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Mann in Abyssinien sich niederlassen und anbauen konnte, wo er wollte, so entstanden nach und nach Familien, die von Fremden abstammten und die hernach hie und da auch wohl andre in das Land lockten, wodurch zugleich fremde Sitten, Gebräuche und Bedürfnisse nach Abyssinien verpflanzt wurden.

Die Nubier waren durch den ersten unglücklichen Erfolg ihrer Waffen noch nicht vom Kriege abgeschreckt worden, sondern erneuerten ihre Anfälle in Abyssinien. Dies setzte die Einwohner in die notwendigkeit, sich stets zur Verteidigung bereit zu halten. Das Oberhaupt, der Fürst, war immer, wie wir gehört haben, ein alter Mann, folglich weniger geschickt, die Beschwerlichkeiten der Feldzüge auszuhalten, in denen er sein Volk, das jetzt kriegerisch geworden war, anführte. Dies lehrte die Abyssinier, dass es nun besser sei, bei entstehendem Todesfalle ihres Oberhaupts, einen jüngern Mann an seiner Stelle zu wählen. Natürlicherweise traf die Wahl den, welcher in den Feldzügen die grössten Beweise von Mut gegeben hatte. Nun also wurde, statt dass vorher bloss Weisheit, Alter, Erfahrung ein Recht zum Trone gegeben hatten, noch persönliche Tapferkeit ein Erfordernis, um Fürst zu sein.

Persönliche Tapferkeit hat zum teil ihren Grund in Organisation des Körpers, zum teil wird sie durch einen Entusiasmus, durch ein Ehrgefühl erzeugt, und beides pflegt in gewissen Familien fortgepflanzt zu werden. Der tapfre, nervige Sohn des tapfern, nervigen Fürsten focht an der Seite seines Vaters, wurde angefeuert durch das Beispiel seines Muts und zu haus durch kühne, grosse Grundsätze emporgehoben. Die achtung, Furcht und Ehrerbietung, welche man für den Fürsten empfand, fing bald an sich auch auf ihre Familien zu erstrecken. Bei einer neuen Fürstenwahl glaubte man dem tapfern Oberhaupte keinen bessern Nachfolger geben zu können als seinen tapfern Sohn. Nach Verlauf eines halben Jahrhunderts wurde es zu einer Art von Observanz, die Fürsten aus einer Familie zu wählen, um so mehr, da diese früh zu Regenten auferzogen wurden und keine andre Hantierung trieben. Endlich wurde ein Recht daraus, und das Reich wurde ein Erbreich.

Zwei Umstände trugen hierzu noch sehr viel bei. Nämlich erstlich: da jeder Bürger im staat, der das männliche Alter erreicht hatte, mitwählte und das Volk nun auf einen kriegerischen Ton gestimmt war, so hatte der tapfre Fürstensohn immer die Stimmen derer auf seiner Seite, unter deren Augen er bei der Armee gefochten hatte, indes die kleinere Anzahl der weisern Alten, die nicht mit im feld gewesen waren, wohl freilich lieber für einen Mann stimmten, der mehr durch Einsicht, Kaltblütigkeit und Erfahrung als durch Kühnheit und Mut des Trones würdig schien. Zweitens: der Tapferste gewann im Kriege die mehrsten Gefangnen, erhielt folglich die mehrsten Sklaven, konnte folglich reicher und mächtiger werden als die andern (und Reichtum verblendet ja das Volk und gibt Zuversicht), konnte endlich mehr Sklaven freilassen, die dann Bürger wurden, aber ihm aus Dankbarkeit verpflichtet blieben und seinem Sohne ihre stimme nicht versagten, vielleicht gar nur unter dieser Bedingung die Freiheit erhielten. Hier haben wir eine Entstehung der Hofkreaturen und den schwachen Anfang des dem Despotismus so vorteilhaften Lehnsystems in Abyssinien.

Auf stürmische zeiten folgten ruhigere; der Krieg, den die Nubier angefangen hatten, war hauptsächlich darauf abgezielt gewesen, sich in den Besitz einer Provinz von Abyssinien zu setzen, aus welcher ein Produkt gezogen werden konnte, an welchem es in Nubien fehlte. Dagegen gab es aber in diesem land wieder Produkte, welche man in Abyssinien nicht hatte. Kältere Überlegung unterrichtete beide Parteien von der Möglichkeit, durch Tausch ihre gegenseitigen Wünsche zu befriedigen; man schloss einen Vergleich. – Dies war die Entstehung des Handels, mit welcher wiederum die abyssinische Kultur, Stimmung und Verfassung eine andre Gestalt und Wendung bekamen, wovon es der Mühe wert ist, etwas weitläufiger zu reden; und das soll im folgenden Kapitel geschehen.

Zehntes Kapitel

Fragmente aus der mittlern geschichte von

Abyssinien

Wie gross der Einfluss ist, den der Handel auf die Kultur der Völker, auf ihren Geist und auf ihre Moralität hat, das erfährt jeder, der die geschichte mit einiger Aufmerksamkeit studiert; auch das Königreich Abyssinien fühlte bald diesen Einfluss, wie wir jetzt sehen werden. Vorher aber müssen wir noch zergliedern, welche Art von Revolution die Einführung des Geldes und die Entdeckung der Bergwerke bewirkten.

Da der Tauschhandel grosse Ungemächlichkeiten hatte, so wünschte man längst, eine Ware zu finden, die immer gleichen Wert behielte, die jedermann brauchen, leicht herbeischaffen, leicht in Verhältnis mit allen seinen Bedürfnissen setzen, die der allgemeine Massstab des Werts aller Landesprodukte werden könntemit einem Worte, die ihnen das würde, was wir Geld nennen. Ein Ausländer geriet nach Abyssinien und lehrte den Fürsten den Wert kennen, den andre Völker auf die edlen Metalle und auf Juwelen setzen, und den Gebrauch, welchen sie davon machen. Abyssinien ist reich an Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Edelsteinen aller Art, hat Salz, Marmor und dabei einen solchen Überfluss von Früchten, Korn und andern Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens, dass es dem Fremden nicht schwer hielt, dem Fürsten zu beweisen, wie gross der Vorteil des Handels auf seiten der Abyssinier sein würde, wenn man die Bergwerke fleissig betriebe, Gold und Silber zum Massstabe der grösseren Waren machte, zu kleinern Summen aber, statt der Scheidemünze, sich des blauen wollnen Zeugs bediente, welches im land verfertigt wurde.

Nun war nur die Frage, wer den Nutzen von den Bergwerken ziehen sollte. Erlaubte man jedem Eigentümer