nicht für mich, als Bierbrauer und Schenkwirt in seine Fussstapfen zu treten; auch fanden sich so viel Schulden, dass wir Haus und Inventarium verkaufen mussten, um diese zu tilgen. Ich mietete also ein paar kleine Zimmer, tat den sehr unbedeutenden Rest, der von unserm Vermögen übrigblieb, auf Zinsen aus und beschloss, vorerst davon, und dann von meiner Arbeit als Advokat, mich und meine Mutter, so gut es gehen wollte, zu unterhalten.
Zweites Kapitel
Fortsetzung des vorigen
Soviel von meiner eignen werten person bis zu der Katastrophe, die mich bewog, auf Reisen zu gehen! Jetzt muss ich von den übrigen Personen meiner Familie, besonders von meinem Herrn Vetter reden, dessen Schicksale mit den meinigen zusammenhängen.
Ich war nicht der einzige Sprössling des Noldmannschen Geschlechts, sondern hatte eine ältere Schwester, die, als ich noch ein Knabe von sechs Jahren war, mit dem Prediger Wurmbrand im Eisenachschen getraut wurde. Dieser Mann war reich und schon verheiratet gewesen. Mit der ersten Frau hatte er zehn Söhne erzeugt; meine Schwester beschenkte ihn mit dem eilften, den er, indem ihm der Erzvater Jakob im kopf steckte, Joseph taufte. Die Jungen sollten sämtlich Teologie studieren; das war denn so die geistliche Grille des Herrn Pastors; doch wurde sein Plan vereitelt. Zwei von den jungen Herren liefen aus der Schule weg und liessen sich zu Soldaten anwerben; einer wurde blödsinnig und deswegen in ein Hospital gesteckt; der vierte starb auf Universitäten, an der zurückgetriebnen Krätze; der fünfte ertrank auf der Reise, als er eben nach Ilefeld auf das Gymnasium ziehen wollte; einer wurde Landprediger und lebt noch; ein andrer liess sich verleiten, mit den spanischen Luftspringern in die Welt hinein zu gehen und die hohen Herrschaften in den Frankfurter Messen durch seine Gaukeleien zu unterhalten; der achte verschwand auf einmal, nachdem er sich auf schulen allerlei Ausschweifungen ergeben hatte, soll gegenwärtig Schauspieler sein und edle Heldenrollen spielen; der neunte, welcher Isaschar hiess, plagte seine Eltern so lange, bis sie einwilligten, dass er Bartscherer und Wundarzt würde (zwei Künste, die in Deutschland, wie jedermann weiss, zur Ehre der gesunden Vernunft in einem stand vereinigt sind); Sebulon aber, als der zehnte Sohn, vollendete seine Studia, war ein wenig taub und kurzsichtig, wurde daher zum Informator gut genug befunden, in welcher Qualität er sich vielleicht noch jetzt herumtreibt. Der kleine Joseph, der wenig Jahre jünger als ich war, blieb am längsten in seines Vaters haus und wurde also, wie sich das versteht, von Vater und Mutter verzogen. Gern hätten Seine Hochehrwürden noch einen kleinen Benjamin geliefert; allein so gut wurde es ihnen nicht; es blieb also Joseph Wurmbrand der Liebling der Eltern. Er war ein lebhafter Knabe, voll Mutwillen und unruhigen Geistes. Da die kleinen Tücken, die er ausübte, als Zeichen seines aufgeweckten Temperaments ausgelegt und seine Naturgaben bei jeder gelegenheit zur Ungebühr erhoben wurden, so gewann der Junge bald eine grosse Meinung von seinem eignen Ich. Der Vater pflegte ihm oft in der Bilderbibel die geschichte von Jakobs Söhnen aufzuschlagen. Wenn dann das naseweise Kind auf dem Holzschnitte den ägyptischen Finanzminister Joseph, mit königlichen Kleidern angetan, auf einem grossen stuhl sitzen sah, wie er seine Brüder, die als lumpige Juden vor ihm erscheinen und seine Füsse küssen, von oben herab seiner Gnade versichert, so dachte der kleine Wurmbrand, es könne ihm auch wohl noch so gut werden; und dann kam es ihm im Schlafe vor, als wenn er dem Oberschenken und dem Schlosshauptmanne in Weimar ihre Träume ausgelegt hätte und dieser merkwürdige Umstand der durchlauchtigsten Herzogin Regentin wäre berichtet worden, da er dann einen Ruf bekommen, vor Ihrer Durchlaucht zu erscheinen, und der erhabenen Fürstin den Rat gegeben, zu rechter Zeit Magazine anzulegen, und wie er darauf stante pede zum Kammerpräsidenten wäre ernannt worden, wodurch er dann gelegenheit erhalten hätte, seine ganze Familie zu hohen Ehren zu bringen, und was dergleichen Torheiten mehr waren.
Indessen liessen sich solche erhabne Gedanken nicht wohl mit seines Vaters Plane, ihn der Gottesgelahrteit zu widmen, vereinigen; deswegen empfand er denn auch sehr wenig Neigung, diesen Stand zu wählen. Wenn der alte Pastor mit seinem Ideenschwunge nicht weiter hinauf konnte, als dass er in Gedanken seinen lieben Sohn auf dem Consistorio in Weimar sein examen rigorosum rühmlichst aushalten sah, indes der Alte hinter dem grünen Schirm auf jede Frage und Antwort lauerte und unter der Hand zu erfahren suchte, ob der hoffnungsvolle junge Kandidat bene oder valde bene zum Urteil erhalten habe, so flog Joseph mit seiner Phantasie viel höher. Er erblickte sich als Minister an der herzoglichen Tafel auf dem grossen schloss (dessen prächtige Merkwürdigkeiten sowohl als die schönen Gärten, Lust- und Jagdschlösser sich der Herr Pastor nebst seiner Familie bei einer Reise nach Weimar einmal hatte zeigen lassen), sah sich da den herrlichen Pasteten und Fleischmassen gegenüber, woran die herzoglichen Mundköche ihre Kunst verschwendet hatten, und erlauerte den Augenblick, da er, durch irgendein Abenteuer in die Residenz geführt, dort einer vornehmen Dame Liebe einflössen, von ihr, nach vorhergegangener MantelSzene, auf die Wartenburg verwiesen werden und dort, durch Traumdeuterei, den Grund zu jener glänzenden Laufbahn legen würde.
Es war aber im buch des Schicksals anders beschlossen. Sein Vater unterwies ihn selbst bis in das funfzehnte Jahr, nach der damals allgemein üblichen alten Metode, und in der Tat war über seinen Fleiss nicht zu klagen. Dann wurde er nach Eisenach