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Verhältnisse, Konventionen, Umgangsregeln, leere Komplimente, wobei man nichts dachte, unnütze Geschäfte, um die Zeit zu töten, gesellschaftliche Vergnügungen von alberner Art; und je mehr man darauf studierte, seinen Genuss zu vervielfältigen, um desto weiter floh die wahre, reine Freude; und Langeweile, die man ehemals nie gekannt hatte, nagte an den friedenlosen, von tausend unbestimmten, törichten Wünschen und Unruhen in Tumult gebrachten Herzen.

Der Reiche missbrauchte das Übergewicht, welches er über den Armen hatte, den er nur geschaffen glaubte, um seinen Lüsten und Phantasien zu fronen; und dieser, der auch korrumpiert war und tausend Bedürfnisse hatte, die ihn von jenem abhängig machten, trug sklavisch sein Joch und beschäftigte sich nur mit listigen Planen auf den Geldbeutel des dümmern Reichen.

Wer hatte aber ein grösseres Recht über alle als der Fürst? Er hatte die Mittel in Händen, reicher als jemand im land zu werden; er wurde also auch üppiger und wollüstiger als einer; er wurde mehr als einer durch Schmeichelei verderbt. Er, in dessen Händen die Staatskasse war, hatte mehr als einer die Macht, die Ärmern zu drücken, die Lebensmittel zu verteuern und auf alle wirkliche und eingebildete Bedürfnisse seine schwere Hand zu legen. Auch tat er das, und die Menschen, die sich zu Sklaven ihrer Begierden gemacht hatten, mussten nun wohl die Sklaven dessen werden, der Gewalt hatte, diese törichten Begierden zu befriedigen oder nicht. Der genügsame, mässige, gesunde Mann findet allerorten Freiheit und Vaterland; der schwache Wollüstling lebt in ewiger Knechtschaft von innen und aussen. Luxus und Korruption wurden die ersten Grundpfeiler des Despotismus. Das entnervte Volk fühlte nicht nur die Fesseln nicht, die es sich geschmiedet hatte, sondern, da es auch durch den Handel mit Völkern in Verbindung gekommen war, bei denen der Despotismus schon grössere Fortschritte gemacht hatte, so veränderten sich auch nach und nach ihre Ideen von den Verhältnissen zwischen Fürsten und Nation so sehr, dass sie sich's für eine Ehre hielten, einen ebenso unumschränkten, in eitler Pracht glänzenden Monarchen auf ihrem Nacken sitzen zu haben als ihre Nachbarn, die Völker Nubiens. In dieser Periode nahm denn auch das Oberhaupt der Abyssinier den königlichen Titel an oder den Titel des grossen Negus.

Eilftes Kapitel

Bruchstücke aus der neuern geschichte Abyssiniens Wir haben gesehen, wie nach und nach sich das Familienregiment an der Hand der Zeit, durch natürliche Revolutionen, in eine republikanische, dann in eine monarchische Form ummodelte und endlich in unbegrenzten Despotismus ausartete. Allein bis jetzt wurde von seiten des Königs dabei nicht eigentlich planmässig zu Werke gegangen; doch bald kam es auch dahin, dass der Despotismus in ein System gebracht wurde. Aus dem vorhin Erzählten lässt sich leicht schliessen, dass die Menschen, welche der König um sich her versammelte, eine Rotte nichtswürdiger, sklavischer Schmeichler ausmachten; denn die, deren Herz und Sitten noch unverderbt waren, flohen den Hof, welcher der Sitz der Schwelgerei, der Üppigkeit und des Müssiggangs geworden war. Jene aber verführten den Despoten zu immer grösseren Ausschweifungen, Inkonsequenzen, Torheiten und zu dem Missbrauche seiner Gewalt. Die Schlauesten unter ihnen wurden seine Lieblinge, gaben ihm Anschläge, wie er es anfangen müsste, der Nation noch den letzten Schatten von Freiheit zu rauben, und indem sie ihm behülflich waren, die unumschränkteste Gewalt in seine hände zu legen, regierten sie den Despoten und suchten sich auf Kosten des staates zu bereichern.

Nun wurden alle Bedienungen mit den Kreaturen der Lieblinge besetzt, Besoldungen und Jahrgelder an Unwissende und Bösewichte ausgeteilt; Parteilichkeit, Ungerechtigkeit und Bestechung herrschten in allen Departements. Man gab willkürlich Verordnungen und gesetz, deren eines dem andern widersprach, verhing gegen die Übertreter derselben Strafen, die nicht im Verhältnisse mit den Verbrechen standen und die man nach Gutdünken erschwerte, minderte oder nachliess. Freigeborne Menschen wurden wie Sklaven am leib bestraft, ja, endlich sogar am Leben.

In den Befehlen, welche der König gab, las man nun die Ausdrücke Gnade, untertänigste Befolgung und mehr solcher empörenden Phrasen. Man sprach von der Heiligkeit der person des Monarchen, von Majestät und dem Verbrechen der beleidigten Majestät.

Rechte, die jedem freien mann zukommen, zum Beispiel die wilden Tiere auf dem feld, die Vögel in der Luft zu schiessen und die Fische im wasser zu fangen, erklärte man für Regalien oder beschenkte nichtswürdige Günstlinge mit diesen Befugnissen.

Auch Handel und Gewerbe blieben nicht frei. Man erteilte Privilegien, Monopolia, Exemtionen von gewissen Verordnungen an einzelne Personen und hielt es nicht für Pflicht noch der Mühe wert, der Nation andre Ursachen für dies alles anzugeben, als dass es Seiner Majestät gnädig gefallen habe, es also zu verordnen.

Um jedoch irgendeinen Schein anzunehmen, als wenn diese abscheulichen Eingriffe in die Rechte der Menschheit und der gesunden Vernunft mit Beistimmung des volkes geschähen, versammelte man noch einmal die Repräsentanten der ganzen Nation; allein man wusste durch Bestechungen, Verheissungen und Drohungen die Wahl dieser Repräsentanten so zu lenken, dass nur sklavische und unwissende Menschen sich dort versammelten und alles billigten, was der Despot vorschlug.

Der König bauete sich eine grosse, prächtige Stadt, die Axum hiess, jetzt aber nicht mehr die Residenz ist, seitdem Gondar gebauet worden. Dort lebte er in asiatischem Puppenglanze, von seinen Sklaven umgeben. Man veranstaltete daselbst das ganze Jahr hindurch Feste, Schauspiele und Feierlichkeiten, welche die Augen des volkes blendeten, die Sinne reizten, die Vernunft übertäubten und von ernstaften Betrachtungen ableiteten. Da