in Geduld zu fassen. Vergebens wartete er bis zum Mittage auf die Zurückkunft seines Freundes; er erschien nicht, und Joseph musste sich entschliessen, einsam seine Reise fortzusetzen. Er liess sich den nächsten Weg, der auf die holländische Heerstrasse führte, beschreiben, nahm sein Bündelchen und ging fort.

Unterwegens gesellte sich ein Mann zu ihm, mit dem er bald eine Unterredung anfing und dem er den ihn betroffenen Unfall klagte. Der Mann schien grossen Anteil an der Sache zu nehmen und erklärte ihm zugleich, wie es damit zugegangen wäre. Er sagte ihm, dies Wirtshaus sei eine Herberge für preussische Werber und die beiden gestrigen Gäste seien dergleichen gewesen; er wisse auch recht wohl, wie es diese Herrn machten. Sehr wahrscheinlich hätten sie ihm und seinem Freunde einen Schlaftrunk in den Wein geschüttet, dann in der Nacht den jungen Menschen von der Streue aufgenommen, auf einen Wagen gelegt und wären mit ihm nach Magdeburg gefahren. Dies war auch in der Tat also geschehen, und was meinen Vetter von einem gleichen Schicksale gerettet hatte, war der Umstand gewesen, dass er nicht sehr ansehnlich von Figur ist, dahingegen der andre ein schlanker, hübscher Pursche war. Der ehrliche Mann beschloss seine Rede mit der ziemlich bekannten Anmerkung, dass es allerorten böse Leute gebe und