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verbessern, indem er den sogenannten Ketzern Frieden und die Erlaubnis zu freier Religionsübung versprach; allein sie traueten seinem Worte nicht, hatten sich auch schon in Nubien festgesetzt; und so bestand denn alles, was der Negus tun konnte, darin, dass er in der Folge mehr Duldung in seinen Ländern einführte und den Priestern ein wenig den Daumen aufs Auge hielt, die jetzt nicht mehr so furchtbar waren und sich sehr verhasst gemacht hatten. Nun setzten sich in der Handelsstadt Gauza Mahometaner und in Adova Juden fest; doch blieb der Schaden, den der Fanatismus angestiftet hatte, unersetzlich.

Ich habe oben zuweilen eines Jesuiten Erwähnung getan, dem die Abyssinier die Verbesserung ihres Kriegswesens und die Errichtung eines stehenden Heers zu danken hatten. Nach seinem tod war kein Mitglied dieses Ordens wieder nach Abyssinien gekommen; und in den nachherigen zeiten, von denen ich im vorigen Kapitel geredet habe, wurden ja auch keine Fremde im Reiche geduldet. Kaum aber war es in Kairo bekannt geworden, dass der jetzige Negus tolerantere Grundsätze ausübte, so machte die Gesellschaft Jesu, die leicht zu wittern pflegt, wo für sie etwas zu tun ist, Plan auf ein dauerhaftes Etablissement in diesem land, das so schönes Gold und Silber und Herrlichkeiten aller Art hervorbringt. Sie schickte daher eine Mission nach Gondar; ein paar verschmitzte Jesuiten, die alle Gestalten anzunehmen wussten, schmeichelten sich bei dem Monarchen ein, dessen Steckenpferd nun einmal Toleranz war, und erlangten von ihm die Erlaubnis, den christkatolischen Glauben predigen und in Freniona ein Jesuitenkollegium stiften zu dürfen. Hierdurch nisteten sich denn diese schlauen Herren bald so gut ein, dass nach und nach, besonders in der Provinz Tigre, eine Menge katolischer Kirchen und Klöster gebauet wurde.

Dies ging eine Zeitlang ganz gut vonstatten, und die verschiednen Sekten lebten miteinander in Frieden. Allein das System der Römischen Kirche und Hierarchie verträgt, wie jedermann weiss, keine Unterwürfigkeit unter den weltlichen Arm; und so tolerant auch der Negus war, so schien er doch gar nicht geneigt, seine pfaffen zu unterdrücken, um sich unter das Joch von andern, noch herrschsüchtigern pfaffen zu begeben. Als daher die Herren Jesuiten anfingen, das Bekehrungswesen ein wenig grob zu treiben, gab man ihnen den Wink, sie möchten es damit leise angehen lassen. Zwei von ihnen drängten sich ohne Unterlass dem Monarchen auf und sprachen von Träumen, worin ihnen Gott offenbart hätte, es würden S. Majestät mit ihrem ganzen hof sich in den Schoss der Römischen Kirche werfen. – Am hof herrschten damals freigeisterische Grundsätze; man spottete der Träumer. Sie versicherten den König, er könne nach den grundsätzen ihrer Religion unendlich mehr Sünden begehen als nach koptischen grundsätzen. – Er antwortete, diese Freiheit nähme er sich, ohne ihre Erlaubnis. Sie bestachen ein paar Lieblinge und sogar die Iteghe oder Königin unter den Weibern des Negus. – Diese waren sämtlich so ehrlich, das Geld zu nehmen, es aber dem Monarchen anzuzeigen und mit ihm über die feinen Herren zu lachen.

Indessen gestattete man den Jesuiten, dass sie ihren Glauben predigen, Gemeinen stiften, viel Kirchen und Klöster bauen und endlich gar einen Bischof weihen durften; der Hof sah dieser Feierlichkeit zu und fand sie recht artig; übrigens erlaubte man den Katoliken, den Bischof aus ihrem Beutel zu bezahlen. Allein nun kamen sie auf einmal mit einem Heere von päpstlichen Rechten, Exemtionen von weltlicher Gerichtsbarkeit, Gebühren und Abgaben für Dispensationen und dergleichen, die man nach Rom schicken sollte, angezogen; das gefiel denn dem Negus nicht; er liess also den Bischof zu sich rufen und fragte ihn ganz trocken: "Wer ist der Kerl in Rom, der in meinem land Befehle geben und Geld heben will?" Der Bischof suchte die Sache in das beste Licht zu setzen; aber seine Beredsamkeit fruchtete nichts. "Ihr Schlingel sämtlich", sprach der König, "sollt unter der weltlichen Obrigkeit stehen; den alten Glaubensgerichtshof, der monatlich einige gute Leute braten liess, habe ich abgeschafft; meinet ihr, ich wollte nun gar von solchem Gesindel, als ihr seid, meine Untertanen hudeln lassen? – Das sollt ihr, meiner Seele! wohl bleiben lassen, und der erste von euch, der mir wieder den alten pfaffen in Rom nennt, den lasse ich bei den Beinen aufknüpfen."

Die Jesuiten und ihre Anhänger gehorchten nicht; sie fuhren fort in ihrem hierarchischen Eifer, predigten laut das Papsttum, die Rechte der alleinseligmachenden Kirche, Verdammung der Ungläubigen, Intoleranz und erweckten den Geist des Zwiespalts. Der grosse Negus liess einen von diesen unverschämten Predigern fangen und ihm vorerst nur den Staupbesen, zur Warnung der übrigen, geben. Nun kannte die Wut der Jesuiten, die nicht die Kunst verstehen, sich im Zorne zu mässigen, keine Grenzen mehr. Sie erregten insgeheim Aufruhr und Empörung und wurden endlich über einem Komplott gegen das Leben des Monarchen ertappt. Da verging dem guten Herrn die Geduld; die Rädelsführer wurden gespiesst, alle römischen Priester auf ewig des Landes verwiesen, das Jesuitenkollegium in Freniona wurde zerstört und den Katoliken kein öffentlicher Gottesdienst mehr verstattet. Einige Jesuiten kamen, als ägyptische Kaufleute verkleidet, wieder nach Abyssinien, richteten aber nicht viel aus.

Kurz nach diesen Vorfällen starb der Negus, und an seine Stelle kam der Prinz zur Regierung, dessen Baalomaal und Oberster der Leibgarde zu sein ich die unverdiente Ehre gehabt habe. Er war nicht im Kloster erzogen worden, sondern am hof seines Vaters, wo er sehr viel von Aufklärung