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zu gefallen das Glück hätte, den Prinzen nebst einem zahlreichen Gefolge auf Reisen führen und, bei unsrer Zurückkunft, einige Fuder deutscher Gelehrten und Künstler mit nach Abyssinien bringen sollte. Da ich diese Reise im zweiten Teile meines buches beschreiben werde, so sage ich hier nichts mehr davon und eile zu dem letzten Punkte, der in meines Herrn Vetters Aufklärungsplane weitläufig auseinandergesetzt war.

Dieser Punkt betraf den Luxus. Herr Wurmbrand gab sich Mühe zu beweisen, dass dieser einem land gar nicht schädlich wäre; dass man ihm manche neue Erfindungen zu danken hätte; dass er das Geld in gehörigen Umlauf brächte und Tätigkeit und Industrie ermunterte; endlich, dass er das Volk beschäftigte und von Meutereien gegen den Alleinherrscher abhielte und zugleich, indem er tausend neue Bedürfnisse erzeugte, die Untertanen von dem Monarchen abhängiger machte. Bei dieser gelegenheit war denn auch von den glänzenden Vergnügungen in der Residenz, von Pracht und zuletzt von Schauspielen die Rede. "Es ist ein eitler Einwurf", schrieb mein Herr Vetter, "wenn man sagt, diejenigen, welche bloss für das frivole Vergnügen der Bürger sorgten, bereicherten sich auf Unkosten der nützlichern, arbeitsamern Klassen. Ich will hier nicht einmal von dem Nutzen der Schauspiele auf Bildung des Kopfs und Herzens reden, sondern nur das bemerklich machen, dass solche Künstler und muntre Gesellen selten Reichtümer sammeln, sondern das Geld, was sie heute verdienen, morgen wieder verzehren." – "Das mag sein", erwiderte der Negus, "aber die Gastwirte, Modehändler und andre, an welche das Geld aus diesen leichtfertigen Händen kommt, sind ein ebenso böses Volk, das es gleichfalls nicht zu besitzen verdient. Die arbeitende Klasse also trägt es hin, um es durch hände von Verschwendern an Müssiggänger zu bringen, die sich damit bereichern." – "Und das finden Euer Majestät nicht gut?" fragte Wurmbrand, "grade das passt in das System einer unumschränkten Regierung! Was würde aus den Monarchien werden, wenn man darin frugale und fleissige Menschen reich werden liesse? Um über diese Herr zu bleiben, dürfen sie sich nie im Wohlstande fühlen, indes die andern, sammelten sie auch noch soviel Schätze, immer durch ihre Torheiten abhängig, immer Sklaven von innen und aussen bleiben." – "Du hast zu meiner Zufriedenheit geantwortet", sprach der König. "Ich machte dir nur den Einwurf, um zu sehen, ob du die Sache gehörig durchdacht hättest. Ich erwarte von dir einen Entwurf zu einem neuen Schauspiel-Etat. Lass mir auch die ägyptischen Luftspringer wieder kommen, die im vorigen Jahre hier waren! Und wenn dein Vetter, der Herr von Noldmann, aus Deutschland kommt, soll er directeur des plaisirs werden."

Sechzehntes Kapitel

Der Verfasser tritt seine Bedienungen an und

unterredet sich mit dem Negus über verschiedne

Gegenstände

Am zweiten Tage, nachdem ich von des Negus Majestät zum Baalomaal oder Kammerjunker und Leibgardeobersten war ernannt worden, kündigte mir mein Herr Vetter an, dass es nun Zeit wäre, Besitz von den mir gnädigst anvertraueten Stellen zu nehmen. Ich musste daher erst des Morgens den Waffenübungen der Garde du Corps beiwohnen, zu welchem Endzwecke mir von besagtem meinem Vetter ein schöner Gaul, der auf drei von seinen Beinen noch so ziemlich flink war, zum Geschenke gemacht wurde. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand dazu. Es ging mit der Reuterei besser, als ich gedacht hatte; und was die Manœuvres betraf, so verstanden die andern Offiziers nicht mehr davon als ich. Der König war selbst gegenwärtig; unter seinen Augen machten wir allerlei hübsche Angriffe; hätte ein Feind da gestanden, wo wir einhaueten, so würden wir ihn garstig zugerichtet haben. Jetzt ging alles ohne Unglück ab, ausser dass wir ein altes Weib und zwei Kinder, die im Wege standen und sich nicht so schnell retten konnten, töteten, indem wir sie überritten, weil wir, wie sich das versteht, dieser Kleinigkeit wegen nicht unsre Glieder trennen durften.

"Herr Vetter!" sprach ich, als ich zu haus kam, "ich habe mir, mit Erlaubnis zu sagen, einen Wolf geritten." – "Das tut nichts", antwortete er, "in des Königs Dienste muss man Leib und Leben für nichts achten. Indessen sollt Ihr Euch noch heute in einer andern Amtsverrichtung zeigen, zu welcher Ihr dieser beschädigten Teile, die Ihr einstweilen mit Kamelsfett schmieren möget, gar nicht bedürft. S. Majestät befehlen nämlich, dass Ihr Allerhöchst Denenselben heute zum erstenmal vorlesen sollt; also haltet Euch nach der Mittagstafel bereit dazu!"

Indes wir noch also sprachen, wurde der Minister abgerufen, ehe er mir genauere Anweisung geben konnte, aus welchem buch der König sich wollte vorlesen lassen. Darüber kam die bestimmte Zeit heran, und ich steckte ein paar Bände zu mir, die mir grade in die hände fielen. Unglücklicherweise waren es französische Bücher, und zwar ein teil von Rousseaus Werken, worin sein "Contrat social" stand, und der erste teil von Montesquieu, "Esprit des loix". In diesen Werken steht nun freilich wohl nichts, womit man einen Despoten in den Schlaf lesen kann, aber ich hatte nun einmal kein anderes; doch fragte ich zum Überflusse, in welcher Sprache ihr Majestät beföhlen, sich vorlesen zu lassen. – "Das ist mir einerlei", erwiderte der Monarch, "lies du nur her, was du hast!" Also fing ich an, laut