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beschlossen daher, das Schiff nicht zu verlassen, und suchten auch unsre gefährten von ihrem tollen Vorhaben abzuhalten, allein vergebens. Niemand verlor früher die Gegenwart des Geistes als unsre beiden Philosophen, und ihrem Beispiele folgten bald alle übrigen Deutschen; jeder ergriff sein Bündel und eilte hinunter in die Schaluppe. Allein die stürmische Bewegung des Meers legte diesem Vorhaben gewaltige Schwierigkeiten in den Weg. Verschiedne von denen, die diesen Sprung wagten, erreichten das Boot nicht, sondern wurden von den Wellen verschlungen, und die übrigen beschwerten das kleine Fahrzeug so, dass es vor unsern Augen untersank. – Und so waren denn von allen nach Abyssinien gereisten Deutschen nur wir beide noch übrig, und auch uns umschwebte fast unvermeidliche Todesgefahr.

Alles kam jetzt auf Gegenwart des Geistes an, und diese fehlte dem grössten Teile des Schiffsvolks, das noch obendrein betrunken war, indem es sich, in der Verzweiflung und allgemeinen Verwirrung, der Branntweinsfässer bemächtigt und diese fast ganz ausgeleert hatte. Selbst das Feuer war auf diese Weise entstanden, indem ein Matrose einem noch angefüllten Fasse mit dem Lichte zu nahe gekommen war und den Branntwein angesteckt hatte. Unser Schiffskapitän, ein entschlossner Mann, traf die besten Anstalten zum Löschen und war so glücklich, in kurzer Zeit seinen Zweck zu erreichen. Indes strengten auch wir unsre letzten Kräfte an und versammelten bald einige Matrosen um uns (denn nun hatte die dringende Not alle wieder nüchtern gemacht), mit denen wir ohne Unterlass pumpten, bis es endlich auch dem Schiffszimmermann gelang, den Leck zu finden und notdürftig zu verstopfen.

Um die Hoffnung zu unsrer Rettung zu erhöhen, fing auch der Sturm an, sich allmählich zu legen; und bald sahen wir über uns den heitersten Himmel und um uns her die ruhige Spiegelfläche des besänftigten Meersja, wir hatten die Freude, durch unsre Gläser von fern die genuesische Küste zu erblicken. Diese glücklichen Umstände belebten eines jeden Mut wieder. Man flickte noch einen kleinen Mast zusammen, brachte das Segelwerk ein wenig in Ordnung, und so erreichten wir bald den Hafen. Wir dankten, gewiss sehr inbrünstig, Gott für unsre Rettung, widmeten unsern verlornen gefährten eine Träne und eilten, unsre Reise zu land fortzusetzen, nachdem wir zuvor europäische Kleidung angelegt hatten.

Unser Plan war, durch den obern teil von Italien über die Alpen, durch Österreich, Bayern, Schwaben, Franken und Sachsen zu gehen; mein Herr Vetter machte mir einige Hoffnung, an meiner Seite den Rest seines Lebens in meiner lieben Vaterstadt Goslar hinzubringen; und so begaben wir uns dann getrost auf den Weg. Was für Empfindungen aber unsre Seelen durchströmten, als wir zuerst den Fuss auf deutschen Boden setztenoh! wer könnte es unternehmen wollen, das zu beschreiben?

Wir waren, ohne alle Unfälle, bis Bopfingen gekommen, als meinen armen Vetter eine Krankheit befiel, die ihn nötigte, vier Wochen lang das Bette zu hüten. Gefährlich war diese Krankheit nicht, aber beschwerlich und schmerzhaft, denn sie bestand in gichtischen Zufällen. Ich wich selten von seinem Bette, und wir verkürzten uns mehrenteils die Zeit durch Rückerinnerungen an die erlebten ausserordentlichen Vorfälle, durch gespräche über Abyssinien, und waren oft so stolz, uns zu schmeicheln, wir hätten doch auch, durch Beförderung der Aufklärung, unser Scherflein zu der erwünschten Revolution beigetragen, die jetzt diesem Reiche bevorstünde.

Wir hatten uns in Bopfingen in einem Gastofe niedergelassen, in welchem die Wirtin die Witwe eines Notarius und noch in ihren besten Jahren war. Die gute Frau bezeugte meinem Herrn Vetter in seiner Krankheit ungewöhnlich viel zärtliche Sorgfalt und Aufmerksamkeit, und dies stimmte, wie ich bald merkte, sein Herz zum Vorteile der artigen Witwe. Eines Morgens nun, als ich zu ihm in das Zimmer trat, begann folgendes Gespräch unter uns:

WURMBRAND: Sagt mir doch, mein lieber Vetter, habt Ihr nie Lust gehabt zu heiraten?

ICH: Ei nun, mein lieber Vetter! Jeder hat seine schwachen Augenblicke, und wenn dann eine gute Mahlzeit und ein Glas voll alten Weins

WURMBRAND: Ihr versteht mich unrecht; ich meine, ob Ihr nie daran gedacht habt, zur Pflege in Eurem Alter und überhaupt zur Annehmlichkeit des Lebens, Euch eine Gefährtin zuzugesellen.

ICH: Damit ich nachher doppelte Lasten zu tragen hätte? Nein! dazu habe ich nie Lust gehabt, tadle aber niemand, der diesen Schritt tut, und auch Euch nicht, mein Bester, der Ihr, wie ich merke, im Begriff seid, so ein Stückchen zu wagen. Ich will Euch die Mühe ersparen, mir Eure Absichten mit allen den Bewegungsgründen vorzutragen. Mir gefällt die Frau; auch hat sie Vermögen; Ihr fügt das Eurige hinzu; die Gastwirtschaft wird aufgegeben und Ihr lebt hier als Privatmann von Euren schönen Renten. – Das alles finde ich recht gut und wohl ausgedacht.

WURMBRAND (mich umarmend): Nun! so hebt Ihr mir doch einen schweren Stein vom Herzen; ich dachte schon, Ihr würdet die Sache nicht billigen. Aber nun tritt noch ein gar kurioser Umstand ein; die gute Frau will nämlich durchaus, weil ihr erster Mann Notarius gewesen, auch jetzt niemand heiraten als einen solchen, der diesen Titel führt. Nun wäre der freilich leicht zu erhalten; aber wenn man denn wieder bedenkt: in Gondar erster Minister und hier Notarius. – Doch was ist am Ende aller eitler Glanz, alle Titelsucht?

ICH: So gefallt Ihr mir, Herr Vetter! Die Hand her! Ihr werdet