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Bestimmung reden! Ihr könnt nicht in Abyssinien bleiben; ich sehe voraus, dass von allen meinen Vorschlägen der, keine Ausländer unter uns zu dulden, den allgemeinsten Beifall finden wird. Und wollten wir auch zu eurem Vorteile eine Ausnahme machen, so weiss ich doch gewiss, dass ihr bald anfangen würdet, euch unbehaglich zu fühlen. Reiset also, begleitet von meinen besten Wünschen, in euer Vaterland zurück! Noch habe ich, aber, wie ich hoffe, nicht lange mehr, unumschränkte Gewalt in diesem Reiche; ich glaube es verantworten zu können, dass ich euch nicht mit leerer Hand von hier ziehen lasse. Ich will euch soviel Gold und Edelgesteine mitgeben, dass ihr den Rest eures Lebens bequem und ruhig in Deutschland sollt hinbringen können. Rüstet euch also zur Reise! Für eure Sicherheit und Bequemlichkeit bis an den Hafen von Kairo in Ägypten soll gesorgt werden; dort werdet ihr leicht ein europäisches Schiff finden, das euch aufnehmen kann. Es tut mir leid, mich von euch trennen zu müssen, aber unser Verhängnis will es so; ihr könnt vielleicht eurem vaterland noch sehr nützlich werden; es scheint, als wenn bald zeiten kommen würden, wo man auch dort des Rats und der hülfe verständiger, vorurteilsfreier und vorsichtiger Männer bedürfen wird. Dann habt ihr einen grossen und würdigen Gesichtskreis vor euch. Lebet also wohl! – Doch wir sprechen uns noch vor eurer Abreise.

Mit diesen Worten verliess uns der gute Prinz, ohne unsre Antwort zu erwarten.

Sechsundzwanzigstes, letztes Kapitel

Abreise der Europäer aus Abyssinien. Seesturm.

Nur der Verfasser und sein Herr Vetter retten ihr

Leben und lassen sich in Deutschland nieder.

Schluss

Ich gestehe, dass es meinem Herrn Vetter und mir ein bisschen wehe tat, ein Reich verlassen zu müssen, in welchem, nachdem wir so manche unangenehme und unruhige Szenen darin erlebt hatten, wir nun erst recht glückliche und heitre Tage zu sehen hofften; doch erwachte auch in unsern Herzen die Vaterlandsliebe, und das grossmütige Versprechen des Prinzen, uns reichlich zu beschenken, eröffnete uns die frohe Aussicht, in Deutschland ohne Nahrungssorgen das Alter herbeikommen zu sehen. Dies Versprechen blieb nicht lange unerfüllt; wir bekamen, Herr Wurmbrand und ich, jeder an Golde und Diamanten für mehr als dreissigtausend Taler zugeteilt, welches uns in der Tat, nebst dem, was wir nun erspart hatten, zu reichen Leuten machte. Nach Verhältnis wurden auch unsre übrigen Landsleute sehr grossmütig ausgestattet. Die Pädagogen hatten noch ausserdem gelegenheit gefunden, sich hübsche Kapitälchen zu sammeln, die Philosophen und Künstler hingegen waren hie und da, besonders in den Wirtshäusern, schuldig; der Prinz bezahlte aber auch diese Rückstände; der Tag unsrer Abreise wurde angesetzt und kam endlich herbei.

Mit Tränen in den Augen nahmen wir von unserm edlen Fürstensohne und seinem vortrefflichen Mentor Abschied und wünschten ihnen tausendfachen Segen zu ihrem grossen Vorhaben; dann machten wir uns auf die Reise. Unsre Karawane war gross und ansehnlich; wir zogen längs dem Ufer des Nils fort. Für unsre Sicherheit und Gemächlichkeit war so sehr gesorgt, dass wir keine Art von Unbequemlichkeit fühlten und nichts entbehrten, was dazu dienen konnte, uns die kleinen unvermeidlichen Beschwerden eines so weiten Weges in diesen zum teil unbewohnten Gegenden vergessen zu lassen. übrigens hatten wir alles, was das Reisen angenehm machen kann, Gesundheit, einen bespickten Beutel und gute Gesellschaft. Unsre Unterhaltung war mannigfaltig; bald spielten uns ein Paar Tonkünstler auf ihren Instrumenten ein schönes Duetto und beseelten von ihren Kamelen herunter das stille Tal durch ihre Harmonien, bald verkürzten uns unsre gelehrten gefährten die Zeit durch sokratische gespräche, indes wir, um auszuruhen, unter Zelten gelagert die vollen Becher aus Hand in Hand ringsumher gehen liessen. Und wenn einmal eine kurze Frist hindurch alles schwieg, dann beschäftigten jeden für sich angenehme Plane für die Zukunft.

Auf diese Weise kamen wir glücklich in Kairo an und schickten unser Gefolge mit schriftlichen Zeugnissen unsrer wärmsten Dankbarkeit nach Gondar zurück.

Wir brauchten hier nicht lange auf gelegenheit zu harren, nach Europa zu kommen. Ein genuesischer Schiffer, der ausser dem fast ganz leer hätte zurücksegeln müssen, nahm uns sämtlich mit unsern sehr geringen Päckereien (denn das mehrste davon bestand in Gold und Juwelen) an Bord.

Unsre Fahrt war anfangs sehr glücklich; wir hatten das schönste Wetter, bis wir schon von fern die reizenden italienischen Küsten erblicken konnten. Da aber erhob sich ein fürchterlicher Sturm, der mit jeder Viertelstunde zunahm. Die Leser erinnern sich vermutlich aus Reisebeschreibungen mancher Schilderung eines Seesturms; ich will sie also mit Ausmalung des unsrigen verschonen. Lange hatten wir in der schrecklichsten Gefahr geschwebt und alle unsre Kräfte erschöpft; zwei Masten waren gekappt; die wenigen Kanonen, und was noch etwa von schweren Gütern auf dem Schiffe gewesen, war über Bord geworfen worden, um die Last zu erleichtern und zu Verstopfung eines grossen Lecks Anstalt machen zu können, den das Schiff, durch einen heftigen Stoss an einem Felsen, bekommen hatteals auf einmal ein klägliches Geschrei, es sei Feuer im raum, unser Elend aufs höchste trieb und einen grossen teil der Equipage zur Verzweiflung brachte. Nun rief jedermann, man solle die Schaluppe aussetzen, und so gefährlich dies Unternehmen war, so wurde es doch mit Gewalt ins Werk gesetzt. Kaum aber war dies geschehen, so drängte sich alles hinzu, um in dies kleine Fahrzeug zu springen und sein Leben zu retten. Wir sahen, mein Herr Vetter und ich, voraus, welchen kläglichen Ausgang dies nehmen würde,