1791_Knigge_061_27.txt

Man erreichte nicht mehr die Hälfte des ehemals gewöhnlichen Menschenalters; häusliche Glückseligkeit, Treue und Glauben, Menschenliebe und Gesundheit fand man nur in den Hütten der Armen.

Die Vornehmen hielten sich berechtigt, nicht unter dem Zwange der gesetz zu stehen, und konnten sie sich ihnen auch nicht ganz entziehen, so war doch mit einer Handvoll Geld alles wieder gutzumachen, und es gab andre Strafen für den Reichen als für den Armen, andre für den Edelmann als für den Bauer. Wenn dieser ein Jagdtier schoss, so wurde er lebendig gespiesst; wenn jener einen Knecht tötete, so wurde er zu einer mässigen Geldbusse verurteilt. – Ein Gesetz aber, dem der König unterworfen gewesen wäre, gab es gar nicht.

Nun wirkten in allen Ständen nur drei Triebfedern zu allen Handlungen: Eitelkeit, sinnlicher Genuss und Geldgier. Um Gewinst war es dem Richter bei Verwaltung der Justiz zu tun. Gerechtigkeit wurde eine Wissenschaft; die Menge der unbestimmten, schwankenden, sich widersprechenden gesetz erforderte bei jedem einzelnen Falle eine besondere Auslegung. Man stellte Sachwalter an, welche die Kunst, diese gesetz auf allerlei Seiten zu drehen, zu einem eignen Studium machten. Gesunde Vernunft und klare, kurze mündliche Darstellung wurden aus den Gerichtshöfen verbannt. Die einfachsten Prozesse wurden jahrelang herumgezerrt, bis beide Parteien soviel an Gerichtsgebühren und Prozesskosten ausgegeben hatten, als der ganze Gegenstand des Streits wert war. Falsche Beredsamkeit, Bestechung, Gunst und Schikane lenkten das Urteil zu ihrem Vorteile.

Der für die Menschheit so wohltätige Stand eines Arztes verlor nicht weniger als der des Richters von seiner Würde. Zu ihm durfte nicht mehr der arme seine Zuflucht nehmen, wenn der Tod drohete, sechs unmündige Kinder zu Waisen zu machen, die, sobald sie ihrer einzigen Stütze, ihres Vaters, beraubt wurden, von dessen Erwerbe sie lebten, betteln mussten, sondern der Arzt war nun nur für reiche Kranke sichtbar. Wie sollte er es anfangen, wenn er mit seiner Familie leben, und was man nennt anständig leben, wollte? Und anständig, das heisst: mit einigem Aufwande musste er leben, wenn es ihm um Praxis zu tun war, denn sonst nannte man ihn den Betteldoktor, und niemand vertrauete sich ihm an; denn wenn der Kerl etwas verstünde, sprach man, so würde er nicht so armselig leben müssen. Der Staat besoldete ihn nicht; also musste er sich bei den Grossen und Reichen einzuschmeicheln suchen, des Morgens seine teure Zeit bei ihnen verlieren, um ihre Klagen über eingebildete oder solche Übel anzuhören, die sie sich selber durch Unmässigkeit zugezogen hatten. Aber er musste auch dabei ein Schmeichler, ein angenehmer Gesellschafter sein, musste Stadtanekdoten zu erzählen wissen. Seine Arzeneien sollten leicht und angenehm zu nehmen, durften nicht zu wohlfeil sein, und da man immer nach neuen, unerhörten Dingen haschte, so mussten seine Metoden auch neu sein oder wenigstens neue Namen haben. Er durfte keine strenge Diät vorschreiben, und das Publikum musste einige glückliche Hauptkuren von ihm zu erzählen wissen. Da war denn keine Art von Scharlatanerie, zu welcher sich die Söhne Äskulaps nicht herabliessen, um Geld in ihren Beutel zu spielen, ihre Amtsbrüder herabzuwürdigen und sich zu erheben. Bei den unbedeutendsten Übeln schüttelten sie bedächtlich den Kopf, um nachher ihre Mühe und ihr Verdienst desto teurer anrechnen zu können; gegen eine Unpässlichkeit, die durch das einfachste Mittel, vielleicht nur durch Lebensordnung, zu überwinden war, zogen sie mit ganzen Heeren von Quacksalbereien zu feld. Sie suchten einer den andern zu verleumden und zu verfolgen, statt brüderlich in Gemeinschaft zu arbeiten, um ihre Kunst auf feste Grundsätze zu bringen. Sie verkauften Arkana, Wunderessenzen, von deren Nichtigkeit sie selbst überzeugt waren; sie machten an armen Leuten allerlei Proben von Kurarten und erhoben die, an welchen die wenigsten Schlachtopfer starben, als neu erfundne, unfehlbare Heilungsmittel. Da herrschten dann allerlei Moden in der Arzeneikunst, und was man in diesem Jahre in einer Krankheit für Gift hielt, wurde im folgenden als ein unfehlbares Mittel in derselben Krankheit angepriesen.

So wie mit der Heilkunde, so ging es auch mit den übrigen Wissenschaften. Die Begierde zu allem, was unbekannt, wunderbar, unerhört war, brachte eine Frivolität, Bizarrerie und Neuerungssucht in alle Fächer, die der wahren Gelehrsamkeit unendlichen Schaden taten; und da ernstaftes Nachdenken über denselben Gegenstand Langeweile machte, so wurde alles nur oberflächlich behandelt, von der lustigen Seite angesehen. – Witz und Persiflage spielten den Meister über gründliche Darstellung; man bezahlte sich mit wohlklingenden Worten, ohne Sinn und ernstaftes Studium; Bestimmteit in Begriffen und Ausdrücken hiess Pedanterei. Jedermann wollte alles wissen, um von allem reden, über alles lachen zu können; ein Mann, der nur in einem Fache gross war, galt für einen beschränkten Kopf. Der Stutzer plauderte über Staatswirtschaft; in dem Zirkel um den Nachtstuhl einer Dame her wurden philosophische Probleme aufgelöset. Komische Gegenstände wurden metaphysisch; wichtige, der ganzen Menschheit interessante Materien in Marionettenspielen abgehandelt. Man prägte neue Worte für Dinge, womit man gar keinen Begriff verband; man appellierte an das Gefühl, wo die Vernunft zu ungeschmeidig war, sich von der Phantasie nicht wie ein Freudenmädchen wollte behandeln lassen. Man schwätzte, wo man wirken sollte; man spannte ohne Unterlass die Einbildungskraft an, interessierte sich für eine Ideenwelt, indes man in der wirklichen alles gehen liess, wie es ging. Man fand Genuss, Wonne darin, nie aus einem fieberhaften Zustande zu kommen, und machte sich eine Ehre daraus