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seiner Dummheit zurückwies, wenn er es einmal wagte, nach etwas zu fragen. Ein glücklicher Leichtsinn und die Gabe, mit Lebhaftigkeit die kleinen guten Seiten an jedem Dinge zu entdecken und die Augenblicke von frohem Genuss zu erhaschen, hatte denn auch die Nation bis jetzt abgehalten, ernstaft über ihren traurigen Zustand nachzudenken und kräftige Mittel zu wählen, ihre schimpflichen Fesseln abzuschütteln; allein ich sah doch feste, edle Männer mit finsterm Blicke umherschleichen, sich zuweilen verstohlen die brüderliche Hand drükken und sich mit dem grossen, wohltätigen Plane beschäftigen, der auch nachher ist ausgeführet worden.

Von dem Könige von Tafak habe ich wenig zu sagen. Er ist den Türken zinsbar, welche ihm die Krone auf den Kopf gesetzt haben, die auf diesem leeren haupt nur so lange festsitzt, als er der demütige Diener der Pforte bleibt. Er ist aber von dieser gekrönten Sklavenrolle sehr zufrieden, insofern ihn seine Königsbedienung nur in den Stand setzt, ungestört in Völlerei und Wollust zu leben.

Sechstes Kapitel

Fortsetzung.

Beschreibung der kleinern Höfe Nubiens

Die kleinern Fürsten Nubiens, deren Höfe ich im Vorbeigehen besuchte, waren nicht weniger originell in ihrer Art als jene grossen; nur fehlte es ihnen an Macht, ihre Torheiten und Untugenden mit soviel Aufwande zu offenbaren. Grösstenteils erregten sie bei mir nur Mitleid und Lächeln. Wo sie aber konnten und durften, da übten sie eine Tyrannei aus, die, wenigstens für einzelne Untertanen, ebenso fürchterlich als die des grössten Despoten war.

Am auffallendsten war mir's, dass ich nicht einen dieser unbedeutenden Menschen sah, der nicht in seiner Residenz von zwanzig Häusern, in seinem Ländchen, das auf der Landkarte gänzlich bedeckt ist, wenn sich eine grosse Fliege daraufsetzt, sich so erhaben, so wichtig vorgekommen wäre als der Kaiser von China. Je kleiner ein solcher Gesalbter war, einen desto längern Titel gab er sich; ja, zwei von ihnen führten seit drei Jahren einen fürchterlichen Krieg miteinander, weil der eine sich unterfangen hatte, den Titel Herr des Sonnenscheins seinem durchlauchtigen Namen hinzuzufügen, da hingegen der andre behauptete, dies sei ein ausschliessliches Recht seines Hauses.

Indessen hindert doch dieser Hochmut nicht, dass einer in des andern Dienste tritt und sich dafür jährlich eine Kleinigkeit bezahlen lässt, dass er die Farbe trägt, worin der Nachbar seine Sklaven kleidet, oder dass er eine goldene Kette umhängt, die ihm ein Fürst, der einige Hufen Landes mehr als er besitzt, geschenkt hat und worauf eingegraben steht, dass dies ein Zeichen von Verdienst sein solle.

An jedem dieser kleinen Höfe herrschten ein andrer Ton, andre Grillen, andre Liebhabereien, und das alles, leider! auf Unkosten der armen Untertanen. Der Fürst von Schankala hatte einen übertriebnen Sammlungsgeist. Ich musste seine Kabinette besehen. An Messern und Scheren von aller Art, an Schuhen, Pantoffeln, Sandalen und dergleichen, und wie nur die Fussbekleidung heissen mag, die irgendein Volk des Erdbodens trägt, an Haarkämmen, Bürsten und andern ähnlichen Kleinigkeiten besass er einen solchen Schatz, dass er, zu Herbeischaffung dieser Dinge aus allen Teilen der Welt, sein Land mit ungeheuren Schulden belastet hatte.

Der Fürst von Goyam fand ein grosses Vergnügen an chirurgischen Versuchen und liess wöchentlich zweimal an einem seiner Untertanen eine Operation vornehmen; zum Beispiel ihm die Leber zur Hälfte aus dem leib schneiden, um zu sehen, wie lange man ohne Leber noch atmen könne. Dies war in der Tat sehr unterrichtend für junge Wundärzte; dabei war er so billig, wenn ein Mensch in einer solchen bei lebendigem leib vorgenommnen Sektion nicht starb, ihm ein kleines Jahrgeld auszusetzen, welches denn auch, wenn die Kassen nicht erschöpft waren, zuweilen wirklich ausgezahlt wurde.

In Gonga habe ich die prächtigsten Pferde, Kamele und Elefanten gesehen, die in Afrika gefunden werden können. Es ist wahr, dass diese Tiere so viel frassen, dass darüber jährlich tausend Untertanen verhungern mussten; allein dagegen konnte sich auch kein Kaiser rühmen, einen solchen Schatz zu besitzen, und mehr Löwen, Hyänen, Affen aller Gattungen, Ratzen, Ibis und dergleichen sind nirgends anzutreffen als in der Menagerie zu Gonga. Ein Spottvogel sagte einst, der Hof von Gonga sei ein Hof voll Vieh und das sei doch ein angenehmer Anblick.

Der Fürst von Enam war ein grosser Beförderer der schönen Künste. Alle Suppliken, welche ihm eingereicht wurden, mussten in Versen verfasst sein; nicht anders als singend durfte ihm referiert werden. Sein oberster Paukenschläger und der Geheime Posaunenbläser, welche beide zugleich Sitz und stimme im Ministerio hatten, bekamen jeder doppelt soviel Gehalt als der Justiz- und der Finanzminister.

Der unumschränkte Beherrscher des kleinen Landes Ghedm liess prächtige Paläste errichten und herrliche Gärten anlegen. Seine Schlösser, mit allen ihren Nebengebäuden, hatten einen solchen Umfang, dass seine sämtlichen Untertanen darin hätten wohnen können. Es wäre fast zu wünschen gewesen, dass er sie dazu hätte einrichten lassen; denn die armen Leute konnten es doch in ihren verfallnen Hütten nicht aushalten, sondern wanderten haufenweise aus, um sich den herumziehenden Nomaden zuzugesellen.

In Damot war die Gelehrsamkeit zu haus; der Fürst beschäftigte sich mit spekulativen Wissenschaften. Für diesen Herrn war es wirklich schade, dass ihm seine Studien nicht Musse liessen, sich der Landesregierung anzunehmen; es fehlte ihm gar nicht an Fähigkeiten dazu. Nun aber war alles in den Händen seines General-Ober-Land-und-Feld-Sonnenschirm-Trägers, der sein Liebling war und von dem man nun freilich nicht ohne Grund behauptete,