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hervordie rasende Verzweiflung rollte sich in scheusslichen Zügen auf seiner Schattengestalterwer kann den Frevel ausdrücken?

Alle Teufel bebten bei seinen Worten und erstaunten über seine Vermessenheit. Seit der Entstehung der Hölle herrschte keine solche Stille in dem dunklen furchtbaren Reiche, der wohnung ewigen Jammers, ewigen Geheuls. Faust unterbrach sie und forderte den Satan zur Erfüllung seines Versprechens auf.

SATAN: Tor, wie kannst du von mir erwarten, dass ich, der Herrscher der Hölle, dir mein Wort halten sollte, da man kein Beispiel hat, dass ein Fürst der Erde je sein Wort gehalten hätte, wenn er nichts dabei gewann. Wenn du vergessen kannst, dass du ein Mensch bist, so vergiss nicht, dass du vor dem Teufel stehst. Meine Teufel erblassten bei deiner Verwegenheit, mein fester, unerschütterlicher Tron erbebte bei deinen vermessnen Worten, und ich glaubte einen Seigerschlag, ich hätte zu viel gewagt. Fort, deine Gegenwart macht mich unruhig, und du beweisest, dass der Mensch mehr tun kann, als der Teufel ertragen mag. Zerrt ihn in den schrecklichsten Winkel der Hölle, dort schmachte er in düstrer Einsamkeit und starre hin vor der Betrachtung seiner Taten und dieses Augenblicks, der nie zu versühnen ist. Dass ihm kein Schatten nahe! Geh und schwebe allein und verloren im land, wo keine Hoffnung, kein Trost und kein Schlaf wohnen. Nur im Vergangenen, im Bewusstsein deines Wahnsinns und deines Frevels sollst du leben. Die Zukunft, die eure Eitelkeit und euer Stolz so gern ausschmücken, sei für dich nichts als der schreckenvolle Gedanke, dein Dasein sei eine ewig fortlaufende Reihe einer unveränderlichen Qual, eines unveränderlichen, peinlichen Gefühls deines Selbsts. Nur ein einziges peinvolles Gefühl sollst du fühlen, nur einen einzigen peinvollen Gedanken denken. Es soll dir Genuss zu sein scheinen, diesen endlosen Schmerz nur mit einem andern wechseln zu können. An deiner Seele sollen ewig die Zweifel nagen, die dich in deinem Leben gequält haben, und nie soll sich dir eins der Rätsel entüllen, um deren Auflösung du hier bist. Dies ist die peinlichste Strafe für einen Philosophen deiner Art, und ich habe sie vorzüglich meinen Schülern vorbehalten. Die Hölle ist voll von ihnen, und du hast den Samen zu grössrer Bevölkerung meines Reichs ausgestreut. Reisst ihn weg, martert ihn! Fasst diesen Papst und werft ihn in einen andern Winkel, in der Hölle ist ihresgleichen nicht.

Nach den Worten Satans ward Fausts Gestalt immer schwärzer und schwärzer. Die Züge der Menschheit verloschen. Ein düstres, gestaltloses, scheussliches, schwimmendes Gewebe umschlang seine Seele. Noch wütete er, die Wut schoss glühende Funken aus dem gestaltlosen Gewebe und erleuchtete es. Zum letztenmal wütete er. Leviatan brüllte: "Ich will ihn ergreifen und mich nochmal an dem rächen, der mich gezwungen hat, die mir verhasste Erde, das mir noch verhasstere Teutschland zu betreten." Und er ergriff mit eiserner Faust das düstre verzerrte Gewebe samt der Seele Fausts. Da goss sich die gedrohte Qual über ihn aus, und ein Stöhnen erscholl aus dem Gewebe, dass, hätten es Menschen mit Ohren, aus Fleische gebildet, vernommen, ihr Herz wäre bei dem Stöhnen erstarrt und die Quelle ihres Lebens versunken. Noch stöhnte Faust aus dem düstren Gewebe unter Leviatans eiserner Faust. Als er mit ihm bei den heulenden Verdammten vorüberfuhr, fühlten sie bei dem schrecklichen Stöhnen zum erstenmal Mitleid mit einem ihresgleichen und vergassen das Geheul über ihren eignen Jammer. Noch schwebte das Gewebe und verlor sich nun tiefer und tiefer in der unendlichen Ferne. Dann schleifte es Leviatan über die verbrannten Felsen hin, dass die noch glühende Asche unter ihm aufloderteschwung sich mit ihm empor bis zu der ehernen Wölbung der Hölle, schleuderte ihn herunter, und er sank in den einsamen Abgrund. So erhebt sich die kühne Seele des Forschers verwegen bis zu dem Begriff des Unfasslichen, Unbegreiflichen in die Höhe, bis das Gefühl des menschlichen Unvermögens ihre Flügel lahmt und sie wirbelnd, schwindelnd in ihr Dunkel zurücksinkt, um in Verzweiflung zu erwachen.

Belial, der Aufseher und Beherrscher der verdammten Päpste, Erzbischöfe, Bischöfe und gefürsteten Äbte, ergriff die Seele Alexanders; eine Mischung von scheusslichen, widersinnigen Gestalten hatte sie umhüllt und ein furchtbares Ungeheuer gebildet, dass die Verdammten, gewöhnt an scheussliche Gestalten, gleichwohl vor Entsetzen ihre Häupter in den glühenden stinkenden Pfuhl tauchten, da Belial mit dem Papst bei ihnen vorüberfuhr.

Nach ihrem Verschwinden sagte Satan lächelnd:

"Das sind mir Menschen, und wenn sie etwas Scheussliches vorstellen wollen, malen sie den Teufel; so lasst uns denn, wenn wir etwas Schändliches vorstellen wollen, den Menschen zur Wiedervergeltung malen, und dazu sollen mir Philosophen, Päpste, pfaffen, Fürsten, Erobrer, Höflinge, Minister und Autoren sitzen!"

Epilogus

So fasse sich ein jeder in Geduld und dringe nicht auf Kosten seiner Ruhe verwegen in die Geheimnisse, die der Geist des Menschen hier nicht entüllen kann und soll. Auch richte keiner; denn keinem ist das Richteramt gegeben. Halte deine rasche Aufwallung bei den Erscheinungen der moralischen Welt, die dein Herz empören, deinen Verstand verwirren, im Zaum und bebe, ein Urteil zu fällen, denn du kannst nicht erkennen, wie und woher sie kamen, wohin sie zielen und wie sie für den enden, der sie veranlasset. Dem Geist des Menschen ist alles dunkel, er ist sich selbst ein Rätsel. Lebe in der Hoffnung, einst helle zu sehen, und wohl