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war, das auf meinen Wink herbeieilte, würde ich mich freilich bei einer so schleunigen Veränderung ein wenig links genommen, ja, ich würde es unbequem gefunden haben, einen Haufen müssiger, gaffender Menschen ohne Unterlass um mich zu sehen und über das, was ich ganz bequem selbst tun konnte, erst Worte und Zeit zu verlieren, bis ein andrer seinen Arm dazu ausstreckte; allein man nimmt nichts leichter an als die vornehmen Manieren, und so viel hatte ich schon auf meinem Gesandtschaftszuge gelernt, dass ich jetzt meinen Advokatenanstand gänzlich abgelegt hatte und die Rolle eines deutschen Edelmanns, in welcher mein Herr Vetter mich auftreten liess, vielleicht mit mehr Würde spielte als mancher Landjunker, der, durch ähnliche Protektion und Familienverbindung, in einen solchen Posten hinaufgerückt ist.

Am folgenden Tage nun wurde ich dem Monarchen vorgestellt. Meine Augen wurden fast verblendet von dem Glanze, den ich auf dem schloss erblickte; aber auch das hatte ich schon gelernt, dass vornehme Leute immer das Ansehen haben müssen, als fänden sie alles gemein und höchst alltäglich, was ihnen auch noch so fremd ist. Ich schritt zuversichtlich und selbstgenügsam durch die Reihe der Hofschranzen und Grossen des Reichs hindurch und hielt, nachdem ich mich, der dortigen Sitte gemäss, zur Erde geworfen hatte (wobei meine Nase einen derben Stoss bekam), an Seine Majestät, in deutscher Sprache, meine Anrede, in welcher ich nicht nur mein Dankgefühl auszudrücken suchte, sondern auch, nebst Überreichung der Schreiben von den verschiednen nubischen Höfen, einen kurzen Bericht von meinen glücklichen Verrichtungen erstattete.

Der König oder grosse Negus hatte einen kleinen Schaden am Gehör, und daher war es Mode, dass alle Hofleute ein wenig taub zu sein affektierten. Kaum hatte ich daher meine Rede begonnen, so zog, als wie auf einen Wink, der ganze hier versammelte Zirkel seine tubos acusticos oder Hörtrompeten aus den Taschen, hielt dieselben vor die Ohren und machte, ohne übrigens wirklich auf das achtzugeben, was ich sagte, die Pantomime des Wohlgefallens, die man schicklicherweise machen muss, wenn ein Mann von Gewicht redet.

Seine Majestät, ein Herr von vierundfunfzig Jahren, waren äusserst prächtig gekleidet; der hohe Turban war mit so viel Juwelen geziert, dass man damit hätte das ganze deutsche Grafenkollegium auskaufen können; auch waren Sie dabei gewaltig parfümiert und schön frisiert.

Als dieser feierliche Aktus vollendet war, bezeugte mir der Monarch seine gnädige Zufriedenheit und fragte nach allerlei gleichgültigen Dingen, z.B. ob ich böse Wege angetroffen hätte, wo sich jetzt der Fürst von Anhalt-Zerbst aufhielte, ob es wahr sei, dass die Jesuiten, die er aus Abyssinien vertrieben hätte, Gold machen und Geister sehen könnten, ob in Hanau noch so gute Pasteten verfertigt würden, ob man an den deutschen Höfen noch immer französisch redete u. dgl. m. Dann winkte der König dem Obermarschalle, dass er sich nähern sollte, und sagte ihm etwas in das Ohr, worauf dieser dem hof mit lauter stimme verkündigte, Seine Majestät hätten den anwesenden deutschen Kavalier (mich nämlich) zu Ihrem Baalomaal oder Gentilhomme de la Chambre und Obersten der Leibgarde ernannt. Hierauf küsste ich, mit der demütigsten Dankbarkeit, Seiner Majestät die Füsse, empfing die heuchlerischen Glückwünsche der neidischen Hofleute; der König erhob sich vom Trone, ging in sein Kabinett und wir nach haus.

"Aber um Gottes willen, verehrungswürdigster Herr Vetter", rief ich, sobald ich mit Joseph allein war, "was fange ich nun an? Ich verstehe nichts, weder vom Hof, noch vom Kavalleriedienste, bin, ausser auf den Philisterpferden in Helmstedt, nie zeit meines Lebens auf ein Pferd gekommen." – "Seid unbekümmert!" erwiderte er, "um Kammerjunker zu sein, braucht man gar nichts zu wissen, und bei der Garde du Corps, obgleich sie nur aus einer Schwadron besteht, sind, ausser Euch, noch sechs Obersten, die den Dienst für Euch tun können. Ihr seid zu grösseren Dingen bestimmt; dies ist nur der Anfang, um Euch einen Rang und Besoldung zu geben. Vorerst wird Euer Geschäfte sein, Seiner Majestät, wenn Sie einschlafen wollen, aus den Büchern, die ich Euch namhaft machen werde, etwas vorzulesen, mit Ihnen über die Verfassung der europäischen Staaten zu reden und Sie unvermerkt zu demjenigen zu stimmen, was ich durchzusetzen mir vorgenommen habe. Wenn Ihr dabei leidlich grade auf dem Pferde hängen könnt (ich will Euch schon eine geduldige Mähre geben lassen), sooft die Garde gemustert wird, und bei Tafel guten Appetit habt, so wird der Himmel schon weiter sorgen, bis der Zeitpunkt da ist, wo ich Euch in Eurem Fache ansetzen kann." – "Aber", sagte ich ängstlich, "mein Hauptfach sind die Pandekten, und was soll ich damit hier?" – "Noch einmal!" sprach mein Vetter mit Ungeduld, "verlasset Euch nur auf mich und räsonieret nicht!"

Achtes Kapitel

Fragmente aus der ältern geschichte Abyssiniens

Das vorige Kapitel ist besonders für solche Leser geschrieben, denen Gesandteneinzüge, Hoffeierlichkeiten, Fürstengespräche, Audienzen und dergleichen interessante Dinge sind. Diese Personen muss ich dann um Verzeihung bitten, dass ich jetzt solche Sächelchen linker Hand liegenlasse und einen andern Gegenstand abhandle, der ihnen trocken vorkommen wird, von dem ich aber notwendig eine kurze Übersicht geben muss, wenn mein Werk so verständlich und nützlich werden soll, als ich es von Herzen wünsche.

Um nämlich zu zeigen, wie mein