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was zur Annehmlichkeit des Lebens dienen kann; sie bestehen aus den schönsten, reizendsten Gegenden, in einem milden, gemässigten Himmelsstriche gelegen. Die Einwohner haben Verstand, Witz und Liebe zu den Wissenschaftenmit einem Worte! ich bin überzeugt, dass, wenn unsre europäischen Majestäten hoffen dürften, mit einigem Erfolge die Sache betreiben zu können, man schon längst einem Professor aufgetragen haben würde, in einer gründlichen Deduktion das Recht zu beweisen, sich in Seiner Marokkanischen Majestät Provinzen zu teilen.

Ich genoss ausgezeichnete achtung an dem hof dieses Kaisers und wurde reichlich beschenkt. Um dafür meine Dankbarkeit zu zeigen und die Ehre des königlich abyssinischen Gesandten zu behaupten, kam ich auf den Gedanken, Seiner Majestät eine vollständige europäische Kleidung zu Füssen zu legen. Ich suchte also meinen leberfarbnen Rock mit der blauen Weste, sodann Beinkleider, Hut, Schuhe, Hemd, Schnallen, Strümpfe, kurz, alles, was zu einem zierlichen Anzuge nach unsrer Weise gehört, hervor und liess mir dies aufs Schloss nachtragen. Der Kaiser hatte eine unbeschreibliche Freude bei dem Anblicke aller dieser Stücke und lachte überlaut über die Menge von Kleinigkeiten, mit allen Knöpfen, Lappen, Ecken, Nähten und dergleichen, woraus diese Kleidung bestand, von welcher er behauptete, dass sie dem menschlichen Körper ein solches verschobnes, unförmliches Ansehen gäbe, dass, wer das zum ersten Male sähe, kaum wissen würde, was für eine Kreatur in diesem Flickwerke steckte. Er lachte so überlaut, dass er fast erstickt wäre, und statt, dass ich erwartet hatte, er würde den europäischen Geschmack bewundern, erlebte ich die Demütigung zu sehen, dass Seine Majestät es gar nicht für möglich hielten, dass ein Mensch im Ernst also gekleidet sein könnte. Ja, er befahl seinem Hofnarren, diesen leberfarbnen Rock, nebst Zubehör, jeden Mittag nach Tafel anzuziehen und also vor ihm zu erscheinen, damit er ihn aufs neue in lustige Laune versetzen und dadurch seine Verdauung befördern möchte. Indessen schien er doch grossen Wert auf dies Geschenk zu setzen. Ich beurlaubte mich, stieg nebst meinem Gefolge in Mazagan in ein Schiff, das ausdrücklich für mich, und zwar aufs prächtigste, ausgerüstet war. Eine Fregatte diente zu unsrer Bedeckung. Wir fuhren vor Gibraltar vorbei, hielten uns immer nahe an der barbarischen Küste und stiegen in Tolomita, einem Hafen im Königreiche Barkan, an das Land.

Fünftes Kapitel

Fortsetzung des vorigen. Kurze Schilderung einiger

grossen afrikanischen Höfe, die der Verfasser bei

seiner Durchreise besuchte

Mein Herr Vetter hatte mir geschrieben, ich sollte von Barkan aus an der Grenze von Ägypten hinauf und dann durch Nubien reisen, woselbst ich an den Höfen der Könige, die dem Monarchen von Abyssinien zinsbar sind, wichtige Geschäfte zu besorgen hatte.

Es gehört nicht zu dem Plane meines Werks, eine weitläufige Beschreibung dieser in der Tat sehr beschwerlichen Reise zu liefern; ich fand übrigens, als ich nach Tolomita kam, dass man dort von Gondar aus alles so eingerichtet hatte, dass ich mir die möglichste Gemächlichkeit und Sicherheit auf meinem Wege versprechen konnte. Jetzt bedurfte ich nun auch kaum noch eines Dolmetschers, und so reisete ich denn mit meinen Leuten getrost längs dem Nil fort, der, in einer Entfernung von einigen Meilen, mir zur linken Seite hinfloss. Ich ritt auf einem Elefanten; hinter mir sass ein schwarzer Sklave, der mir, sooft mich dürstete, in einem Becher Met oder Hydromel reichte, wovon ein grosser Vorrat in Schläuchen auf den Kamelen, welche meine Leute ritten, mitgeführt wurde. – Was nicht aus einem Menschen werden kann! Wer hätte ein paar Jahre vorher denken sollen, dass der Advokat Benjamin Noldmann, der in Goslar kaum das liebe Brot hatte, jetzt, mit einem glänzenden Gefolge als Gesandter, an den afrikanischen Höfen herumziehen würde?

Obgleich ich mir nun vorgesetzt habe, keine ausführliche Schilderung von diesen Höfen zu liefern, so will ich doch im Vorbeigehen über einige derselben etwas sagen; einst aber denke ich geographische, politische, statistische, kameralistische, philosophische, teologische, physikalische, medizinische und andre Bemerkungen über Nubien und dessen Könige und Fürsten herauszugeben. Da ich ein ganzes Jahr lang an den Höfen in Nubien herumgereiset bin, so habe ich gelegenheit genug gehabt, diese Bemerkungen zu machen.

Der erste König, den ich sah, war der von Sennar. Er ist unumschränkt in seiner Macht, aber ganz blödsinnig. Bei der Audienz, welche ich bei ihm hatte, war er auf dem Trone festgebunden, weil ihn sonst zuweilen in der Narrheit die Grille anwandelte, den Gesandten oder andern Fremden auf die Schultern zu springen oder mit Gewalt einen Schleifer mit ihnen zu tanzen. Wie das Land unter dem Zepter eines solchen Monarchen regiert wird, das kann man sich leicht einbilden. Die Personen seiner Familie und die Grossen des Reichs reissen ihm diesen Zepter wechselsweise aus der Hand, suchen einer den andern zu stürzen; oft lässt ihn dieser etwas unterschreiben, das dem widerspricht, was jener eine Stunde vorher hat ausfertigen lassen; das Glück der Untertanen ist ein Spielwerk der Kabale; Gunst und Gabe und Privatleidenschaften, Nepotismus, Rachsuchtdas sind die Triebfedern, und an ein festes System ist nicht zu denken.

Der König von Dequin war ein grosser Liebhaber der Fischerei. Zwei seiner schönsten Provinzen hatte er, mit ungeheuern Kosten, ausgraben und in Seen ummodeln lassen; ja, ein Schmeichler hatte ihm einst den Vorschlag getan, das ganze Reich in ein Meer zu verwandeln, auf demselben mit seinem volk in