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, wohl nicht ebensoviel und mehr schiefe Begriffe und Irrtümer wären in Umlauf gekommen. Wurmbrand gab dies zu, behauptete aber, selbst diese Albernheiten hätten wiederum auf die Spur von neuen Wahrheiten geführt. Der Hofnarr des Königs, der gegenwärtig war, meinte, nach diesem Grundsatze müsse man auch die Ansteckung epidemischer Krankheiten zu erleichtern suchen, damit hierdurch die Arzeneikunst auf die Erfindung neuer Heilmetoden geleitet würde. – Der Hofnarr wurde aus dem Zimmer gejagt und Anstalt zu Errichtung der Buchdruckereien gemacht. "Damit aber", sprach mein Herr Vetter, "niemand sich's einfallen lasse, gefährliche Grundsätze zu verbreiten, die das Volk gegen die weisen Regierungsmaximen Euer Majestät und gegen die herrschende Religion misstrauisch machen könnten, so wird es gut sein, zu befehlen, dass nichts dürfe gedruckt werden, als was vorher einem eignen Kollegio sei vorgelegt worden." Der Hofnarr hatte vor der Tür gehorcht; bei diesem gespräche steckte er den Kopf wieder herein und sagte: "Das macht ihr gut! da werden die Menschen in allen Dingen klug werden und ihre Ideen berichtigen, ausser in dem, was ihnen auf der Welt am wichtigsten ist. Und wenn ihr euch auf eure Weisheit und auf eure hunderttausend Puppen verlassen dürft, so dächte ich, ihr könntet auch die Leute immer reden und schreiben lassen, was sie wollten." – Der Hofnarr bekam zwanzig Prügel auf die Hinterteile, und das Zensurkollegium wurde errichtet.

Nächst Anlegung der Buchdruckereien empfahl mein Herr Vetter dem Könige vorzüglich die Beförderung des Studiums fremder Sprachen. Neue Wörter, Redensarten und Wendungen wären, meinte er, das wenigste, was man dadurch lernte; aber man gewänne auch neue Ideen, die unmerklich, mit den fremden Redensarten zugleich, zu uns übergingen. Es wäre, zum Beispiel, wohl der Mühe wert, mit philosophischem Scharfsinne genauer nachzuspüren, wie der Charakter der Deutschen und ihre Sitten von mancher Seite eine andre Richtung bekommen hätten, seitdem in unserm vaterland die französische Sprache nach und nach allgemeiner geworden wäre. Hierauf machte dann Herr Wurmbrand den Negus mit einigen ausländischen Wörtern bekannt, die, teils übersetzt, teils in unsre Sprache aufgenommen, eine Revolution in unsrer Art zu denken und zu handeln gemacht hätten. Dahin gehörten, meinte er, die Worte: Delikatesse, Diskretion, kompromittieren, Sentiment, empfindsam, konventionell und dergleichen mehr. "Wie undelikat", rief mein Herr Vetter aus, "war nicht der alte rauhe, grade, biedre Deutsche! Wie wenig diskret! Wie leicht kompromittierte er durch seine Freimütigkeit! Die feinern Sentiments rührten nie seine starke Seele zur Empfindsamkeit, und er hielt alles für eine Art unnützen Zwanges oder gar für Betrug, was bloss auf konventionellen, nicht natürlichen Pflichten beruhete, bis er durch jene fremden Wörter aufmerksam auf alle diese herrlichen Dinge gemacht wurde." – "Wenn die fremden Ideen gut und klar sind", fiel ihm der König in die Rede, "und man dadurch nicht zuletzt so viel neue Seiten bekömmt, dass man nicht mehr recht weiss, welche die rechte und eigne Seite ist, so lasse ich das Ding gelten. Doch das ist zu weitläufig. – Ich will es versuchen, will meinen Untertanen ein Beispiel geben, will selbst Deutsch lernen. Aber mit den Sprachen ist es so eine Sache. Selbst unsereiner kann doch diese nicht so ohne alle Anweisung studieren, wenigstens ist das mühsamer. Du sollst also die Ehre haben, mir Unterweisung zu geben; aber ich verbitte mir, dass du dich dessen nicht etwa rühmest." Mein Vetter lehrte also den Negus die deutsche Sprache; er wählte dabei die Metode, welche unsre neuern Pädagogen so sehr anpreisen und wodurch man die Sprachen freilich weniger gründlich lernt, aber desto geschwinder und ohne Anstrengung einige Fertigkeit darin erlangt, nämlich durch beständiges Plaudern; und bald wurde, wie ich schon oben erzählt habe, die deutsche Sprache die Hofsprache in Gondar.

Zu dem Aufklärungsplane des Herrn Wurmbrand gehörte ferner mit, dass er dem Monarchen vorschlug, Fremde in das Land zu locken und diese vorzüglich auszuzeichnen. "Das mag geschehen", sagte der Negus, "aber notiere dabei, dass es Fremde sein müssen, die rechtliche Kerl und geschickter und arbeitsamer als meine Untertanen sind; sonst fressen mir die Tagediebe das Fett des Landes und verderben noch wohl obendrein die Einheimischen!" Bei dieser gelegenheit nun wagte es mein Herr Vetter, zuerst meiner geringen person, als eines sehr nützlichen Subjekts, Erwähnung zu tun, und es wurde festgesetzt, dass vorerst niemand als ich aus Deutschland verschrieben werden sollte.

"Euer Majestät", hiess es ferner in dem Aufsatze, "klagen darüber, dass Allerhöchst Dero Untertanen in sich selber nicht Trieb genug fühlten, in Weisheit, Tugend und Aufklärung zu wachsen. Diese schlafende Kräfte nun zu ermuntern, weiss ich keine diensamern Mittel, als gewisse Preise auf vorzüglich edle Handlungen, auf Proben von beharrlichem Fleisse und auf neue Entdeckungen zu setzen. – Und nun kamen Vorschläge von Rosenfesten, von Geldverwilligungen für nützliche Erfindungen, von Titeln für Gelehrte etc. – "Diesmal", rief der Negus, indem er meinem Vetter abermals in die Rede fiel, "bist du auf einem Holzwege; das lass dir von mir gesagt sein! Wenn du nichts Bessres weisst, um die Abyssinier klüger und tugendhafter zu machen, so streiche nur die ganze Stelle aus! Meinst du, ich wollte aus der Tugend und Weisheit Metzen machen, die sich bezahlen liessen? Ich sollte meine Untertanen daran