gewöhnen, zu glauben, dass man seine und seiner Nebenmenschen Köpfe und Herzen vervollkommnen müsse, um Geld damit zu verdienen? Meinst du, ein wahres Genie liesse sich deswegen in seinem Schwunge aufhalten, weil ich ihm noch nicht den Titel als Baalomaal gegeben hätte? Meinst du, die Keuschheit sei etwas wert, die nur nach einem elenden Rosenkranze und einer Aussteuer gerungen hätte? – Wenn ihr in Europa keine bessere Antriebe habt, vollkommner zu werden, so sind die Abyssinier, meiner Seele! nicht weiter zurück als ihr." – Der Punkt mit den Rosenfesten, Prämien und Titeln ging also nicht durch.
Mit dem darauffolgenden Vorschlage ging es nicht viel besser. Mein Vetter wünschte nämlich, der König möchte jährlich gewisse Summen aussetzen, die angewendet werden sollten, armer Leute Kinder studieren zu lassen. "Du willst", wendete dagegen der Negus ein, "dass armer Eltern Kinder Gelehrte werden sollen, und ich möchte, dass mehr reicher Leute Söhne Bauern würden. Wer wird zuletzt das Feld umgraben wollen, wenn wir diese Menschenklasse als einen unglücklichen Stand betrachten, aus welchem man die Menschen erlösen muss? Ich möchte auch gern, dass ein Mann, der Wissenschaften triebe, zugleich eine feine Erziehung hätte. Ihr mögt wohl ungeschliffene Gelehrte in Deutschland haben, wenn jeder Bauerbengel, der bis in die Jahre, wo er Lust zeigt zu studieren, auf dem Miste herumgelaufen ist, die Ochsenpeitsche mit der Schreibfeder vertauschen darf. – Doch, das magst du hinschreiben, dass, wenn sich einmal ein ganz ausserordentliches Genie unter den Kindern eines armen Mannes findet, ich dem Vater Geld geben will, damit der Sohn in irgendeinem Fache etwas Tüchtiges lernen könne; aber das braucht nicht grade als Gelehrter zu sein. Wenn es Genies unter den Bauern und Handwerkern gibt, so ist das auch gut für den Landbau und für die Manufakturen. Wer übrigens sich zu etwas Höherm berufen fühlt, der arbeitet sich durch Armut und andre Schwierigkeiten hindurch. Man muss den Leuten nicht alles so leicht machen. Durch Überwindung von Hindernissen wird das Genie verstärkt, wie eine gespannte Feder." – Was der König da sagte, schien meinem Herrn Vetter so vernünftig, dass er fast nicht glauben konnte, es käme aus Sr. Majestät Gehirne; auch war das richtig geurteilt. Diese ganze Stelle war aus einem ägyptischen Manuskripte entlehnt und hatte dem Negus deswegen so gut gefallen, weil er darin eine Entschuldigung fand, kein Geld herzugeben, und er die allgemeine Aufklärung in seinem Reiche gern so wohlfeil als möglich betreiben wollte.
Gegen den Vorschlag, der hierauf folgte, Künstler in fremden Ländern reisen zu lassen, fand sich weniger einzuwenden, und es wurden Gelder dazu verwilligt, doch mit der Bedingung, dass diese Leute, nach ihrer Zurückkunft, einige Jahre hindurch für den Hof umsonst arbeiten sollten.
Hierauf wurde festgesetzt, in Adova, der Hauptstadt von Tigre, eine Universität, in einigen andern Städten aber Gymnasien und schulen anzulegen, worauf denn auch endlich der König den Vorschlag billigte, sich zu bemühen, nach und nach deutsche Gelehrte nach Abyssinien zu ziehen.
Um diesen letzteren Punkt in Ordnung zu bringen und überhaupt dem Werke die Krone aufzusetzen, wagte mein Vetter den Antrag, den Erbprinzen von Abyssinien auf Reisen zu schicken. Viel Widerstand fand er anfangs bei Durchsetzung dieser Sache. – Scheuete der grosse Negus die Kosten oder fürchtete er, wie es zuweilen der Fall bei den Fürsten sein soll, dass sein Sohn, durch eine bessere Erziehung und Bildung, als er selbst genossen, auch klüger als er werden möchte? – Genug! er sträubte sich ein wenig, dazu einzuwilligen, gab aber doch nach, und folgender Plan wurde gnädigst approbiert.
Der König hatte nämlich zwei Söhne. Der Älteste, welcher einst dem Vater in der Regierung folgen sollte, war ein Jüngling von sechzehn Jahren, sehr von sich eingenommen, durch Hofschmeichelei verderbt, kalt, eingebildet von seinem Fürstenstande, hatte dabei viel Hang zur Sinnlichkeit, zum Geize, wenig Genie, gar keine Kenntnisse und keinen Trieb, dergleichen zu erlangen. Der Jüngste hingegen war sanft, bescheiden, wohlwollend, aufmerksam auf alles, was ihn belehren konnte, nicht eben von durchdringendem geist, aber von gutem, graden Hausverstande und unschuldig von seiten der Sitten. Jener war von Jugend auf in den Händen eines eigennützigen, unwissenden Hofpedanten gewesen, dieser aber einem guten alten mann anvertrauet worden, der, nicht ohne Mühe, von dem Monarchen die Erlaubnis erlangte, seinen Zögling, fern vom Residenzgetümmel, auf dem land zu erziehen. Wir werden künftig sehen, mit welchem Erfolge dieser Erziehungsplan gekrönt wurde. Jetzt will ich nur noch sagen, dass jener alte Mann derselbe war, dem ich die oben mitgeteilten Bruchstücke aus der geschichte Abyssiniens zu danken habe. – Wenden wir uns wieder zu dem ältern Fürstenknaben! Herr Wurmbrand hatte seinem Monarchen so viel von Peter des Grossen in Russland kühnem Unternehmen, als Privatmann zu reisen, alle Verhältnisse des Lebens kennenzulernen und als Soldat und Schiffmann und Handwerker von unten auf zu dienen, erzählt, dass, als er, der Negus, seinen Plan zur Reise des Kronprinzen billigte, um doch auch etwas von eignen hohen Einfällen hinzuzutun, zugleich erklärte, sein Sohn sollte, wie Peter von Russland, in Deutschland als gemeiner Soldat dienen und nach und nach alle Stufen, bis zum Trone, ersteigen. Es wurde vorläufig beschlossen, dass ich, den man damals in Abyssinien erwartete, wenn ich anders dem Könige